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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-05-29 · Heft 22 (29.5.1891) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 22 (29.5.1891)
Date
1891-05-29
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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örteru solle. Es handelt sich offenbar nur um eine zeitweilige Einstellung der Ausweisungen, da die kaiserliche Familie in den nächsten Tagen nach Moskau kommt. Ein Herr Jstomin, einer der früheren Sekretäre des bisherigen Generalgouverneurs von Moskau, des Fürsten Dolgorukow, soll der Haupturheber der Hetze sein, indem er in einem Bericht an den Synod darauf hinwies, daß die Moskauer Behörden die Gesetze gegen die Juden nicht ausführten. Obgleich nur jüd.sche Kanfleute erster Gilde, die schon 5 Jahre außerhalb Moskaus ihre Geschäfte betrieben haben, und jüdische Handwerker, die theils ihr Gewerbe selbstständig ausüben, theils als Gewerbetreibende bei christlichen und jüdischen Unternehmern „eingeschrieben" sind, in Moskau wohnen dürfen, ließ die Polizei gegen die übliche „Anerkennung" doch auch andere Leute zu. So .war die Zahl der Inden in Moskau nach und nach eine sehr ansehnliche geworden, sie bewohnten nicht nur das eigentliche Ghetto, sondern auch das sogenannte Poliakow-Viertel, ein elegantes Quartier am Boulevard mit mehrstöckigen Zinshäusern, wie sie jede Großstadt aufweist, ferner das Marienwäldchen, weit draußen am Ende der Stadt; dorthin hatten sich zumeist die paßlosen Juden gezogen, weil sie glaubten, außerhalb des Weichbildes von Moskau nicht mehr beit Aufenthältsgesetzen unterworfen zu sein. Herr Jstomin, unterstützt von dem Kirchenvorsteher des Bezirks, in welchem die Juden hauptsächlich wohnen, wies nun nach, daß das einfache Zurückgehen auf den Wortlaut des seit Jahren nicht mehr gehandhabten Gesetzes zur Ausweisung der ungesetzlich in Moskau weilenden Juden führen müsse und daß so die „heilige" Stadt Rußlands am besten von einer Bewohnerschaft zu befreien wäre, die zum Nachtheile derselben sich mit jedem Jahre mehr vergrößere. Der Prokuror Pobedonoszew war vollkommen einverstanden. Mit zelotischem Eifer bemächtigte er sich der Sache, die Moskauer Vorschläge gingen ins Kabinet des Kaisers und dann mit dem Bescheide: „Ispolnit“ (auszusühren) zurück, den der Kaiser eigenhändig auf den Rand geschrieben hatte. Unmittelbar darauf begann das bereits mehrfach geschilderte Vorgehen der Behörden gegen die Juden. Jüngere Paßbesitzer, denen man die Entfernung aus Moskau aufgetragen hatte, beschlossen, aus Rußland auszuwandern, und wendeten sich an die Behörden um die Auswanderungsbewilligung, aber sie wurde ihnen verweigert. Man könne sie brauchen für den Fall eines Krieges und könne sie nicht fortziehen lassen, da sie noch dienstpflichtig seien. Die älteren jüdischen Kaufleute veranstalteten eine Berathung in der Synagoge. Es läßt sich denken, in welchem Aufschrei der Schmerz der plötzlich recht- und heimathlos Gewordenen sich ßuft' machte. Aber plötzlich verstummten Alle wie auf ein gegebenes Zeichen — man hatte Spione entdeckt, die der Debatte im Aufträge der Polizei folgten. Diesen zu Tode gehetzten Menschen war nicht einmal die Genugthuung gegönnt, ihrem Zorne Ausdruck geben zu dürfen; sie beschlossen nach kurzer Berathung, ihre Handelsbeziehungen zu Moskau abzubrechen und in den Städten Wilna und Minsk, in die sie zumeist zurückzuziehen verpflichtet waren, neue Etablissements zu gründen, die den Verkehr von Rußland ablenken sollten. Bekanntlich haben selbst Moskauer Kaufleute Vorstellungen wegen der unsinnigen und grausamen Ausweisungen erhoben, allein erst ein von demselben Jstomin, welcher die Ausweisungen veranlaßt hat, an den Synod gerichteter Bericht über die Wirkung der Judenhetze soll den Zaren veranlaßt habey, Halt zu gebieten. Vorläufiggestattet man den wirklichen Handwerkern, die vor dem 1. Januar 1891 ausgestellte Pässe besitzen, zu bleiben. * Odessa, 21. Mai. Die Blätter Südrußlands erhielten den Befehl, eine Zeit lang keine antisemitischen Artikel mehr zu bringen. 800 nothleidende jüdische Familien verweilen in Odessa ohne Mittel zur Auswanderung. Die russische Regierung fordert strengstens den Besitz des Auswanderungsscheins, für welchen 15 Rubel zu zahlen sind. Militärpflichtigen Juden wird die Ausstellung eines solchen Scheines verweigert. 