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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-05-29 · Heft 22 (29.5.1891) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 22 (29.5.1891)
Date
1891-05-29
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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iöerlm, 29. Mai 1891. “• ‘tt a2 Weira ge zur „Ungemeinen Zeitung öes IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. £• Berlin, 24. Mai.' Herr Justizrath Makower, der Vorsitzende des Nepräsentantenkollegiums unserer Gemeinde, feiert heute seinen Ehrentag. Fünfundzwanzig Jahre sind es heute, daß er ununterbrochen der Versammlung als Mitglied angehört. Nicht weniger als 21 Jahre hindurch ist er bereits, und zwar stets durch einstimmige Wahl des Kollegiums, dessen Vorsitzender. Scheint auch im ersten Augen-. blick die Bedeutung dieser Feier eine mehr interne zu sein, so gewinnt sie doch sofort einen allgemeineren Charakter, wenn wir die maßgebende unh vorbildliche Stellung unserer Gemeinde innerhalb der Gemeinden Deutschlands betrachten, und wenn wir darauf Hinweisen, daß gerade Makower es gewesen ist, der durch die Herstellung und Festigung des vor seiner Zeit oft bedrohten Friedens zwischen den Gemeindebehörden dieser Gemeinde die Grundlage geschaffen hat, au^ welcher der stolze Aufbau der letzten fünfundzwanzig Jahre sich erhoben hat. Sollen wir noch der sonstigen Verdienste des Jubilars gedenken? Sollen wir seines thatkräftigen Eingreifens Erwähnung thun, als es sich um die Unterstützung unserer verfolgten russischen Glaubensgenossen handelte? Sollen wir an die Förderung erinnern, die er jedem gemeinnützigen Unternehmen der Judenheit durch seine weise Besonnenheit, gepaart mit Tharkraft, angedeihen läßt? Unnöthig erscheint dies bei einem Mann, der in der Vollkraft seines Scbaffens steht; denn seine Werke sprechen täglich für ihn, und sein kluges mahnendes Wort haben unsere Leser oft genug in diesen Blättern vernommen. Doch unserem Wunsche, der zugleich br:r Wunsch weitester Kreise ist, wollen wir hier Ausdruck geben: daß es der jüdischen Gemeinde zu Berlin noch lange vergönnt sein möge, den Jubilar zu ihrem Heile und zu seiner Ehre wirken zu sehen! X. Berlin, 24. Mai. Die Sitzung der Repräsentanten-Versammlung trug heute in ihrem ersten Theil den Stempel des Feierlichen. Herr Justizrath Makower, der Vorsitzende der Versammlung, war es, dem die Ehre des Tages galt. Man feierte die Wiederkehr des Tages, an dem vor fünfundzwanzig Jahren Herr Justizrath Makower Mitglied des Nepräsentantenkollegiums wurde, dessen Vorsitz er nunmehr einundzwanzig Jahre ununterbrochen führte. Der Präsidenteustuhl war mit Blumengewinden geschmückt. In längerer Rede brachte der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Justizrath Meyer, dem Jubilar die Glückwünsche beider Kollegien dar; er schilderte in warmen Worten die Verdienste, die Herr Makower sich in 25 Jahren um das Aufblühen der jüdischen Gemeinde erworben hat, und verband hiermit die Würdigung seiner sonstigen humanitären Thätigkeit. Zum Schluffe verlas er die Adresse, welche Vorstand und Repräsentanten dem Jubilar als Ausdruck ihrer Anerkennung am heutigen Tage widmeten. Dieselbe, welche auf dem Titelblatt die Abbildungen der Synagogen in der Oranienburger- und in der Lindenstraße zeigt, ist, ebenso wie die sie umschließende Mappe, meisterhaft ausgeführt (den Wortlaut