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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-06-05 · Heft 23 (5.6.1891) · p. Seite 273

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 23 (5.6.1891)
Date
1891-06-05
Page
Seite 273 (sequence 9)
Language
German
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273 werthen Sinne, dem das Geld über Alles geht, über Gewissen, Sitte, Pflicht und Ehre!" Welch' erschütternde Tragik liegt in diesen wenigen Worten! Mögen aus dieser naturwahren Schilderung diejenigen unserer Glaubensgenossen, welche im Begriff stehen, sich dem Glauben ihrer Väter zu entfremden und sich in Kreise zu begeben, die ihnen innerlich fremd und kalt gegenüberstehen, die sie nur aus materiellen Rücksichten dulden, wo man hinter ihrem Rücken und bisweilen sogar in ihrer Gegenwart über sie spöttelt, eine ersprießliche und heilsame Lehre ziehen! Hat doch das Judenthum einen Adel aufzuweisen, so ehrwürdig und so hoheitsvoll, wie ihn kein Volk besitzt, den Adel seiner von unzähligen Leiden durchtränkten Vergangenheit, den Adel eines 2000jährigen Martyriums. Märtyrergestalten, wie sie Felix Dahn in seinem vielgefeierten „Kampf um Rom" in seiner „Miriam" schildert, Walter Scott in der Rebekka seines Romans „Jvanhoe" vorführt, jungfräuliche Wesen, die eher in den Tod gingen, als daß sie ihre Unschuld Preisgaben, konnte nur das Judenthum Hervorbringen. Wie lebendig veranschaulicht nicht Spin dl er in seinem zur Zeit unserer Väter und Großväter vielgelesenen Roman „Der Jude" den innern Kampf der Liebe zu einem Andersgläubigen, der ihr wiederholt das Leben gerettet hat, und der Anhänglichkeit an die Religion ihrer Väter, welches letztere Moment schließlich den Sieg davonträgt in einer jungfräulichen Jüdin, der Tochter Ben Davids, eines Frankfurter Juden, der mit seinem Vater, einem hundertjährigen Greise, in den Kerker geworfen und auf die Folter gespannt wird unter der nichtswürdigen Beschuldigung, einen Christenknaben gestohlen und ihn gemeinschaftlich zum Passahfest geschlachtet zu haben! Ihre Unschuld kommt zwar schließlich an den Tag, inzwischen ist der alte Mann aber der unwürdigen Behandlung erlegen, und sein Sohn muß, aller seiner Barschaft beraubt, von Ort zu Ort pilgern, um sein kümmerliches Dasein zu fristen. Diese erzwungene Pilgerschaft, wie sie Georg Ebers ebenfalls in der Gestalt eines von der Inquisition aus dem Lande getriebenen alten Juden in seinem Roman „Ein Wort" verkörpert hat, kennzeichnet so recht die unvergleichliche Ausdauer des Judenthums und seine Standhaftigkeit gegenüber den ungeheuerlichsten Anschuldigungen, die es das ganze Mittelalter hindurch bis tief in die Neuzeit hinein — scheint ja angesichts der neuesten Judenverfolgungen in Rußland diese Entwickelungsreihe noch nicht abgeschloffen zu sein — zu bewähren nur allzu häufige Gelegenheit hatte. Wahrlich, ein Stamm, der solch eine Vergangenheit aufzuweisen hat, kann mit Stolz auf seine Geschichte zurückblicken, und seine Angehörigen brauchen sich keinem Adligen in der Welt gegenüber, möge er noch so hoch dastehen, ihres Ursprunges zu schämen. Deshalb war es eine glückliche Idee der englischen Schriftstellerin George Elliot in „Daniel Deronda" den gleichnamigen Helden des Romans als einen hochbegabten und hochherzigen jungen Mann zu schildern, der durch eine eigenthümliche Verkettung der Umstände im Hause eines Barons als dessen Sohn auferzogen wird, wie er aber seine Abstammung erfährt, keinen Augenblick zögert, auf die Seite seines unterdrückten und geknechteten Volks zu treten. Jetzt erst scheint er sich in Wirklichkeit geadelt. Wohl fehlt es auch nicht an christlichen Romanschriftstellern, welche, wie Galen in seiner „Jane, die Jüdin", in einem Konflikt der Pflichten die andere