300 jüdische Familien sind bereits nach Palästina abgereist. Griechenland. * Corfn, 24. Mai. Der hier die Untersuchung leitende Staatsanwalt, Herr Bensis, brandmarkte in einer unserem Korrespondenten bewilligten Unterredung energisch das ungeheuerliche Lügengewebe der Berliner Antifemitenpresse, speziell der Kreuzzeitung, in Bezug auf den angeblichen „rituellen Mord". Der Staatsanwalt konstatirte ausdrücklich den unseligen Einfluß der genannten Presse auf die Vorgänge in Corfu. Daß das ermordete Mädchen eine Jüdin sei unterliege nicht dem geringsten Zweifel. Das Mädchen war, wie der Beamte angiebt, außerdem in widernatürlicher Weise vergewaltigt. Von dem Mörder hat man jedoch bisher noch keine Spur. Die fünf Hauptanstifter der Unruhen werden, wie der Staatsanwalt meinte zum Tode verurtheilt werden. Die Regierung wird überhaupt sehrstreng Vorgehen. _ d Von Nah und Fern. — Die Einweihung der „Israelitischen Taubstummenanstalt für Deutschland" in Neu-Weißensee ist auf den 31. Mai verschoben worden. — Herr Sanitätsrath Dr. Neu mann in Glogau ist zum Kreisphysikus des Kreises Glogau, Herr Privat-Dozent Dr. med. Straßmann in Berlin zum gerichtlichen Physikus der Stadt Berlin ernannt worden. — Herrn Salntätsrath Dr. Dr. Jacques Maye r in Berlin ist der rot he 'Adlerorden 4. Klasse verliehen worden. — Der vom auswärtigen Amte angeregte Prozeß wid>er Karl Paasch in Minden, den Verfasser des Buches „Eine jüdisch-deutsche Gesandtschaft", wird im Juli in Minden zur Verhandlung gelangen. — In einem an die Wiener „Neue Freie Presse" gerichteten Schreiben aus Berlin SW., Alte Jakobstraße 37, mit. der Unterschrift F. von Levetzow, Antisemit, bekennt sich Letzterer als Autor der bekannten, gegen den Dreibund gerichteten Schrift über die österreichische Armee; gleichzeitig kündigt derselbe an, er werde demnächst die Broschüren „Offene Worte über das Treiben der Juden in Oesterreich" unb „Allerlei aus Oesterreich" mit Enthüllungen über den Jockeyklub und das österreichische Gerichtswesen veröffentlichen. Herr von Levetzow giebt zu, aus der österreichischen Armee ausgetreten zu sein, weil er sein ganzes Vermögen verspielt habe. — Der Leipziger Antisemitenführer Theodor Fritsch, welcher seiner Zeit dem Rechtsanwalt Werthauer vorgeworfen hatte, er veranlassejüdischeKaufleute,welchevon der „Antisemitischen Korrespondenz" angegriffen worden waren, zu Privatklagen gegen dieselbe, wurde heute in der Berufungsinstanz zu achtzig Mark Geldstrafe verurtheilt. Das Schöffengericht hatte auf eine Strafe von nur dreißig Mark erkannt. — Der österreichische Korvettenkapitän Herr Friedrich Josef Pick wurde zum Fregattenkapitän ernannt und dürste der erste Jude in Oesterreich sein, der in der Kriegsmarine eine so hohe Würde erreicht hat. — Der Budapester Opernintendant, Graf Göza Zichy, der erst jüngst durch die Entlassung seines jüdischen Kapellmeisters und des Bassisten Ney von sich reden machte, hat neuerdings einem Festgottesdienst in der Synagoge beigewohnt. Ob er den Kantor engagiren wollte? — Aus Galizien wird uns der Tod des Rabbiners von Kolomea, Hillel Lichtenstein, gemeldet. — Aus Anlaß des neunzigsten Geburtstages des Oberrabbiners Dr. Wolfs in Kopenhagen besuchte der Kronprinz von Dän emark den würdigen Geistlichen und verweilte fast eine Stunde bei ihm. — Der Sultan der Türkei hat den aus Eorfu flüchtenden Juden gestattet, sich in Albanien, und zwar vornehmlich in Janina anzusiedeln. — Notabilitäten der schottischen presbyteriaNischen Kirche haben vertrauliche Besprechungen mit mehreren Bischöfen der englischen Kirche und mit katholischen Kirchenfürsten in England und Irland gepflogen, um einen schon im vorigen Jahre gefaßten Plan einer feierlichen englischen Protestbewegung gegen die russischen Religionsverfolgungen wieder aufzunehmen. — Behufs Förderung einer Judenkolonie in Palästina fand in Ost-London eine Massenversammung unter dem Vorsitz des Parlamentsmitglieds Samuel Montagu statt. Die Versammlung beschloß, Rothschild zu ersuchen, er möge einerseits die russische Regierung einladen, die Auswanderung der Juden möglichst zu erleichtern, andererseits die türkische Regierung veranlassen, daß sie dafür Sorge trage, daß in Palästina einwandernde Juden daselbst Ländereien billig erwerben können und in ungestörtem Besitze derselben bleiben. — Aus Palästina wird gemeldet: Mit jedem Schiffe kommen Vorsteher der Zionsvereine russischer Städte an. So aus Minsk, aus Moskau, Libau, Riga und Kowno. Die Nachfrage nach Land nimmt mit jedem Tage zu. Binnen Kurzem sollen hier die Vorsteher des Odessaer Komitees, die Herren A. Ginsberg, A. Rabinowitsch und Fischerowitsch, ankommen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berliu Verantworllich für bie Redaktion - Mar Bauchwitz in Berlin.

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