Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1891)
- Date
- 1891-06-05
- Page
- Seite 266 (sequence 2)
- Language
- German
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würde. Man fürchtet vielleicht, das; Rußland einen solchen Protest der Mächte als Anlaß benutzen könnte, den europäischen Frieden zu stören — ja, wer weiß, ob die unnatürliche Härte, mit welcher man russischerseits gegen die Juden vorgeht, und mit der man auch eine Polen-, eine Protestanten-, eine Deutschenverfolgung an den Horizont malt, nicht gerade dazu dienen soll, die Mächte zum Einschreiten zu veranlaffen und damit'einen easus belli zu schaffen. Daß unter diesen Umständen die Mächte des Dreibunds und das ihnen befreundete England es vermeiden, durch offenes Eintreten für die verfolgten Juden den ruffischen Löwen zu reizen, ist im Interesse des Friedens zu verstehen und vielleicht gutzuheißen. Wie aber steht es um Frankreich, das diese Rücksichten gegen Rußland nicht zu nehmen braucht? Frankreich, der präsumtive Bundesgenosse Rußlands, an dem allein dieser Staat im Kriegsfälle einen Rückhalt hat, es schweigt gleichfalls. Die Nation, die früher sich rühmte, „an der Spitze der Civilisation zu marschiren", sie setzt die Humanität hintan, sobald die Jntereffen ihrer Politik in Frage kommen; sie läßt französische Juden aus Moskau ausweisen und hilft die Willkür und die Intoleranz großziehen, ehe sie Namens der Gerechtigkeit ihrem Bundesgenossen ein mahnendes Wort sagt. Unter diesen Umstünden ist es von ganz besonderer Bedeutung, darauf hinzuweisen, daß an dem Proteste in Corfu der Vertreter Frankreichs sich nicht betheiligt hat. Frankreich hat eben das Prinzip der Humanität geopfert, um es in einem ihm unangenehmen Falle nicht anwenden zu müssen. Das ist unsere Zeit! Das ist der Ausgang unseres Jahrhunderts! Welch ein trauriges Bewußtsein, daß die Politik, die Erhalterin der Rechtsstaaten, nur bestehen kann, 'wenn die Menschlichkeit zurückgedrängt wird. Rußland und Griechenland! Möge uns in der Trauer über die Vorgänge in Moskau, in der dumpfen Verzweiflung über das ungewisse Schicksal unserer russischen Glaubensbrüder das Bewußtsein trösten, daß unter der Asche doch das Feuer der Humanität glüht, und daß das sittliche Bewußtsein Europas, welches vor der Macht Rußlands, verstummt, im schönen Hellenenlande zur freien Entfaltung kommen durfte! Möge es bald auf dem ganzen Erdenrund seine Stirn frei erheben dürfen! 9 Zur Kabdatfrage. Von Julius Jelski. Die Sabbatfrage ist zwar schon öfters erörtert worden, aber sie ist doch von so großer Bedeutung, daß sie nicht genug besprochen werden kann. Vorausschicken möchte ich, daß ich durchaus nicht praktische Mittel zur Rettung des Sabbats angeben werde, aus dem einfachen Grunde, weil ich an eine Rettung, wie sie Vielen wohl vorschwebt, gar nicht glaube, sondern ich will nnch nur im Allgemeinen über die Sabbatfrage aussprechen. Mit dem Sabbat steht und fällt das Judenthum; denn der Sabbat trägt in sich die Idee des J.udenthums. Welches ist aber die Idee des Judenthums? Nun, ich glaube, es ist die Idee des Gottesreiches auf Erden, im Gegensatz zum Chcistenthum, welches behauptet: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt." Dieses Gottesreich auf Erden aber läßt sich nur begründen durch eine sozial-ethische Vollendung der Menschheit, und diese erstrebt der Sabbat. Als ethisches Moment tritt er uns in . der Schöpfungsgeschichte, als soziales Moment im Dekalog entgegen. Es ist sehr bedeutsam, daß der Sabbat mit der Schöpfung in Verbindung gebracht wird. Die Naturschöpfung ist beendet, nun