Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1891)
- Date
- 1891-06-05
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
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ländischem Proletariat sich sträuben, die Armen dann nicht ein noch aus wüßten und ohne Asyl elend verkommen würden. Ich möchte darum die Meinung vertreten, daß man sich hier bester mit einem Palliativals Radikalmittel, und zwar in der Weise begnügen müßte, daß zunächst die Ausgetriebenen untergebracht würden, und erst dann, wenn dies über kurz oder lang gelungen, zu einer weiteren, auch nur allniäligen freiwilligen Auswanderung geschritten werde, da hiergegen die drei oben beregten gewaltigen Mißstände, wenn überhaupt, so doch in weit geringerem Maße sich geltend machen würden. Auch hier wäre deninach das Bessere der Feind des Guten, und mag dann, ist das Letztere erreicht, das Erstere Nachfolgen. Obiges war bereits niedergeschrieben, als ich den richtig gestellten riesenhaften, bereits der Ausführung entgegengebrachten Plan des Barons Hirsch und seines Beauftragten, Profeffors Löwenthal, aus der jüngsten Nummer dieses Blattes entnahm, und ich hatte dabei die Genugthuung, im Großen und Ganzen die gleichen Gesichtspunkte, wie sie oben ins Auge gefaßt und danach dieselbe „Mutter der Weisheit" in Anwendung gebracht zu sehen.' Sollen wir aber selbst bei dem höchsten Vertrauen auf Gottes Beistand nicht auf diesen allein bauen, sondern das alte Weisheitswort beherzigen: Hilf dir selbst, so wird dir Gott helfen, so ziemt es uns wohl noch weniger, von einer oder mehreren Finanzgrößen Alles zu erwarten, vielmehr selbst mit Hand an das Segenswerk zu legen und die oben nur beiläufig gedachte Beisteuer der dii minorum gentium zur That werden zu lasten. Ich erlaube mir demnach, die Sammlung eines möglichst ansehnlichen Fonds Seitens der Juden (und vielleicht auch der Mildthätigen unter den Nichtjliden) aller civilisirten Länder zu deni Zwecke in Vorschlag zu bringen, die Kolonisation der Vertriebenen und Auswanderndcn, auch in anderen Zonen als die von Baron Hirsch erwählte, immer weiter auszubreiten, und erbiete mich dann, dazu mit materieller und intellektueller That nach besten Kräften mitzuwirken. Die Alliance israelite universelle mit allen ihren Verzweigungen hier und anderwärts, das englische Board for Jewisli assoeiation (so nennt es sich ja wohl) u. dgl. mehr werden dann sicher auch der großen Sache energisch unter die Arme greifen, und viribus unitis kann so eine dauernde heilsame Schöpfung ins Leben gerufen werden, so daß wir trotz des hereingebrochenen Unheils mit Nachum (Gamsu oder Gimso) dankerfüllt zum Himmel rufen: Gam su l'tnbab, auch das war zum Heil." 9 Parabel und Fabel bei den alten Hebräern. Von Dr. Elias Kalischer. Einleitung. Gleichsam der Vater alles dichterischen Schaffens ist der Trieb der Verlebendigung. Zwei weitere Triebe entspringen diesem Grnndtrieb. 1. Trieb der Veranschaulichung. 2. Trieb der Verkörperung. Wir zerlegen die Veranschaulichung in drei Hauptformen: a) Vermenschlichung, b) Bewegung. c) Hervorhebung. Unter Vermenschlichung befaffen wir «) Veranschaulichung eines Leblosen oder Abstrakten durch Uebertragung von Prädikaten eines Lebendigen auf daffelbe; ß) Veranschaulichung eines Lebendigen niederer Art durch Uebertragung von Prädikaten eines Lebendigen höherer Art auf daffelbe. Bewegung und Hervorhebung sind Darstellungs« mittel, deren Wesen gelegentlich unseres Hauptgegenstands Beispiele klar machen werden. Die Verkörperung zerlegen wir ebenfalls in drei Hauptformen: a) Abbildung, b) Umkörperung, c) Einkörperung. Die niedrigste Form, die Abbildung, ist die darstellende Wiedergabe eines wirklichen Körperlichen. Umkörperung findet statt, wenn für ein Körperliches das Bild eines andern Körperlichen gesetzt »wird. Die höchste Form, Einkörperung, nehmen wir an, «) wenn für ein Abstraktes ein Körperliches gesetzt; ferner ß) wenn unabhängig aus der Einbildungskraft des Dichters heraus ein Körperliches geschaffen wird. In der ursprünglichen, starken Dichtung eint ein unauflösliches Band Veranschaulichung und Verkörperung. Immer mehr strebt jeder der beiden Triebe nach selbständiger Geltung. Und ist nicht die Redekunst das allmälig herausentwickelte Gebiet, wo der Trieb der Veranschaulichung, unbeeinträchtigt vom Trieb der Verkörperung, seine Wirksamkeit entfaltet? Zwei der bedeutsamsten Zwischenstufen, welche, der didaktischen Poesie zugehörig, von der Dichtung zur Rede hinleiten, sind 1. die Fabel, und 2. die Parabel. Für die Schöpfung der einen wie der andern hat das Uebergewicht der Trieb der Veranschaulichung. Die Fabel belehrt uns, daß der Drang der Entwicklung von der Dichtung zur Rede hin schon sehr früh anfängt. Denn die Fabel ist eine der ältesten Gattungen der Dichtung. Die Fabel will vermittelst einer Erzählung eine einfache Moral oder eine Klugheitsregel lehren. Merke, daß der Kindheit Alles als Person entgegentritt! der Kindheit der Menschen wie der Völker. Wird aber nicht auch die Fabel von der Vermenschlichung durchwaltet? Wohl — eben dadurch theilt sie mit dem Mythus Grund und Boden?) Den in der Fabel erzählten Fall führen Thiere oder Pflanzen auf oder noch geringere Wesen. Jeder dieser Figuren eignet ein ihr wesentlich innewohnender, in den verschiedenen Fabeln gleicher Charakter, der Nachahmung eines menschlichen Charakters ist. — Der Fabeldichter giebt jeder Figur ihre Aufgabe in der Fabelhandlung. Unentbehrlich nämlich ist der Fabel und, um es alsbald init zu bemerken, der Parabel eine Handlung. Was ist Handlung? Nach Lessing eine Folge von Veränderungen, die zusammen ein Ganzes ausmachen. Worin ist die Einheit des Ganzen begründet? In der Uebereinstimmung aller Theile zu einem Endzweck. Dieser Endzweck ist hier die Lehre der Fabel, bezugsweise die Lehre der Parabel. Als episch wird die Handlung der Fabel mehr aus dem Zusammenwirken der Verhältniffe, andererseits die Handlung der Parabel als dramatisch mehr aus der Entscheidung des Helden herausgeboren.') Dem entspricht, daß auch von Seiten der Form uns die Fabel als epische Erzählung entgegentritt. — Aus gewissen Ursachen können wir die Untersuchung über die alttestamentliche Fabel erst in der zweiten Hälfte unserer Abhandlung vornehmen. ') Werner Hahn, Deutsche Poetik. Berlin, 1879. 303. 2) liebet epische und dramatische Handlung, Gottschall. Breslau 1877. 2, 93.