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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-06-05 · Heft 23 (5.6.1891) · p. Seite 275

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 23 (5.6.1891)
Date
1891-06-05
Page
Seite 275 (sequence 11)
Language
German
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275 VI. Die Vorbereitungen zum Rosch-Haschono-Feste nahmen die Zeit der alten Frau Herzfeld in Anspruch. Nur noch wenige Tage lagen dazwischen und es galt, die Zimmer zn säubern und zu schmücken, wobei Rosa hilfreiche Hand leisten mußte. Daß nur der Vater jene für sie so theuren Andenken an sich genommen haben konnte, wußte Rosa. Weder die Mutter noch Doris hätten darüber geschwiegen. Wenn sie den finsteren Augen des alten Mannes begegnete, di"e in düsterer Gluth an ihr hafteten, dann lief ein Zittern über ihren Leib; der Wunsch, daß sich das ihr drohende Unwetter bald entladen inöge, wenn es sie auch vernichte, wurde lebhaft in ihr. Die Schwüle, welche im Hause herrschte, das unheimliche Gebahren des Vaters, war überaus drückend, und Rosa, welche einen so schweren Herzenskampf ganz allein mit sich auszufechten hatte, fühlte sich nicht nur geistig, sondern auch körperlich gebrochen. Sie ging wie im Traume umher; die Befehle ihrer Mutter führte sie ganz mechanisch aus; nur an dem fieberhaften Klopfen ihres Herzens fühlte sie, daß sie lebte. Von Zeit zu Zeit traf sie ein besorgter Bsick der Schwester; aber zu einem Austausch der Gedanken kam es zwischen den beiden Mädchen nicht. Doris hätte für das Weh des jungen Herzens kein Verstündniß gehabt, sie war eine praktisch angelegte Natur und augenblicklich gänzlich vom Geschäft in Anspruch genoinmen, da cs vor den Feiertagen lebhafter als sonst darin zuging. Rosa wagte keine Frage an Doris zu richten, da ihr vor einer entscheidenden Antwort graute. Die Quäl für Rosa wurde noch durch den Besuch sogenannter guter Freundinnen vergrößert, welche zum Glück während der Abwesenheit des alten Herzfeld eingesprochen hatten, um das junge Mädchen durch spöttische und bissige Anspielungen auf ihre so intime Freundschaft mit Conrad Hochbaum, fast zur Verzweiflung zu bringen. Wie von einer tödtlichen Last befreit, athmete sie auf, als ihre Bekannten sie verlassen hatten; jedes ihrer Worte hatte sie wie ein Dolchstich, getroffen, und als gleich darauf ihr Vater ins Zimmer trat, schreckte sie zusammen, als habe er sie bei einem Verbrechen ertappt. Er schloß die Thür hinter sich und trat langsam auf sie zu, indem er seine Augen forschend auf ihr blutleeres Gesicht heftete. „Ich habe Dir eine freudige Mitthcilung zu machen," begann er nach einer Pause, in welcher Rosa das Schlagen ihres Herzens hörte; „David Frank hat um Deine Hand geworben und ich habe sie ihm zugesagt. Am Rosch-Haschouo werden wir die Verlobung feiern." Sie hatte den Worten des Vaters zugehört, ohne anfangs den Sinn ganz zu fassen; erst als er, im Zimmer auf und abgehcnd, fortfuhr: „Doris hat sich über die Zurücksetzung getröstet und Du wirst dem braven, uneigennützigen Manne eine treue und gute Gattin sein und es mir danken, daß ich, um Deine Zukunft zu sichern, gegen die Gesetze handle." Er woüte das Zimmer verlaßen, ohne erst eine Antwort abzuwarten, allein Rosa, die sich mit Anstrengung erhoben hatte, hielt ihn mit den Worten fest: „Doris ist die Aeltcre, — ihr gebührt das Recht, — ich will und kann David Frank nicht zum Gatten nehmen." „Es ist beschlossene Sache," erwiederte er so ruhig, als die innere