kann die geschichtliche Schöpfung beginnen. Und wie aus dem Chaos der Natur der Kosmos hervorging, so soll aus dem Tohuwabohu der Menschheit das Gottesreich hervorgehen. Der Natursabbat trat ein mit dem Augenblick, wo das erste Leben auf Erden zu keimen begann. Der Geschichtssabbat wird eintreten, wenn die Idee des jüdischen Sabbats die Völker erfüllt haben wird. Der Sabbat ist also eine göttliche Einrichtung, besonders wegen seiner ethischen Bedeutung. Der Sabbat hauptsächlich ist es gewesen, der uns bis auf den heutigen Tag erhalten hat, und so lange das Judenthum von dem natürlichsten und jedem Wesen angeborenen Triebe der Selbsterhaltung erfüllt ist, kann es nicht im Entferntesten daran denken, den Sabbat preiszugeben. Wir sind das Bundesvolk Gottes, das als solches eine ganz bestimmte Aufgabe in der Geschichte zu erfüllen hat. Wie sollte es aber diese Aufgabe erfüllen, wenn es nicht zunächst für seine Existenz kämpfte? Aber seine Existenz schwebt in Gefahr, wenn der Sabbat in Gefahr schwebt. Der Sabbat ist der Bundesakt, der uns immer wieder von Neuem an den Bund erinnert, den wir am Sinai gleichsam mit der Weltgeschichte geschlossen haben. Und von diesem Bunde kann uns keine Macht der Erde, nicht der Feind von außen, nicht der Feind von innen, nicht klügelnder Witz, nicht schnöder Spott, nicht lockende Versuchung befreien; von diesem Bunde kann uns nur Eines befreien: die Weltgeschichte selbst. So lange diese ihr letztes Wort noch nicht gesprochen hat, haben wir auszuharren treu und fest in unserem Berufe. Wie steht es nun in der Gegenwart mit unserem Sabbat? Manche meinen, er sei überhaupt jetzt ganz überflüssig. Das sind die Religionslosen, mit denen wir hier nicht rechten wollen. Andere meinen, er müsse auf den Sonntag verlegt werden. Wir wollen einmal das Gewissen, das unter allen Umständen einen solchen Schritt verwerfen würde, schweigen lassen und hören, was die Klugheit räth. Ist es möglich, den Sabbath und damit das Judenthum zu retten, indem man ersteren aus den Sonntag verlegt? Ich glaube es nicht, ich glaube vielmehr, daß damit der erste Schritt zur Auflösung des Judenthums gethan wäre. Denn die Konsequenz würde verlangen, daß man dann auch die anderen Festtage verlegte. Und wenn wir erst so weit gegangen sind, was sollte uns hindern, weiter zu gehen? Wir würden Stein nach Stein wegnehmen, bis der stolze Bau des Judenthums in elende Trümmer zerfiele. Wie überall, so ist auch hier der erste Schritt der entscheidende. Mit der Verlegung des Sabbats leisten wir dem Abfalle Vorschub; denn wie kann man einem Wesen treu bleiben, das gegen sich selbst treulos wird? Wie Viele würden sich sagen: Seht, das Judenthum fängt an, halb und halb dem Christenthum nachzugeben; wir wollen nichts Halbes, besser etwas Ganzes, also treten wir zum Christenthum über, zumal uns hier alle Schranken genommen sind. Aber die Zeit verlangt die Verlegung, werden Manche einwenden. Nun, wir haben vier Jahrtausende der Zeit getrotzt und sollten es jetzt nicht vermögen? Darin besteht ja gerade unser Stolz. Aber nehmen wir einmal an, der Sabbat wäre auf den Sonntag verlegt. Würden dann die Synagogen gefüllter sein? Ich glaube es nicht. Denn wie Viele könnten auch den Sabbat feiern, ohne daß sie es thun! Und warum nicht? Aus religiöser Gleichgültigkeit. Also nicht nur der Kampf um's Dasein trägt die Schuld an der Vernachlässigung des Sabbats. Gewiß kommt es nicht auf den Tag an, den wir feiern, wohl aber auf die Art und Weise, wie wir ihn feiern, und ich glaube nicht, daß wir den Sonntag so feiern könnten, wie wir den Sabbat