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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-06-05 · Heft 23 (5.6.1891) · p. Seite 269

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 23 (5.6.1891)
Date
1891-06-05
Page
Seite 269 (sequence 5)
Language
German
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269 Wir kommen hiernächst zur Parabel. Die Parabel will eine sittliche oder religiöse Wahrheit von höherer Bedeutung lehren?) Daß der althebräische Standpunkt Sittliches und Religiöses in Eins setzt, ist kaum nöthig zu erwähnen. Ob sich hiernach begreifen läßt, weshalb für das Bild der Parabel dem menschlichen Leben entnommene Verhältnisse sich am meisten eignen? — Um nun einen festen Boden der Untersuchung zu gewinnen, führen wir die Schemata bezw. Uebersetzungen derjenigen altbiblischen Stücke vor, welche wir als Parabeln betrachten. A. Die althebräische Parabel, a) Nachweis der altbiblischen Parabeln. 1. 2 Sam. 12, 1—6. I. 1—3. „Zwei Männer lebten in einer Stadt; der eine war reich, der andere arm. Der Reiche hatte Schafe und Rinder — sehr viel. Der Arme hatte gar Nichts, blos ein einzig kleines Lämmlein, so er gekauft hatte. Er nährte es auf, es wuchs heran bei ihm mit seinen Kindern zusammen; von seinem Brode aß es, aus seinem Becher trank es, in seinem Schooße schlief es. Es lvard ihm wie eine Tochter." II. 4. „Ein Wandrer kam zu dem reichen Mann und es dauerte ihn, von' seinen Schafen und seinen Rindern zu nehmen, zur Herrichtung für den Gast, der zu ihm gekommen war. Er nahm das Lämmlein des armen Mannes und richtete es her für den Mann, welcher gn ihm gekommen war." UI. 5—7. „Nun entbrannte Davids Zorn über den Mann sehr und -er sprach zu Nathan: Beim Leben des Ewigen! Ist doch ein Sohn des Todes der Mann, der das thüt! Aber er soll das Lämmlein vierfach bezahlen, zum Entgelt, daß er diese Sache gethan und daß es ihn nicht nicht gedauert. Da sprach Nathan zu David: Du bist der Mann!" 2. 1. Könige 20, 39-42. Ben Hadad, König von Aram, der gefährliche Feind Ahabs, ist nach erlittener Niederlage dem Letzteren als Gefangener in die Hände gefallen. Ahab hat sich von mitleidiger Schwäche bewegen lassen, den werthvollen Gefangenen frei zu geben. Wie der König von Israel die Straße daherkommt, tritt ihm ein mit Wunden bedeckter Mensch in den Weg. Ueber den Augen trägt derselbe einen Verband, der ihn zugleich unkenntlich macht. Dem König ruft er jammernd entgegen: I. 39. „Dein Knecht war ausgezogen mitten in die Schlacht. Siehe, ein Mann trat her und brachte zu mir einen Mann und sprach: Bewache diesen Mann! Wird er vermißt, dann steht dein Leben für sein Leben ein, oder einen Silberkiklar wägst du dar." II. 40a. „Und geschah; Dein Knecht schaffte hier und dort und der war nicht mehr vorhanden." HI. Dem König lassen diese Worte keinen Zweifel, daß, der dem Klüger den Gefangenen übergeben, auch der Urheber der Wunden ist. Es ist ihm ferner klar, daß Bestrafung von ihm verlangt wird. Darum entgegnet er: 40b. „Gerecht ist dein Gericht! Du hast gehörige Hiebe bekommen?)" Jetzt nimmt Jener die Binde von seinen Augen. Der König erhnnt bestürzt, daß ein Prophet ihm eine Parabel erzählt hat. Argen Schmerzen hat derselbe sich unterzogen, um seiner Darstellung Gewalt zu verleihen. Der Prophet fährt fort: 42. „Also spricht der Ewige: Weil du den Mann in meinem Netze aus der Hand gelassen hast, wird dein Leben für sein Leben und dein Volk für sein Volk einstehen." 9 Beyer, Deutsche Poetik. Stuttgart, 1883. 2, 160. 9 Wir fassen die Form als Pual eboras^ta, mit ausnahmsweise virtuell verdoppeltem und übersetzen unter Heranziehung von p*np[ ßefc. 22, 22, verwundet, dort neben 'ytät} p ist participiales Adjektivum von j*ß. 3. Jesaias 5, 1—7. I. 1. 