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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-06-05 · Heft 23 (5.6.1891) · p. Seite 274

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 23 (5.6.1891)
Date
1891-06-05
Page
Seite 274 (sequence 10)
Language
German
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- 274 - ' ' daß er noch nicht reif ist für die Segnungen des Fortschritts. Gottspricht nicht mehr direkt mit uns, wir müssen uns daher bestreben, in seinem Geiste zu leben, zu handeln, sein erhabenstes Geschenk, die Vernunft, an Stelle des blinden Glaubens zu setzen. Ich bin nicht Atheist," fuhr er fort, als er den traurig, vorwurfsvoll auf ihm ruhenden Augen Rosa's begegnete, „ich glaube an die Allmacht Gottes, an seine Liebe; aber jene Stimmen, welche aus jenenfinstern Zeiten zu uns dringen, erzählen wenig davon, und Gesetze, welche' Dir für unantastbar gelten, widerstreben unserm sittlichen Denken Änd Empfinden. Oder glaubst Du, daß ein jetziger Richter es Deinem Vater verzeihen würde, wenn er, wie es einst Abraham gethan, seinen Sohn opfern wollte? Würdest Du es nach Deinen moralischen Begriffen für recht halten, wenn ein König der Jetztzeit wie weiland Salomon siebenhundert Weiber hätte? Unsere Sittenlehre muß eine andere sein, als jene des grauen Alterthums; nur die Grundprinzipien dürfen wir von ihnen entlehnen, ganz davon beherrschen lasten dürfen wir uns nicht mehr. Rosa, Geliebte, finde Dich ab mit dem Gedanken des blinden Gehorsams; zeige, wenn es unserer Zukunft gilt, daß Du stärker bist, als der Wille eines in Vorurtheilen befangenen alten Mannes, der sich eingerostet hat in die Vergangenheit und weder sehen noch hören will, daß die Morgenröthe einer neuen Zeit beginnt." In seiner Lebhaftigkeit war es Conrad entgangen, daß seine Worte ganz den entgegengesetzten Einfluß auf Rosa ausübten, als den von ihm beabsichtigten. Ein leiser Seufzer drang.über ihre Lippen, der das Ohr des jungen Mannes wie ein Vorwurf traf. „Habe ich Dir weh gethan Rosa?" fragte er, einen erstaunten Blick auf das junge Mädchen werfend. „Mehr, als ich zu sagen vermag," klang es ernst zurück. „Die Bibel ist für mich das Buch aller Bücher; nur mit heiligem Schauder blicke ich hinein, und niemals, niemals würde ich es wagen, an dem Inhalt zu zweifeln; nur daran zu tasteil, erscheint mir als Sünde. Es ist wie ein Riß durch meine Seele gegangen, als Du, was mir als das Erhabenste, Größte erscheint, verspottet hast. Das alte Testament gehört uns; cs giebt uns den Beweis unserer einstigen Größe; die Gewißheit, daß wir es waren, welche zuerst an Gott, den Einzigen, geglaubt. Nieinand darf daran rütteln, Niemand, auch Du nicht, Conrad, wenn Du auch nicht glaubst, was uns gelehrt worden ist. Unsere Wege trennen sich, darum müssen wir scheiden. Suche mich zu vergessen; die ganze Welt steht Dir offen, die Sonne des Glückes wird Dich umstrahlen, ich werde Zeit haben, an Dich und mein verlorenes Paradies zu denken." Sic hatte sich erhoben, ohne daß Conrad den Versuch machte sie daran zu verhindern; erst als sie ihm die Hand zum Abschiede reichen wollte, als sie leise, zagend sagte: „Lebe wohl, Conrad," sprang er auf. Seine Hand legte sich mit eisernem Druck auf ihren Arm; ein herbes, spöttisches Lachen drang über seinen Mund, die Augen blitzten zornig über sie hin; die Stimme klang heiser vor Erregung, als er sagte: „Du giebst mich auf, weil Dir der Muth zum Kampfe fehlt; die Feigheit ist ja das Erbtheil Eurer Nation. Ist Dir der Talmud vielleicht ebenso heilig, wie die Bibel? O, dann hast Du wohl daraus gelernt, daß es dem Juden geboten ist, den Feind zu Haffen, ihn zu betrügen; er rechnet es sich zur Tugend, wenn er deni Christen den Dolch in das Herz stößt, damit er sich in ohnmächtigem Schmerze verbluten muß." „Conrad!" Es war nur der