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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-06-05 · Heft 23 (5.6.1891) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 23 (5.6.1891)
Date
1891-06-05
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 5. Juni 1891. 55. Jahrgang. Nr. 23. eitung öes Audenchums. Gm unparteiisches Organ fiir alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nedacleur: Gustav Karpeles. Begründet von Uabbrnrr 21*- Ludwig Philippson-Oonn. Verlags-GrprLition: iöerü», Lerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Griechenland und Rußland. Von A. B. — Zur Sabbatsrage. Von Julius Je lski. — Ein Vorschlag. Von Dr. M. Stern. — Wissenschaft und Litteratur: Parabel und Fabel bei den alten Hebräern. Von Dr. Elias Kalischer. — Ein jüdischer Diogenes. Von Ed uard Muenz. — Curiosa aus der russischen Litteratur. Von Tr. S. Mandelkern. — Der Jude als Romanfigur. III. Von Dr. Carl Pinn. — Feuilleton: Gott ist die Liebe. Von O. Bach. (Fortsetzung.) — Reisebriefe. Von Albert Katz. Der Geweindedote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Neu-Weißensee, Aus Pommern. Bad Ems, Hannover, Aachen, Ulm, Wien London, Petersburg. Moskau, Kiew. Astrachan, Athen. — Bon Nah und Fern. — Sprechsaal. — Miseellen. - Briefkasten. Griechenland nnd Rußland. A. B. Berlin, 31. Mai. In Corfu ist die Ruhe wieder eingekehrt. Mit kräftiger Hand hat die griechische Regierung, dem Drängen des zivilisirten Europa, wie dem eigenen Gerechtigkeitssinn Folge gebend, den Ausschreitungen einer fanatisirten Volksmenge ein Ende gemacht. Sie hat nicht nur ihre eigne Würde, sondern zugleich diejenige der ganzen gebildeten Welt zu wahren verstanden, indem sie das von der antisemitischen Internationale wieder einmal herausbeschworene Blutmärchen auf den ihm gebührenden Platz in der Rumpelkammer des Aberglaubens wies. Während auf diese Weise in Griechenland Wahrheit und Gesittung einen Triumph feiern, werden in Rußland, und zwar in dem zu Europa sich zählenden Theile dieses Reiches, die Bedrückungen der Juden planmäßig fortgesetzt; und Niemand wagt zu hoffen, daß in absehbarer Zeit hier eine Wendung zum Besseren eintreten werde. Welch eine Verschiedenheit zwischen zwei Bewegungen, die anscheinend gleichen Ursprung und gleiche Richtung haben! Dort ein wilderregter Volkshaufen, der, von auswärtigen Hetzern für ihre Zwecke benutzt, seine Wuth an Leben und Eigenthum der Juden auszulassen versucht — hier ein Fürst, welcher, von eigensüchtigen Beamten irregeleitet, einen Theil seines Volkes dem Elend preisgiebt. Dort die Behörden auf Seiten der Angegriffenen, die Geistlichkeit milde und versöhnlich zum Frieden wirkend — hier die ausübenden Organe bemüht, die strengen Gesetze durch schroffe Handhabung noch fühlbarer zu gestalten, und die Popen schürend und treibend. Dort ein lokaler Aufruhr, gerichtet gegen wenige Tausende, die an einem Orte wohnen — hier eine Vergewaltigung von Millionen Menschen, die über ein weites Reich zerstreut sind. Dort ein Tumult, der sich nur gegen die Juden richtet — hier eine Bewegung, die viel weitere Opfer zu verlangen droht. Dort eine Aufwallung, die eine Gefahr für andere Staaten nicht ohne Weiteres in sich barg — hier die Erzeugung einer Auswanderung, die gewaltige Schaaren Vertriebener in andere Länder als Hilfesuchende treibt! Mit einem Wort — die Corfuer Osterhetze verschwindet in ein Nichts angesichts der russischen Schrecken. Wie nun hat Europa sich der einen »nd wie der anderen Bewegung gegenüber verhalten? Als in der Hauptstadt Englands die Guildhall-Versammlung tagte, um gegen die russische Judengesetzgebung Protest einzulegen, wie eifrig war man darauf bedacht, dieser Versammlung jeden offiziellen Charakter zu nehmen, wie streng wurde da unterschieden zwischen dem, was die englischen Privatleute thun dürften, und dem, was dem englischen Staate zu thun nicht ziemte. Wie wurde selbst von sonst human gesinnten deutschen Organen der Standpunkt betont, man dürfe sich nicht in die internen Angelegenheiten eines anderen Landes Hineinmengen! Und nun? Als bereits feststand, daß Griechenland zur energischen Bekämpfung der Ausschreitungen gewillt war, da überreichten die Vertreter europäischer Großmächte der griechischen Regierung Protestnoten mit der Aufforderung, für die Abschaffung der Europas unwürdigen Zustände Sorge zu tragen, und sie gaben — um an dem Ernste ihrer Mahnung keinen Zweifel zu lasten — durch militärische Machtentfaltung ihren Forderungen Nachdruck. Den russischen Greueln gegenüber schweigen die Großmächte noch heute. Man sage nicht, daß in Corfu Leben und Eigenthum nichtgriechischer Bürger bedroht war, tvährend es sich in Rußland nur um Inländer handelte. Auch auf Deutsche und auf Franzosen, die in dem Reiche des Zaren wohnten, hat die neue Judengesetzgebnng bereits ihre Anwendung gefunden. Oder will man die Erwägung ins Gefecht führen, daß es sich in Corfu um widergesetzliche Vorgänge, in Rußland aber um sogenannte gesetzliche Maßnahmen handelte? Aber protestiren gesittete Staaten nicht auch gegen unmenschliche Gesetze? Und was berechtigt denn allein die zivilisirten Nationen, gegen einen Vorgang in irgend einem Staate ihren Protest einzulegen? Doch wohl nicht, daß dieser Vorgang Mit den Gesetzen des betreffenden Landes nicht übereinstimmt, sondern daß er mit den von allen Staaten anzuerkennenden ewigen Grundgesetzen der Sittlichkeit im Widerspruch steht, als deren Vertheidiger alle Kulturstaaten sich mit Stolz betrachten. So dürfen wir also mit Genugtuung annehmen, daß es der Gesichtspunkt der Humanität und ganz allein der Humanität war, welcher zu jenem Vorgehen der Mächte in Corfu Veranlassung gegeben hat. Warum aber — so fragen wir wieder — hat man dem gleichen Prinzip der Menschlichkeit nicht auch Rußland gegenüber Geltung zu verschaffen gesucht? Nur ein Grund scheint übrig zu bleiben. Es ist die Macht dieses Staates, die so gefürchtet wird, daß man von ihm stillschweigend duldet, was bei kleineren Staaten schwer geahndet

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