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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-05-29 · Heft 22 (29.5.1891) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 22 (29.5.1891)
Date
1891-05-29
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 physischer Kraft, sich bewahrt. Der Ehrentag, der nicht allein dem allgemein verehrten Jubilar gilt, sondern auch der israelitischen Religionsgemeinde in gleicher Weise ehrendes Zeugniß bringt, bedarf nnr eines kurzen Rückblickes auf eine fernliegende, bedeutungsvolle Zeit, um die Berechtigung zu erkennen, daß nicht nur ein bestimmter Zeitabschnitt in einem einzelnen Amtswirken die Bedingungen zu einer Jubelfeier giebt, sondern daß vielmehr ein langes und von reichster Wohlthätigkeitssülle gesegnetes Leben, im mühsamen Dienste für seine Mitmenschen, wo jeder durchlebte Tag ein Zeugniß der Opferfähigkeit geworden, ein weit größeres. Anrecht bekundet. Vor mehr als zwei Dezennien als ein Mitglied des leitenden Vorstandes erwählt, wollte der günstige Zufall, daß die Thätigkeit des Jubilars für das allgemeine Wohl mit der Zeit und dem Wirken der Synode in Leipzig, im Jahre 1869, und mit der derzeitigen Begründung des deutsch-israelitischen Gemeindebundes zusammenfällt. Wem von den bedeutenden Größen der damaligen Zeit, welcher ein Prof. Dr. Lazarus, Dr. Abr. Geiger, Dr. Ludw. Philippson, Dr. A. M. Goldschmidt, Ritter v. Wertheimer, Stadtrath Kohner, Jacob Nachod. Alex. Werthäuer u. A. angehörten, der Löwenantheil an den geistigen Schöpfungen zukommt, ein Verdienst derjenigen ist und hleibt es, dieses geistige Erinnerungsunb Wahrzeichen. jenen Ideenaustausch in der Synode zu Leipzig/im Jahre 1869, und die noch bestehende und in voller Lebenskraft wirkende geistige Schöpfung des deutsch-israelitischen Gemeindebundes, bis auf heutigen Tag getragen und gefördert zu haben. Und als Einen derselben müssen wir mit Anerkennung den Jubilar nennen. Der Umstand, daß die Gemeinde Leipzigs zuerst die Idee zur Verbesserung der allgemeinen jüdischen Zustände und namentlich für Deutschland erfaßt hat, brachte es selbstverständlich mit sich, daß die Resultate langer Berathungen zuerst in Leipzig erprobt, als maßgebend eingeführt und mit der Zeit sich auch hier zuerst bewährt haben. Von hier aus, wo mit peinlicher Genauigkeit die Ausführung der Beschlüsse und der Regulative für Deutschlands Gemeinden bewacht wurden, ging die allgemeine und Besserung verheißende Empfehlung als vom Sitz des deutsch-israelitischen Gemeindebundes aus und brachte die Gemeinde Leipzigs in den Ruf einer Mustergemeinde. Diese Thalsache hat zuerst der Gemeindeleitung die Pflicht auferlegt, dem so erhaltenen guten Rufe das Streben zur Seite zu stellen, diesen auch möglichst zur Wirklichkeit zu machen. Unsere derzeitigen Vorstandsleiter haben in diesem Sinne während der Zeit, als der deutsch-israelitische Gemeiudebund seinen Sitz in Leipzig hatte, sich bemüht, die Beschlüsse zur That zu gestalten, und noch jetzt wirkt dieser Gedanke fort. Unter der Führung des vorangegangenen Vorstehers hat die Uebersiedelung des Sitzes des deutsch-israelitischen Gemeindebundes nach Berlin stattgefunden. Unser Jubilar hat, wenn er auch in Berlin thätiges Mitglied in der Leitung des Gemeindebundes geblieben ist, zuerst erkannt, welchen Vortheil diese Veränderung für die Religionsgemeinde"Leipzig gebracht hat. Die großen Zwecke, welche die größte Kraft und die Thätigkeit für die allgemeine Vermerthung beanspruchten/ traten für die Gemeinde Leipzig zurück und verwiesen die Männer, die der langjährige Centralsitz des Gemeindedundes für die öffentliche Wohlthätigkeit, für die Verbesserung der sozialen Zustände in den Kreisen des jüdischen Beamtenwesens geschult hatte, auf die gleiche Thätigkeit daheim. Unser Jubilar erkannte dieses und ging von einem Wirkungskreise für große Zwecke zu einem Wirkungskreise für kleinere, beschränktere Verhältnisse über, um jetzt, nach vielen Jahren, den unausbleiblichen Dank für die segenbringende Thätigkeit der größten Opserfähigkeit zu ernten. Der Institution, welche von Leipzig aus ihren Weg über Alldeutschland genommen hat und noch heute den vergeblichen Kampf gegen die Wanderbettelei führt, suchte Leipzigs Gemeinde-Vorsteher die festere Basis zu geben. Die vielfachen privaten Wohlthätigkeiis-Vereine, denen der Jubilar besondere Aufmerksamkeit schenkt und dieselben durch die Ausübung der mannigfachen Ehrenämter aufs Genaueste zu prüfen und zu kontroliren weiß, bieten in feiner Persönlichkeit selbst den verbindenden Centralpunkt, um die allgemeine Wohlthätigkeit der israelitischen Gemeinde Leipzigs gedeihlich zu fördern. Die persönliche Ueberwachung der Religionsschule, welche sich der Gemeindevorstand zur Pflicht gemacht hat, die Reform des