Erregung ihm gestattete; „danke es meiner Liebe zu Dir, daß ich Dich nicht nach dem Grunde Deiner Weigerung frage; ich mag ihn nicht wissen. Genug also! Du heirathest Frank, er wird Dich auf Händen tragen, denn er liebt Dich." Ohne ein weiteres Wort hinzuzufügen, verließ er das Zimmer. Rosa sank wie betäubt auf einen Stuhl. Sie wußte, was es den Vater gekostet hatte, ihr keinen Vorwurf zu machen; sie nicht für ihren Leichtsinn zur Verantwortung zu ziehen. Sie kannte die Strenge seiner Anschauungen über weibliche Tugend und weibliche Sitte, wie sie wußte, daß er keinen Widerspruch duldete, wenn er Gehorsam von seinen Kindern verlangte. Schluchzend sank sie auf die Knie, den Kopf in die Kissen des Sophas drückend. Der Abend des Rosch-Haschono-Festes kam heran. Die silbernen Leuchter mit den dicke» Stearinkerzen und die große Lampe warfen ein helles Licht über die mit weißem Damast bedeckte Tafel, welche für fünf Personen gedeckt war. Aus der Küche drang der Bratengeruch in die Stube; Frau Hcrzfeld rührte noch schnell die Füllung für die „Krüppchen" zusammen, welche sie für die Hühnersuppe bestimmt hatte, als ein Lieblingsgericht Rosa's, welche seit dem gestrigen Tage bleich und stumm wie ein abgestorbener Geist durch die Zimmer schwebte, während Doris ein wenig empfindlich, doch aber voll rührender Theilnahme und Schwesterliebe all' jene nothwendigen Arrangements traf, welche einem Feste in einer Familie voraugehen, bei welchem auch die Kosten eine Rolle spielen, aber Alles hübsch und reichlich vorhanden sein soll. Doris Hütte David Frank sehr gern zum Manne genommen. In seinem offenen Gesicht sprach sich Herzensgüte, mit männlicher Kraft gepaart, aus; die braunen Augen glänzten immer heiter und wohlgemuth unter der etwas gebräunten Stirn hervor; wenn er Doris' schmale Hand freundschaftlich in seiner derben hielt, daun hatte sie stets ein Gefühl der Sicherheit, des Schutzes, den ihr ein Mann, wie Frank, gewähren konnte. Dabei war er ein wohlhabender, ehrlicher Mensch, der sein Geschäft verstand und eine Frau anständig ernähren konnte. Wenn er um sie anstatt um Rosa geworben, sie wäre sich als eine der Glücklichsten erschienen. Ihr war Rosa unbegreiflich, denndaß diese ernstlich in Eonrad verliebt sein könne, erschien ihr zu absurd, um daran glauben zu können, obwohl auch hier jene guten Bekannten in höhnender Weise über, den Spaziergang Rosas mit dem „Goj" gesprochen und sie, Doris, cs für ihre Pflicht gehalten hatte, der Schwester warnend zu sagen: „Laß Dich nie wieder auf der Straße mit Conrad Hvchbamn sehen; Du weißt, der Ruf eines jungen Mädchens gleicht einem wcißseidenen Tuche; auch der kleinste Fleck darauf macht sich bemerkbar." Frall Herzfeld begab sich erst nach der Shnagoge, nachdem sie den Tisch hübsch arrangirt sah. Obst, Rosinen und Mandeln, Gebäck und Wein hatte sic zurecht gestellt; auch ein Glas zum Zerbrechen; ihr Mann war vorangegangeu; er wollte nach dem Gottesdienst in ihrer und Franks Begleitung heimkehren. Der junge Manu wollte vor dem Abendbrod noch mit Rosa sprechen. Seine modernen Anschauungen gingen weit genug, um cs wünschenswcrth zu finden, sein Weib nicht durch den Willen der Eltern, sondern aus eigener, freier Entschließung in sein Haus führen zu können. Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß Rosa ihm gern augehörcn würde, warum auch nicht? Allein er wollte cs aus ihrem hübschen Munde hören, daß sie ihm gut sei. (Fortsetzung folgt.) U

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