2a. „Laßt singen mich vom Geliebten mein einen Sang meines Lieben von seinem Weinberg! Einen Weinberg mein Geliebter hatte am Felshorn, dem Sohne des Fettes! Und er grub ihn um und entsteinte ihn und besetzte ihn mit Sorekreben und baute einen Thurm in seine Mitte hinein und auch eine Kelter hat er in ihn eingebauen." II. 2b—4. „Nun hoffte er, er würde Trauben bringen — und Herlinge brachte er. — Und nun, Bewohner Jerusalems und Männer Juda's: sprechet das Recht zwischen mir und zwischen meinem Weinberg! Was hätte noch gethan werden müssen meinem Weinberg, was ich an ihm nicht gethan? Warum doch habe ich gehofft, er würde Trauben bringen — und Herlinge brachte er?" III. 5—7.. „Und nun — ich will euch verkündigen, was ich thue meinem Weinberg! Fortnehmen seine Hecke, daß er dem Abweiden verfalle — einreißen seine Mauer, daß er der Zertretung verfalle. Und ich werde ihm den Garaus machen; er soll nicht beschnitten und nicht behackt werden; dann schießt er in Distel und Dorn auf. Und den Wolken werde ich verbieten, auf ihn Regen niederzusenden." „Ja — der Weinberg des Ewigen der Heerschaaren ist das Haus Israeldie Männer von Juda sind die Pflanzung seiner Lust! Nun hoffte er auf Recht — da war Blutgier; auf Redlichkeit — da war Jammergeschrei." 4. Jeremias 13, 1—11. I. 1. 2. „Also sprach der Ewige zu mir: Geh und 'kaufe dir einen linnenen Gürtel und lege ihn an deine Lenden und ins Wasser bringe ihn nicht! Und ich kaufte den Gürtel nach des Ewigen Wort und legte ihn an meine Lenden." II. 3—5. „Und des Ewigen Wort erging an mich zum zweiten, wie folgt: Nimm den Gürtel, den du gekauft hast, der an deinen Lenden ist, und auf, an den Euphrat (?) geh und da birg ihn in einer Spalte des Felsens! Und ich ging und barg ihn am Euphrat, wie der Ewige - mit geheißen." III. 6—7. „Und nach Ablauf vieler Tage war es, da sprach der . Ewige zu mir: Auf, an den Euphrat geh und von da nimm den Gürtel, den ich dir allda zu bergen geheißen. Und ich ging an den Euphrat und grub und nahm den Gürtel von der Stätte, allwo ich ihn geborgen hatte. Und siehe, verdorben war der Gürtel und taugte zu Nichts." (Gedanke scheint zu sein, daß das in die Spalte hineinspülende Flußwasser den Gürtel verdorben hat. .Vergl. 1b.). Lehre 8—11. „Und des Ewigen Wort erging an mich wie folgt: Also sprach der Ewige: Auf diese Art lasse ich die Hoheit Juda's verderben und die Hoheit Jerusalems, die große. Dieses boshafte Volk, sie, die meine Worte zu hören sich weigern — in ihrer Herzenshärte hingehen, und andern Göttern nachgehen, ihnen zu dienen und vor ihnen sich zu bücken — werden soll es damit, wie mit diesem Gürtel, der zu nichts taugt. Denn wie der Gürtel schließt an die Lenden des Mannes, so hatte ich an mich geschlossen das ganze Haus Israel und das ganze Haus Juda — Auspruch des Ewigen — daß es mir ein Volk sei und ein Name uub ein Ruhm und eine Herrlichkeit — sie haben nicht hören wollen." 5. Ez. 13, 10-16. I. 10b. Gott baut eine Mauer (Einrichtung des Staats in religiöser, moralischer, politischer Beziehung*). II. 10 b. (Mit der Zeit werden in der Mauer wohl Risse bemerkbar. Innere und äußere Schäden treten hervor im Staate). Bei solchenr Sachbestand wird (von den falschen Propheten) die Mauer mit Tünche beworfen. V. 10 b. Die Tünche soll die Risse verstecken. (Wie thäte es Noth, diese auszubessern!) III. 11—15. Eine derartige Mauer — prasselt sie nicht rettungslos zusammen, da Unwetter in allen Gestalten auf sie einstürmt? (Ein derartiger Staat, von den Chaldäern nunmehr bedroht, kann er dem Untergang entgehen?) Recht so, daß von der niederstürzenden Mauer vor Allem auch jene Tüncher erschlagen werden! (Wir müssen nämlich hinzudenken, daß diese mitten in der schwersten Gefahr ihre schnöde Thätigkeit nicht eingestellt haben.) Vergl- Jes. 31, 13, 14; Jer. 6, 14, 15; 8, 11, 12. Im letzten Vers besonders 'ui 1^2' p*> ’) Knobel. Prophetismus 371 u. 372.

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