Beerdigungswesens, die der Jubilar selbst gebracht hat, und die Ausrechterhaltung der bedingten Ordnung durch die eigene Leitung als Vorsitzender der „Chewra kadischa“, welcher er persönlich unermüdlich seine ununterbrochenen Dienste widmet, sichern den Institutionen die vollberechtigte Anerkennung. Wenn wir nun , den täglichen Gottesdienst, die Würde und die Weihe an hohen Feiertagen, die besonders dem Vorstande zur Kontrole anheim gegeben, erwähnen, so bleibt nur einzig uitb allein noch die persönliche Vertretung des Jubilars, welcher nach innen wie nach außen, sich die allgemeine Achtung allezeit und für die Dauer zu erhalten wußte. Der israelitischen Religionsgemeinde Leipzig dürste wohl der geeignete Augenblick geboten sein, die Liebe und die Achtung, welche ohne Unterschied in den Herzen aller Gemeindemitglieder gegen den ersten Vorsteher vorhanden, zürn Ausdruck zu bringen. Den Wahlspruch des allgemein geehrten Jubilars: prrb - oib» d'natr m m "•■pnx£“n - di-ßbi „Schaffend die Frucht der Lippen als Frieden, Frieden für fern und nah — so heile ich sie." werden wohl alle Verehrer und Freunde des Jubilars mit der allgemeinen Anerkennung jetzt wie allezeit bewahrheiten. Möge der 70. Geburtstag des Gemeinde-Vorstehers Alex. Werthauer in Leipzig dem Jubilar, für viele Jahre noch, neue Schaffenskraft im Dienste des allgemeinen Wohles mit dem Freuden- und Ehrentag der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig bringen. Oesterreich - Ungarn. M-d. Prag, 11. Mai. Der Präses der israelitischen Tempelgemeinde zu Prag, Herr Samuel Fischl, hätte vor vier Jahreil die löbliche Idee, für die Schuljugend an jedem Samstag Nachmittag einen besonderen Jugendgottesdienst einzuführen. Verflossenen Samstag nun fand für das heurige Schuljahr der Schlußjugendgottesdienst mit besonderer Weihe und Feierlichkeit statt. Der neue israelitische Tempel war festlich beleuchtet und in allen seinen Räumen von vielen geladeneli hervorragenden Gästen, nebst einer andachtsvollen Kinderschaar, unter der sich auch die Waisenmädchen und Waisenknaben, sowie das Taubstummeninstitut befanden, gefüllt. Der Prediger der Tempelgemeinde, Herr Dr. Gelb haus, hielt der anwesenden Jugend einen geistvollen, ihrem Jdeenkreise angepaßten Vortrag, der im Vereine mit den erhebenden Gesängen des Oberkantors und des Tempelchores auf die Kleinen einen tiefen und nachhaltigen Eindruck ausübte. Mit einem Gebet für das Kaiserhaus und dem Absingen der Volkshymne fand die schöne Feier ihren Abschluß. — Vergangene Woche wurde ein altes Mitglied der Prager Judengemeinde zu Grabe getragen: der emeritirte Kantor der Pinkas- und Zigeunersynagoge Herr Angelus Popper. Derselbe entstammte noch der alten Kantorenschule und erfreute sich in allen Kreisen, mit denen er in Berührung zu treten Gelegenheit hatte, der herzlichsten Sympathien und der größten Hochachtung. Nußland. * Petersburg, 20. Mai. Vor einigen Tagen erschien in unserer Stadt ein Abgeordneter des Baron Hirsch, Namens White, behufs Unterhandlungen über die Ansiedlung der Juden in Argentinien mit dem Oberprokurator Pobedonoszew. Herr White wurde jedoch weder von Pobedonoszew noch sonst von einer amtlichen Person empfangen. Inzwischen nehmen die Ausweisungen immer größere Dimensionen an. Aus Städten, in welchen bisher eine kleine Zahl von Israeliten unangefochten wohnte, hauptsächlich mit Handel unb Handwerk beschäftigt, laufen Meldungen über Austreibungen ein. So erläßt der Polizeimeister von Libau in den Libauer Blättern eine Bekanntmachung folgenden Inhalts: „Es ist zu meiner Kenntniß gelangt, daß sich in Libau Hebräer befinden, die durchaus nicht das Recht haben, hier zu leben, darunter auch solche, die, obwohl sie Handwerkszeugnifse besitzen, sich doch mit Handwerken nicht beschäftigen. Dies zur allgemeinen Kenntniß bringend, füge ich hinzu, daß ich den städtischen Pristaws vorgeschrieben habe, solche Hebräer unverzüglich aus der Stadt auszuweisen und Diejenigen, welche ihnen Unterstand gewährt haben, zur Verantwortung zu ziehen." — In Moskau hat sich jetzt ein Komitee gebildet, welches für die Ausgewiesenen, die meist nichts als das nackte Leben besitzen, die Fahrkarten und die für die Reise nothwendigsten Hilfsmittel besorgt. Die Abreisenden erhalten außer den Bahnbilleis für jede Person drei Rubel mit auf den Weg. Die Brester Bahn beförderte gestern wieder einen Trupp von 500 Auswanderern. * Moskau, 17. Mai. Hier ist ein kaiserlicher Befehl eingelaufen, welcher verordnet, daß die Behörden in ihrem grausamen Walten den Juden gegenüber vorläufig innehalten sollen und daß eine Kommission zusammenzutreten habe, welche nochmals die Moskauer Judenfrage prüfen und die weiteren Schritte zur Lösung derselben er-

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