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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-06-05 · Heft 23 (5.6.1891) · p. Seite 270

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 23 (5.6.1891)
Date
1891-06-05
Page
Seite 270 (sequence 6)
Language
German
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6. Ez. 15. I. Ein Weinstock — welche, andere Bestimmung hat der, als mit. seinen Früchten alle Welt zu erfreuen? (Israel — welche andere Bestimmung hatte es, als ein auserwähltes Tugendvolk zu bilden?) II. 2, 3. Hat sich nicht unter des Waldes Bäume der Weinstock gemischt? Wer sucht im Walde Trauben? Holz begehrt man von da,' zum Bau oder zu Pflöcken. Eignet sich das weiche, biegsame Weinholz aber im Geringsten zu derlei Nutzzweck? (Israel war wenig geneigt, ein gottgefälliges Leben zu seinem Ziel zu machen. Sein Ziel ward es, in weltlicher Tüchtigkeit mit den Völkern (den Bäumen des Waldes) zu wetteifern. Nun es der falschen Bahn sich zugewandt hat, sieht es sich auch vor entsprechende Anforderungen gestellt. Diesen Genüge zu leisten, ist Israel durch seine Natur verhindert.) III. 4, 5. Was thut man mit dem unbrauchbaren Holz? Man wirft es ins Feuer. Ist an seinen beiden Enden nicht der Weinstock verbrannt? (Denn Ephraim haben schon längst die Asfyrer fortgeführt. Und nun ward es auch den Judäern unter Jojachin beschieden, in die Gefangenschaft zu wandern.) (Orelli.) Ist nicht in der Mitte auch (Rest in und um Jerusalem) (Orelli) der Weinstock versengt? War er doch ein unnützes Holz schon, bevor an ihm die Flamme gezehrt hatte! Und jetzt sollte er es nicht sein? (Was wird demnach jetzt sein Loos sein? Dieses, ganz verbrannt zu werden.) Für den Weinstock als Symbol des Gottesvolkes vergl. Hos. 10, 1. Für B. 4 vergl. Am. 4, 11. 7. Ez. 16, 1—45. I. 3—13. (Jerusalem ist hier gleich Juda.) Kanaaniter waren die Eltern Jerusalems. (Das will besagen, daß der Trieb der Abtrünnigkeit dem Volke vermöge seiner Herkunft angeboren war.) Jene Ellern haben das neugeborene Kind ohne jede Weiterung aufs freie Feld ausgesetzt. Hier liegt es,'dem Zertreten') preisgegeben, blutüberströmt, weil die Nabelschnnr nicht abgeschnitteu noch unterbunden war, dem Tode nahe. Ein Machtwort Gottes, welcher vorübergeht, erhält 'es am Leben. Er-läßt das Mädchen groß werden, stattet es aus mit allen Reizen der Jungfrau, welche um so mehr in die Augen fallen, als sie nackt geht. (Unter jenen Reizen dürfte ursprüngliche physische Volkskraft, einfache, der Kulturannehmlichkeiten noch entbehrende Lebensverhältnisse dürften unter dieser Nacktheit zu verstehen sein.) Bei so bewandten Umständen schließt Gott, zum zweiten Mal vorübergehend, einen Ehebund mit ihr. .Hochzeitlich putzt und schmückt' er sie und versorgt sie mit köstlicher Zehrung. (Immer mehr sich steigernde Verfeinerung unter dem Schatten der durch das Gottesgesetz bedingten Kultur?) Königsherrschaft wird ihr zu Theil. II. 14—34. Der Ruf ihrer Schönheit, welche die Prachtgewänder und der Prachtschmuck erst ins vollste Licht gesetzt haben, verbreitet sich unter die Völker. Darob, in eitlem Selbstvertrauen auf ihre äußeren Vorzüge, hat diese Schöne sich zur ehebrecherischen Allermannshure herabgewürdigt. Sie hat in engen Verkehr mit den Heidenvölkern sich eingelassen, an den unvermeidlich heidnischer Gottesdienst sich anschloß. (Ueberhaupt sind Heiden und Heidengötter hier in einander übergehende Begriffe, wenn auch die letzteren im Vordergrund stehen. Im vorliegenden Sinne das Bild des Ehebruchs häufiger anzuwenden, das lag den Propheten zufolge der Verbindung der Unzucht mit den vorderasiatischen Kulten nahe'0. Selbst die herrlichen, im Augenblick hoher Begnadung vom Gemahl empfangenen Gaben — ach! sie müssen dem Sündenleben der Ehebrecherin dienen. Was läßt sich aber Schauderhafteres denken, als daß sie die dem Gemahl von ihr geborenen Söhne und Töchter den Heidengöttern zum Opfer darbringt? — Menschenopfer. Ja! auf allen Höhen und Plätzen und Ecken wird das Auge durch ihren Götzendienst und ihre Buhlerei beleidigt. Buhlschaften verbinden sie dort mit den ägyptischen, hier mit den assyrischen, da mit den chaldäischen Nachbarn. Sonderbar ist nur, daß sie, statt nach Hurenbrauch Geschenke zu empfangen, solche gespendet hat (— womit Tributzahlungen gemeint sind). III. 35—45. Daß vor Allem doch gerade die ehemaligen Liebhaber die Strafvollstrecker werden müssen! Als Ehebrecherin und Kindesmörderin* 2 3) empfängt die Schuldige den verdienten Urtheilsspruch und ») Orelli. 