Richtung, d. h. das leichtfertige Preisgeben des Judenthums die Oberhand gewinnen lasten, und wie wir oben auseinandergesetzt haben, entsprechen derartige Darstellimgen nicht selten der Wirklichkeit. Allein im Großen und Ganzen treten derartige Erscheinungen doch nur höchst vereinzelt auf. Jedenfalls können wir es begreifen, daß ein derartiger innerer Zwiespalt in der Seele eines Juden oder einer Jüdin vom psychologischen Standpunkt aus gerade christliche Schriftsteller im höchsten Grade fesselt und sie zur Behandlung anreizt. Es ift. dies ein mehr moderner Stoff, während eine andere Richtung mit Vorliebe Typen zeichnet, die inmitten ihrer rohen Umgebung ihren Seelenadel bewahrt haben und ihren Edelmuth auf jede Weise bethätigen. Auf diese Gattung von Romanen, wozu beispielsweise Kraszewskis „Der Jude" und Marie von Ebner-Eschenbachs „Dorf- und Stadtgeschichten", die beide den polnischen Aufstand von 1863 zum Hintergründe haben, ferner Sacher-Masochs „Der Juden-Raphael", Holteis „Noblesse oblige“, Uhls „Haus Fragstein" und andere Schöpfungen gehören, können wir hier nicht eingehen, weil sie, so interessant und fesselnd sie auch geschrieben sein mögen, uns Juden doch verhältnißmäßig wenig Neues bieten. Daß ein Jude ein guter Mensch sein kann und es auch in der Regel ist — Ausnahmen giebt es selbstverständlich hier wie bei jeder anderen Religionsgemeinschaft —, das der großen, in Vorurtheilen befangenen Maffe vorzuführen, ist immerhin eine lobenswerthe Tendenz. Denn leider ist die Zeit, wo hinsichtlich der Juden alle Voreingenommenheit geschwunden wäre, trotz aller Civilisation und Kultur in unserem Jahrhundert noch immer nicht herangebrochen. Wenn dies in humoristischem Gewände geschieht, so feffelt auch uns unwillkürlich eine derartige Schilderung. Letzteres ist der Fall mit dem meisterhaften Lebensbilde der polnischen Romanschriftstellerin Elise Orzeszko, „Meyer Esofovicz" betitelt, worin ein dem Thorastudium ergebener Chassid in naturgetreuer Schilderung vorgeführt wird mit seiner Unkenntniß des wirklichen Lebens, mit seiner kindlichen Harmlosigkeit und Leichtgläubigkeit, mit seiner grenzenlosen Gutmüthigkeit,' alles Eigenschaften, welche die Antisemiten gerade dem jüdischen Stamm absprechen, und die doch nirgends häufiger anzutreffen sind, als eben bei den vielgeschmähtcn Juden. U FEUILLETON -«*- Gott ist die Frede. Novelle von O. Bach. (Fortsetzung.) Conrad fuhr sodann fort: „Nicht Alles, was die Bibel sagt, ist für uns faßbar, greiflich. Du hängst an den für uns aufbewahrten Legenden; Du bist gewöhnt, sie mit Deinen kindlich frommen Blicken zu betrachten. Ich will Dir Deine Illusion nicht zerstören, wenn mir auch, vom Standpunkt des Juristen aus, Manches anders, wie Dir erscheint. Wie glaubst Du wohl, würde man von unserer Seite die Handlungsweise Labans betrachten? Was würde ich wohl dazu sagen, wenn Dein Vater Dich mir zum Weibe versprechen und ich an Stelle Deiner, Deine Schwester Dorchen ans Herz ziehen sollte?" Er blickte ihr neckend in das Antlitz, welches sich ein wenig gefärbt hatte. Unwillkürlich lächelte sie ihm zu, als sie sich zur Heiterkeit zwingend, erwiederte: „Wer weiß, ob Du nicht recht zufrieden mit dem Tausche sein könntest. Doris ist ein vortreffliches Mädchen." „Gewiß," fiel er lebhaft ein, ihre Hand an seine Lippen ziehend, „aber Täuschung bleibt Täuschung, und wer Rebekka freien will, darf Lea nicht finden. Lassen wir die alten Märchen ruhen, für tvelche uns das Verständniß fehlt und an die wir nur fest glauben können, so lange wir auch geistig in den Kinderschuhen stecken. Was jene Zeit für recht und gut befunden, darf und kann uns nicht mehr maßgebend sein; wer sich an Traditionen anklammert, beweist damit,

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