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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-06-05 · Heft 23 (5.6.1891) · p. Seite 267

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 23 (5.6.1891)
Date
1891-06-05
Page
Seite 267 (sequence 3)
Language
German
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feiern; öfter gerade darauf kommt es an. Wenn wir aber dem Zeitgeiste die eine Konzession machen, müssen wir ihm auch die andere machen; denn keine hat vor der anderen den Vorzug. Damit verliert aber der Tag seine ethische Bedeutung, die wichtiger ist als die soziale, und sinkt aus. einem Tage der Familienweihe zu einem Tage lärmender Zerstreuungen herab. Mit der Verlegüng des letzteren auf den Sonntag würden wir nicht nur unsere Vergangenheit, sondern auch unsere Zukunft aufgeben. Und während wir Diejenigen, die der Kampf um's Dasein und der Strom der Zeit mit sich fortgerissen, nicht nur nicht wiedergewinnen, sondern sogar noch weiter in die Strömung Hineintreiben würden, würden wir noch dazu bewirken, daß auch die kleine Schaar der treuen Beobachter sich allmählich dem Judenthum abwenden würde. Wer also ein Interesse hat an dem Fortbestände des Judenthums, muß auch ein Jntereffe haben an der Beibehaltung des Sabbats. Und wenn es auch nicht möglich ist, ihn für die große Masse zu retten, im Prinzip muß er mit, um so größerer Energie vertheidigt werden, und dazu sind vor Allem die Rabbiner berufen. Ich wenigstens kann mich der Hoffnung nicht verschließen, daß, so lange Synagogen am Sabbat besucht werden, gleichviel von wie Vielen, auch die Idee des jüdischen Sabbats nicht erlöschen und daß diese Idee einst die ganze Welt erfüllen werde. Wir haben ein Interesse daran, uns in gewissen Punkten von den Völkern abzusondern, weil wir uns so am besten erhalten und so am besten auf die Völker wirken können. Und als eines der bedeutsamsten Mittel der Selbsterhaltung und des Einflusses aus die Völker erscheint mir die Beibehaltung des Sabbats. U Gin Vorschlag. Von Dr. M. Stern. „Auch hier geschieht, was längst geschah, Denn Naboth's Weinberg war schon da." (Faust II., Akt V., Sz. 3.) Mit dieser schlauen Paraphrase des Prediger-Spruches: „Was gewesen, das wird wieder, und was geschehen, das geschieht wieder", beschönigt der biedere Mephisto seine Heldenthat, daß er einem ehrbaren alten Paare die Hütte über dem Kopse anzündet. Das gleiche Motto können die nordischen Helden für die von ihnen in immer verstärktem Grade, bis sie nun den Höhepunkt erreicht, ins Werk gesetzten Maßnahmen gegen die Juden sehr wohl anwenden. Denn gerade vor einem halben Jahrtausend (1391) begannen in Spanien die Plünderungen und Massacres der jüdischen Staatsbürger, denen ein Jahrhundert später (1492) mit deren erbarmungslosen völligen Austreibung — der dann die aus Portugal fast aus dem Fuße folgte — die Krone aufgesetzt ward. Daß beide Reiche der pyrenäischen Halbinsel, in deren einem, wie heute in dem nordischen und westlichen Weltreiche, die Sonne nicht unterging, und von denen das andere nahezu deffelben sich rühmen durfte, daß sie seitdem von Stufe zu Stufe herabsanken, bis sie nunmehr nur noch als Mächte zweiten oder dritten Ranges gelten, ist sattsam bekannt, und ebenso allgemein wohl auch anerkannt, daß der Fanatismus mit jener grausamen Verbannung der Juden (und Mauren) sich selbst den Lebensnerv durchschnitten, weil mit diesen rege Betriebsamkeit, Wiffenschast und Kunstfleiß aus den Ländern wichen, und Trägheit, finsterer Aberglaube ■ und die schreckliche Geißel der Inquisition an ihre Stelle getreten waren, welche die herrlichen Lande halb zur Wüstenei entarten und ihre Bevölkerung auf eilten Bruchtheil ihres früheren Bestandes herabsinken ließen. