Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1891)
- Date
- 1891-06-05
- Page
- Seite 276 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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276 Rerse-Sriefr. Von Albert Katz. I. ' „Haben Sie schon geomert?" Diese Frage richtete an inich vor einigen Tagen ein jüdischer Reisegefährte, als wir Abends 8 Uhr mit dem Schnellzug aus F. kommend in B. eintrafen. j „Geomert! geomert! mein Herr," sagte ich, „ich verstehe Sie nicht, das Wort „geomert" ist mir völlig unbekannt." „Ach ja," entgegnete mein Reisegefährte mit einem mitleidigelt Lächeln, „in Ihrer Gegend kennt man diesen Ausdruck nicht; ich meine, ob Sie schon Omer gezählt haben?" „So, so," sagte ich, „jetzt verstehe ich Sie: Sie frugen mich, ob ich schon Sephira gez . . . .," verschlang aber die letzte Silbe, um nicht, da doch Sephira zählen bedeutet, in seinen Augen als Ignorant zu gelten. Zu meiner Beruhigung aber gewahrte ich bald, daß mein Befürchten ganz unbegründet war. Mein siiddeutscher Reisegefährte schien mehr fromm als der Sprache seiner Väter kundig zu sein; denn er sagte: „Omer- oder Sephirazählen ist ja ein und dasselbe, und," fügte er hinzu, „da wir hier ohnehin übernachten müssen, möchte ich Ihnen den Vorschlag machen: wir lassen unser Gepäck beim Portier und begeben uns sofort in die Synagoge, wo um diese Zeit allabendlich geomert wird." Ich hatte gegen diesen frommen Vorschlag nichts einzuwenden, und nach Verlauf von zehn Minuten befanden wir uns in dem schönen Gotteshaus, das von Andächtigen bereits ziemlich gefüllt war. Wie einst Hanna in der Stiftshütte zu Siloh verrichtete Jeder leise und still sein Gebet, so daß im Gotteshause eine beängstigende Ruhe herrschte, die auf mich, einen Freund von Beethoven'schen Symphonieen, bald eine unheimliche Wirkung ausgeübt hätte, wäre sie nicht ab und zu durch das melodische Eingreifen des Kantors unterbrochen worden. Als aber der Vorsänger vor dem Omerzählen den Segensspruch rezitirte, spitzten alle Andächtigen die Ohren, und wie aus einem Traume erwacht, sprachen sie alle andächtig und mit lauter Stimme die vorgetragene Zahl nach. Auch ich zählte andächtig mit; aber in meinem Kopf tobte ein Meer von Gedanken, und in nieiner Phantasie erblickte ich Bilder vergangener Zeiten, die mir den Werth und die Bedeutung des Omerzählens verriethen. In Süddeutschland, wo um diese Zeit, zwischen Peffach und Schabuoth, jüdisches Blut wie Wasser vergossen wurde, wird mit Recht auf das Omerzählen solches Gewicht gelegt. In den Gotteshäusern, an jenen heiligen Stätten, wo einst die unglücklichen Väter vor verruchter Mörderhand vergebens Schutz und Zuflucht gesucht hatten, versammeln sich nun allabendlich ihre Nachkommen, um Omer zu zählen: zu zählen die Thränen, die einst die Väter vergossen, zu zählen die Namen der Bedrücker und Verfolger, die in Nacht lind Vergessenheit gerathen sind, und — zu zählen die Wunder, die eine gütige Vorsehung täglich und stündlich an uns vollzieht. Wahrlich, das Schicksal emcs Volkes in Zahlen dokumentirt, hat etwas Beruhigendes und Tröstendes an sich. Kein anderes Volk ist so arm an guten Tagen und so reich an Leiden wie Israel, aber eine Arithmetik und Statistik dieser Leiden, die unbewußt alljährlich das Omerzählen bietet, verleiht uns die Kraft, unser. Geschick mit Würde zu tragen. Wer weiß, wie lange ich mit meinen Gedanken beschäftigt in der Synagoge noch geblieben wäre, wenn nicht mein mir immer zuvorkommender Reisegefährte mich ans Verlassen des