Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1891)
- Date
- 1891-06-05
- Page
- Seite 271 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227901--47989-3270484- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DWWW 271“ abholden Sinne seiner Anhänger nnr ein verhältnißmäßig geringes Kontingent. Eine der merkwürdigsten nnd interessantesten der dem Judeythum entsprossenen Persönlichkeiten unseres Jahrhunderts war linstreitig David Mandelli (geb. zu Preßburg 1780, gest. 1836 in Paris); Mezzofanti und Diogenes in einer Person, verband er mit der umfassendsten und gründlichsten Kenntniß der meisten lebenden und tobten Sprachen Europas und Asiens eine Lebensweise, die von der des berühmten Cynikers nur wenig abwich. Die Lebensgeschichte dieses eigenartigen Mannes ist zum großen Theil in tiefes undurchdringliches Dunkel gehüllt, sein Bildungs- und Entwickelungsgang bleibt uns wahrscheinlich für alle Zeiten ein ungelöstes Räthsel. Während wir über Mandellis Jugend noch ziemlich gut unterrichtet sind, beginnen mit seinen Wanderjahren die Quellen spärlicher zu fließen und versiegen endlich ganz .... bis wir ihn am Abend seines Lebens in Paris wiederfinden. Ob er Rechtsgelehrter oder Soldat gewesen, wissen wir ebenso wenig, als seinen eigentlichen Familiennamen. Er wird bald Mandelli, bald Mandel, von den Franzosen meist Menteli genannt. Als er zwölf Jahre alt war, schickte ihn sein Vater, ein nicht unbemittelter Pächter, nach Rackendorf, einer nnr wenige Stunden von Preßburg entfernten Ortschaft, damit er bei dem dortigen Rabbi die schon im Elternhause begonnenen Talmndstudien fortsetze. Ungewöhnliche geistige Anlagen beförderten mächtig seinen Fortschritt, so daß er bereits nach einem Jahre seinen Rackendorfer Lehrmeister überflügelt hatte. Er kehrte Heini, doch nur für ganz kurze Zeit; seinem Wissensdrange folgend, entwich er heimlich aus seinem Vaterhause und begab sich zunächst nach Mähren. Um die Wende des Jahrhunderts finden wir Btandelli in Prag, dem damaligen Hauptsitz jüdischer Gelehrsamkeit. Wir besitzen von ihm aus jener Zeit eine Reihe von Briefen in hebräischer Sprache und musterhaftem Stil abgefaßt, in denen sich schon seine exzentrische Natur verräth. Er gedenkt daselbst seiner Lust, fremde Länder zu sehen, die ihn rastlos von Ort zu Ort treibe, seines unbezähmbaren Lerneifers, und giebt in einen: Schreiben, in welchem er gleichzeitig seine Eltern um etwas Geld ersucht, einigermaßen Aufschluß über die Motive seines Handelns. „Ich habe Grundsätze", heißt es dort, „nach denen ich lebe, nur einen Fehler verspüre ich in mir, der sich schon als böser Trieb in meinen jungen Tagen eingeschlichen, es ist die Ruhmsucht. Schon als Kind fühlte ich ein mächtiges Verlangen, mich über meine Mitschüler zu erheben, mehr als sie zu werden, ich lechze nach Ruhm, ich dürste nach Ehre!" Freilich verblaßte dieser Leitstern auf den wirr verschlungenen Pfaden dieses eigentümlichen Menschendaseins; der Mann, der nach Ansehen und Auszeichnung gerungen, der nach der Anerkennung seiner Mitmenschen gestrebt, verwandelte sich in einen anspruchsuud bedürfnißlosen Asketen. Den Grund zu seinen späteren großartigen Kenntniffen scheint er in Berlin gelegt zu haben, wo er ums Jahr 1803 weilte. Hier wirft den armen Talmudjünger, den die Sehnsucht nach Wissen aus dem modrigen Lehrhause in die weite Welt getrieben, ein schweres Lungenleiden auf's Krankenlager. Im Verkehr mit seinen Büchern, in unermüdlichem Studium findet er Trost und geistige Erhebung. Seine Genesung schreitet rasch vorwärts, allein in seinem Geiste ist eine Wandlung vorgegangen. Die Diogeneslaune, die Neigung zur Enthaltsamkeit, zur übertriebenen Askese, die im Keime schon längst vorhanden gewesen, ist nun erwacht. Schwarzbrod und Erdäpfel bilden seine ausschließliche Nahrung, er sucht die Einsamkeit, begnügt sich mit der Gesellschaft seiner Folianten und meidet die zahlreichen Freunde, die er sich in Berlin erworben. 