eine Name, aber der namenlose Schmerz, die tiefe Entrüstung, Jiie in dem Klange ihrer Stimme lag, brach den halb wahnsinnigen Zorn des jungen Mannes. Seine Hand glitt von dem Arme des Mädchens herab, das, hoch aufgerichtet, wie eine zürnende Göttin vor ihm stand, eine echte Tochter ihres Volkes, die Augen in finsterer Gluth aus den Mann geheftet, der es gewagt, ihr von Liebe zu sprechen, sie zum Weibe zu begehren, obwohl auch er im Innersten der Seele die Vorurtheile hegte, welche die Christen, auch die besseren, dem Volke Israel entgegenbringen; der jetzt im Momente der Leidenschaft verrathen hatte, daß auch er einen Unterschied machte zwischen Juden und Christen und die falschen, lügenhaften Behauptungen gegen die Elfteren als Wahrheit hinzustellen wagte. Ein stolzer, bitterer Ausdruck lag um den verächtlich zuckenden Mund Rosa's, klanglos tönte es von ihren todtenbleich gewordenen Lippen: „Was Du sagst ist Lüge, Lüge, und daß Du Deinen Mund damit befleckt, zeigt mir, wie tief die Kluft ist, welche Dich von mir trennt. Laß mich Conrad, verlängere nicht die Qual," rief sie erregt, als sich das von leidenschaftlichem Schmerz entstellte Antlitz zu ihr niederbog und sein heißer Mund flehte: „Vergieb, Rosa, vergieb." „Du selbst wirst es mir danken, daß ich den Muth gefunden, das Trcnnungswort auszusprcchcn," setzte sie hastig hinzu. „Noch ein Wort, ein einziges, Rosa", drängte er, indem er den Versuch machte, sie an sich zu ziehen, was ihm aber bei der fast starren Unbeweglichkeit des Mädchens nicht gelang. .»Euer Glaube gebietet sklavischen Gehorsam gegen die Eltern, wirst Du auch dem Befehle Deines Vaters folgen, wenn er Dich einem andern Manne zum Weibe geben will? Ich kann Dich nicht verlieren, sliosa, ich liebe Dich, liebe Dich unsagbar!" Sie fuhr ihm sanft über die heiße Stirn, über welche die blonden, lockigen Haare wild herabsielen. Ein tief melancholisches Lächeln zitterte um ihren Mund, als sie abwchrend entgegnete: „Laß das, Conrad! Du liebst mich jetzt, weil ich Dir unerreichbar bin, als Dein Weib würde ich Dir bald nicht mehr liebenswcrth erscheinen. Meine Eigenschaften, welche im jüdischen Blute liegen, würden Dir als Fehler erscheinen. Einem andern Manne werde ich nie angehören, ich vermag nur einmal zu lieben. Aber es ist spät geworden, ich muß heim; o Gott," sie begann an sich herumzuiasten, „ich habe den Schlüssel zu meiner kleinen Kassette stecken lassen, in welcher Dein gestriger Brief und Dein Bild liegt; wenn mein Vater es findet." Mit einem mühsam unterdrückten Ausruf der Angst riß sich Rosa von Conrad los, und ehe er noch etwas auf ihre letzten Worte crwiedern konnte, flog sie fast über die Landstraße hin; es machte ihm Mühe, sie kurz vor der Stadt wiedereinzuholen. Ihr Busen wogte; keuchend drang der Athein aus ihrem fieberheißen Munde; eine namenlose Angst malte sich in ihrem bleichen Antlitz, welches sie nicht mehr wagte, zu Conrad zu erheben, welcher lautlos, die leidenschaftlich glänzenden Augen auf sic geheftet, neben ihr schritt oder vielmehr fortstürmte, denn die Angst, die Furcht vor dem Vater, welcher vielleicht jetzt schon ihr Geheimniß kannte, beflügelte ihre Schritte und ließ es sie auch übersehen, daß ihr mehrere ihrer jüdischen Bekanntinncn begegneten, welche ihr, als sie in Begleitung Hochbaums in sichtbarer Erregung, grußlos an ihnen vorübereilte, theils verwundert, theils spöttisch nachschauten. Kurz vor ihrer Wohnung flüsterte Conrad ihr zu: „Vergiß, was ich in ohnmächtigem Zorne gesprochen, ich liebe Dich und sage nicht ade, sondern auf Wiedersehn." Sie nickte ihm wie geistesabwesend zu; mit einer Ohnmacht kämpfend, überschritt sie die Schwelle ihres Zimmers. Der Schlüssel steckte in der kleinen Kassette, aber Brief und Bild waren verschwunden.

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