Gotteshauses erinnert hätte. Als wir kurze Zeit daraus beim Glase Wein saßen und die Tagesneuigkeiten besprachen, frug mich mein neuer Freund, der, nebenbei bemerkt, in Frankfurt a. M. die Welt erblickt hat, ob ich den seligen Brüll kannte. „Gewiß," sagte ich, „vor einem Jahre hatte ich die Ehre und das Vergnügen, eine ganze Stunde mich mit ihm zu unterhalten." „Also," versetzte mein Freund, „war er wirklich ein so bedeutender Gelehrter? Merkwürdig, er hat ja nicht schön gesprochen!"') „Ja," sagte ich fast ärgerlich, „wenn Sie das Wisien und' die Gelehrsamkeit unserer Herren Rabbiner nach ihrem schönen oder nicht schönen Sprechen und Predigen beurtheilen wollen, so haben wir viele, viele gelehrte und bedeutende Rabbiner in Israel; allein Sie wisien doch, daß selbst unser großer Gesetzgeber, unser Lehrer Moses, kein großer Redner war. Es ist schon leicht möglich, daß Moses, desicn Worte mit unvergänglicher Sternenschrift im Herzen Israels eingegraben sind, wenn er gegenwärtig unter uns gelebt hätte, ebenso verkannt worden wäre, wie alle großen Geister in Israel verkannt werden, die sich seine Bescheidenheit aneignen." „Die Sonne des Genies" — sagte Saphir sehr treffend — „hat fast immer das Schicksal wie die Sonne selbst, man späht nach nichts eifriger, als nach ihren Flecken, man schließt die Augen zu, so lange sie bei uns weilt, und sieht ihr nur dann freundlich nach, wenn sie untergegangen ist." „Ja, lieber Freund," fuhr ich fort, „unsere Wiffenschaft ist erhaben, alt und ehrwürdig wie eine Pyramide, aber sie liegt in einer Wüste und ist die Wohnung des Todes. Unsere Geistesheroen werden von unseren Glaubensgenossen erst dann anerkannt, entweder wenn sie die Wüste verlassen — oder wenn sie ins Jenseits abdampfen. Heine und Börne verließen die Wüste, wurden fahnenflüchtig und fanden bei ihren ehemaligen Glaubensgenossen Verehrung und Anerkennung; Zunz, der seinem Volke bis zum letzten Athemzuge treu geblieben und der für die Wiffenschaft entschieden mehr als sie alle geleistet hat, mußte erst eine Reise ins Jenseits antreten, um von seinen Glaubensgenoffen die Anerkennung zu erringen. Ich meine aber, daß unfern Glaubensgenossen noch bis jetzt die Firma Zunz sei. Wwe. bekannter sei, als der Name Dr. Leopold Zunz." „Wir können unfern großen Männern keine Denkmäler errichten, aber es ist unsere Pflicht, wenigstens nach ihremlTode unsere Dankbarkeit und Anerkennung in irgend einer Weise zu äußern." „Nun," fragte mein Reisegefährter, „was hätte nach ihrer Ansicht die Frankfurter Gemeinde in dieser Sache zu unternehmen?" „Die Frankfurter Gemeinde," sagte ich, „müßte der Frau Dr. Brüll die Bibliothek ihres Gatten, die, wie ich glaube, aus 8000 Bänden besteht, abkaufen und eine öffentliche jüdische Lesehalle, die den Namen: „Brüll'sche Bibliothek" führen soll, einrichten." „Das ist eine Idee," meinte mein Freund. „Nun," sagte ich, „wenn mein. Plan Ihnen gefällt, so geben Sie doch, wenn Sie nach Hause kommen, die Anregung zur Realisirung desselben." „Ich werde es nicht verabsäumen," erwiederte mein Freund, auf die Uhr blickend, „jetzt aber ist es Zeit, daß wir uns zur Ruhe begeben." Als wir des Morgens beim Kaffee saßen, verabredeten wir, des Abends in St. beim „Omern" zusammenzukommen und das Weitere zu besprechen. >) Geschmackssache! Uns haben die Reden des unvergeßlichen Neheniias Brüll besser gefallen als andere von sehr berühmten Predigern Die Red. Druck und Verlag von Rudolf Moste in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauckwitz in Berlin.