1805 faßt er den Plan, nach Paris zu gehen. Ein Hofmeisterposten in Offenbach sollte ihm die Mittel an die Hand geben, daselbst unabhängig seinen Studien zu leben.. Von dieser Zeit an ist er verschollen, keine Nachricht von seinem Schicksal dringt zu den Ohren seiner Freunde, selbst seine greisen Eltern haben kein Lebenszeichen von ihm und glauben ihn längst gestorben. In den ersten Jahren des Bürgerkönigthums — also mehr als ein Vierteljahrhundert nach Mandellis räthselhaftem Verschwinden — besuchte ein gelehrter Ungar, Namens Tessedik, Frau v. Schlegel, geborene Mendelssohn, in Paris und erfuhr durch sie, daß ein Landsmann von ihm, ein ebenso gelehrter als wunderlicher Kauz, zuweilen in ihr Haus komme. Tessedik suchte ihn auf und erkannte in ihm den Langvermißten, „der schon damals auf den gefährlichsten Gletschern theoretischer Spekulation stand". Der Schüler des Rabbi von Rackendorf war einer der größten Philologen seiner Zeit geworden und konnte sich rühmen, er könne von jedem beliebigen Punkte Europas eine Reise ins Innere von China unternehmen, ohne eines Dolmetsch zu bedürfen. Seine Lieblingssprache war nebst dem Griechischen und Persischen die Sprache seiner Jugend: das Hebräische. Seine Schriften verfaßte er in einer selbst erfundenen Mischsprache, die er sich aus den verschiedensten Elementen zurechtgestutzt hatte. Einzelne Wörter derselben mengte er zuweilen ins Gespräch und übertrug solche, wenn er merkte, daß man ihn nicht verstanden hatte, ins Französische mit dem Zusatze, „wie ihr es zu nennen pflegt". Allein Mandelli war nicht blos Sprachforscher und Mathematiker, er war auch Historiker und Jurist, in der Taktik ebenso bewandert als in der Theologie, kurz, ein später Ausläufer jener Klaffe von Polyhistoren, wie sie das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert so zahlreich gezeitigt. In der Philosophie war Plato sein Orakel, er kannte dessen Schriften fast auswendig und citirte ihn mit besonderer Vorliebe Im praktischen Leben jedoch hatte er sich nicht den eleganten Plato, sondern den Cyniker Diogenes zum Muster genommen. Ein abgetragener Soldatenmantel und ein Paar alter Ueberschuhe waren seine ganze Garderobe. Als ihm einst ein Freund gute Kleidungsstücke aufgedrüngt hatte — denn er war sehr schwer zu bewegen, Geschenke anzunehmen — verkaufte er sie bereits am nächsten Tage einem Trödler und erstand für den Erlös ein werthvolles astronomisches Werk. Sein langer grauer Bart, die hohe Stirn, die klugen Augen das wundersam gelassene Betragen, die fast völlige Theilnahmlosigkeit an allen Vorgängen der Außenwelt, mitten in erejgnißreichen, sturmbewegten Tagen, gab ihm eine Aehnlichkeit mit den Weisen des Alterthums. Er nährte sich von Kommißbrod, das er vor den Kaserncnthoren kaufte und dem er manchmal einige rohe Kräuter und Wurzeln beifügte. Gekochtes aß er nie. Bei seiner vielseitigen Gelehrsamkeit wäre es ihm ein Leichtes gewesen, eine öffentliche Stelle zu bekommen, sich durch Privatunterricht oder Schriftstellerei bedeutende Einkünfte zu erwerben, doch lehnte er jedes derartige Anerbieten rundweg ab. Im Jahre 1822 erhielt er von der Regierung den Auftrag, in einer Bibliothek, welche Werke in den verschiedensten Sprachen enthielt, sämmtliche Büchertitel zu übersetzen, die betreffenden Sprachen anzugeben und die Werke in die gehörigen Kategorien einzutragen. Für diese wichtige Arbeit, für welche er sich wie kein Anderer eignete, wurde ihm ein jährliches Honorar von achtzehnhundert Francs ausgesetzt, da man der Meinung war, diese Arbeit würde ihn mehrere Jahre lang in Anspruch nehmen. Nach längerem Sträuben verstand sich Mandelli dazu, war jedoch bei seinen beispiellosen Sprachkenntniffen bereits nach Ablauf von einer Woche mit Allem fertig,