2) Siehe Hitzig-Steiner, Hosea S. 8. 3) Orelli. Sündenlohn. Denn jene reißen ihre Götzentempel nieder, entkleiden sie ihrer Herrlichkeit, steinigen und zerhauen sie mit Schwertern, verbrennen ihre Häuser. Zu ihrer noch größeren Beschämung müssen viele Frauen als Zuschauerinnen dem Strafgericht beiwohnen. Offenbar fußt die Parabel auf Hos. 1—3, namentlich auf Kap. 2. B. 45 leitet in eine Erweiterung der Parabel über, welche dieser als solcher nicht mehr zuzurechnen ist. 8. Ez. 19, 1-9. I. 2—3 a. Eine Löwenmutter, gelagert unter Löwen, zog Junge auf. (Eine Löwenmutter ist die Nation?) Wie war Juda — hei! ein mächtiges Reich zwischen mächtigen Reichen.) Mit anderen jungen Löwen wuchsen die Jungen auf. (Oder durften unter den Königen nicht Judas Könige dreist sich zeigen?) II. 3 b bzw. 5-7. Besonders raub- und mordlustig wurden nacheinander zwei junge Löwen (Joahas-Jgachin). III. 4 bzw. 8. 9. Darum thaten sich die Umwohnenden erst gegen den einen zusammen. Sie schleppten ihn gefangen fort. Nicht gelinder verfuhren sie mit dem zweiten. 9. Ez. 29, 3—5. I. 3a. Das große Ungeheuer lagert in seinen Flüssen. (Pharao lebt gemächlich im Lande seiner Herrschaft.) II. 3b. „Das Ungeheuer spricht: Der Fluß ist mein, ich habe ihn mir gemacht." (Pharao wird vom Uebermuth besessen und hält seine Macht für unerschütterlich.) III. 4—5. Gott legt Hamen in die Kiefern des Unthiers. Er zieht es sammt den vielen Fischen, die an seinen Schuppen ansitzen (den Unterthanen des Königs^ heraus, daß es grablos verendeil muß, ein Fraß den Vögeln des Himmels und Thieren des -Feldes: (Gott reißt Pharao sammt den Seinen aus seinem Lande (V. 12). Er führt sie in die Verbannung, wo sie umkommen.) (Fortsetzung folgt.) d Gin jüdischer Diogenes. Von Eduard Mnenz. Ein Sonderling! Wie seltsam inuthet dieses Wort uns an! Bald ist's ein finsterer, unheimlicher Geselle, der zwischen sich und der übrigen Menschheit das Tischtuch zerschnitten, sich unverstanden, verkannt, betrogen und verrathen glaubt, überall nur Feinde und Bösewichtcr sieht und, fern der Welt, ein ödes, freudloses Dasein führt; bald ein verschrobener Kopf, ein wunderlicher Grübler, der sich in nebelhaften Spekulationen verliert, spiritistischen Sumpflichtern nachschreitet, sich auf's Sammeln verlegt hat und leblosen Gegenständen sein Interesse, seine Liebe zuwendet, die er seinen Nebenmenschen versagt, bald endlich ein im Uebrigen recht harmloses Individuum, das aber seinen Stolz darein setzt, sich von den gewöhnlichen Erdenkindern in Tracht und Sprache, in Sitte und Gewohnheit zu unterscheiden und dies mit einer gewissen gespreizten Selbstgefälligkeit zur Schau zu tragen. Oft jedoch birgt auch diese sonderbare Hülle einen edeln Kern; durch eine verkehrte Erziehung, durch die Macht der Verhältnisse, durch eine unselige Verkettung verhängnißvoller Umstände wird häufig eine gute, vernünftige und brave Natur auf die Bahn der Absonderlichkeiten gelenkt. Mit halb verwunderten, halb höhnischen Blicken sehen die Menschen dem räthselhaften Treiben zu, ihr Gebühren bestärkt den Sonderling nur in seinem unverständigen Thun und führt ihn schließlich in die Sackgaffe der Jsolirung, der Menschenscheu, der Menschenfeindschast. Zu der so bunt zusammengewürfelten Schaar der Sonderlinge stellt das Judenthum, dank dem nüchternen, unbeschadet all' seines Idealismus auf's Praktische gerichteten, aller Bizarrerie >) Targum. Gen. 49,d. Num. 24, 9. Deut. 33,20. 2) Siehe Knobel, Prophetismus, 372.

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