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht, und wenn es, von der Aesthetik abgesehen, der Hauptzweck aller Dichtung in Prosa und Poesie ist, auf Gemüth, Gesinnung und That der Lehrer und Hörer veredelnd einzuwirken, so sollten doch sicher die immer wiederkehrenden Mahnungen, Warnungen und Drohungen der Völkergeschichte den Nationen und ihren Lenkern laut und vernehmlich in die Ohren klingen und sie abhalten, in die Fehler und Verirrungen der vergangenen Geschlechter wiederum zu verfallen, um nicht ein gleiches Schicksal wie jene auf sich herabzubeschwören. Tiefschmerzlich, herzzerreißend, Mark und Bein erschütternd sind freilich die täglichen Berichte von all' den Gräueln, die mit kannibalischer Wuth im rasenden Wettlauf mit den Nachtschatten der Kreuzzüge und den nachfolgenden Jahrhunderten Schlag auf Schlag sich häufen, so daß sogar die Thora im Hechal nicht mehr davor sicher ist, sondern, wie in jenen Zeitläuften verbrannt, so jetzt in Stücke zerrisien und den frommen Betern höhnisch vor die Füße geworfen wird — ein Non plus ultra der Barbarei! Doch die so aus Unschuldige gewälzte Schmach, sie trifft ihre Verfolger in der Mit- und Nachwelt Augen weit einschneidender, als deren Opfer, und die Nemesis des Weltgerichts, sie bleibt, ob früher oder später eintretend, gewiß nicht aus, und „es geschieht nur, was geschah, denn Babel und Niniveh waren schon da". Der Rundschauer der vorigen Montags-Ausgabe des „Berliner Tageblatts" ruft zwar den Rasenden ein „Mene Tekel" z», indem er (mit Bezugnahme auf das von einem japanesischen Manne auf den Großsürsten-Thronsolger aus purem Fremdenhaß und religiösem Fanatismus — welche beiden Motoren, im Verein mit der unersättlichen Geldgier, die dabei eine Hauptrolle spielt, auch die jetzigen Judenhetzen ins Rollen bringen — verübte brutale Attentat, das jedoch den Mörder schwerer heimgesucht, als den Attaquirten) ihnen das Gewissen aufzuregen sucht, um vor gleichem Frevel im Großen und Ganzen, wie dort im Einzelnen und Besonderen zu warnen, doch verspricht er sich bei den dort waltenden politischen mrd sozialen Tendenzen davon nicht mehr Erfolg, als die Strafreden der Propheten einst bei den Israeliten erzielt, die erst nach Eintritt des von ihnen geweissagten Gottesgerichts auf bessere Wege geleitet wurden. Auch von diplomatischer Intervention erwartet er eher bei den Barbareien in Corfu (und Zante), ob deren Geringfügigkeit und der von Innen und Außen dagegen entfalteten Energie, als dort Erfolg, und es möchte scheinen, daß wirklich nichts als das auch in diesen Blättern in Aussicht genommene, freilich verzweifelte Heilmittel der freiwilligen vollständigen Auswanderung aus jenen unwirthlichen Landen erübrige. Doch welche Berge von Hemmnissen thiirmen sich diesem großartigen Plane entgegen! Wird all primum die heimische Regierung, soviel sie sich auch im Augenblick der Ueberzahl zu entledigen sucht, nicht bald genug ein Veto einlegen, da schon jetzt von den bisherigen Jnternirungen und Ausweisungen sich die übelsten Folgen für Handel und Wandel und damit für den Nationalwohlstand fühlbar machen, und die entgehenden Millionen von Steuern, sowie Tausende von Kriegsleuten nicht leichten Sinnes verschmerzt werden dürsten? Wäre aber auch dieser Berg überstiegen, woher die unübersehbaren Kosten der Ueber- und Ansiedelung all der Hunderttausende oder besser Millionen von meist mittellosen Emigranten hernehmen, möchten auch Hirsch, Rothschild, Bleichröder rc. ihre milde Hand noch so weit austhun, und steuerten auch die Geringeren nach Kräften bei? Denn steht nach meiner unmaßgeblichen Schätzung nicht mindestens eine Milliarde Francs oder Mark zur Verfügung, so wird auch das dritte Hindernis; nicht umgangen werden: daß nämlich die Staaten, in welche die Immigration geschehen soll, gegen eine Ueberfluthung mit solch' fremd-

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