bringen wir in nächster Nummer). Nach Herrn Justizrath Meyer erhob sich Herr Liebermann, der stellvertretende Vorsitzende der Versammlung, ebenfalls zu kurzem Glückwunsch. Bewegt dankte Justizrath Makower, indem er an den Satz des Antigonos aus Socho: „Seid wie die Knechte, die nicht in der Erwartung eines Lohnes dienen", anknüpfte. — Von den Gegenständen der Verhandlung ist zunächst die Wahl eines zweiten Stellvertreters des Vorsitzenden an Stelle des ausscheidenden Herrn Ferdinand Neichenheim zu erwähnen. Die Wahl fiel auf Herrn Landsbergerzum stellvertretenden Schriftführer wurde Herr Geheimrath Dr. Marcuse gewählt. Hauptgegenstand der Tagesordnung war die Frage der Vermie thung der Stände in der Lindenstraßensynagoge. Aus der Debatte über diese Frage wollen wir als besonders erwähnenswerth hervorheben, daß der Vorstand durch seinen Vorsitzenden, Herrn Justizrath Meyer, die Ansicht aussprach, es sei dahin zu streben, daß ein Theil der Synagogenplätze überhaupt von der Vermiethung ausgeschlossen bleibe, damit ärmeren Gemeindemitgliedern und vorübergehend Anwesenden der Besuch der Synagoge nicht unmöglich gemacht werde. Die Beschlüsse der Versammlung gingen dahin: 1. daß die Stände in der Lindenstraßensynagoge nicht verkauft, sondern nur vermiethet werden sollen; 2. daß durch eine Publikation darauf hingewiesen werden soll, daß den Miethern ein Recht auf Erneuerung der Stände nicht zustehe- 3. daß über den Tarif der Vermiethung eine gemischte Kommission entscheiden solle. Nach Entgegennahme einiger Berichte schloß die Sitzung. * Berlin, 26. Mai. In Folge der Grausamkeit, mit welcher die russische Regierung neuerdings gegen die jüdischen Einwohner des Zarenreiches vorgeht, hat die Auswanderung der russischen Juden, die zum überwiegend größten Theil über Berlin einen Seehasen zu erreichen suchen, um von dort nach außereuropäischen Ländern zu reisen, Verhältnisse angenommen, welche die Wohlthätigkeit der hiesigen Bürger stark in Anspruch nehmen. In Charlottenburg, wo die Auswanderer auf der Fahrt von der Grenze aussteigen und warten müssen, bis sie nach Hamburg oder Bremen weilerbefördert werden, hat sich ein Ausschuß gebildet, der den Zweck verfolgt, der Noch, unter welcher diese Leute leiden, nach Möglichkeit abzuhelfen. Das ist keine Kleinigkeit, wenn man bedenkt, daß täglich zwei Züge Hunderte von Auswanderern bringen, von denen die meisten nicht nur gänzlich von Geldmitteln entblößt sind, sondern auch Mangel an den nothwendigsten Kleidungsstücken leiden. Der Charlottenburger Ausschuß, der sich der Flüchtlinge annimmt und dem Herr Jsaac, Berliner Straße 110, vorsteht, thut, was in seinen Kräften steht, für Linderung der Noth, doch in es schwer, überall Abhilfe zu schaffen. Gestern konnte man in den für die Auswanderer bestimmten Räumlichkeiten auf dem Charlottenburger Bahnhof einen Mann sehen, beffeu Baarvermögen 40 Pfennig betrug, und der mit dieser Summe nach Brasilien reisen wollte. Er sagte, es sei ihm freie Ueberfahrt zugesichert, und bis Bremen habe er ein Billet. Noch schlimmer sind die Familien daran, die in ähnlichen Verhältnissen, mit kleinen Kindern und kranken Frauen dem Elend in Rußland entronnen, in eilt neues Elend gestürzt werden. Verhältnißmäßig wenige von den Auswanderern, die gestern Abend hier anlangten, wollen nach den Vereinigten Staaten. Brasilien erscheint ihnen als das gelobte Land, und dabei haben sie keine Ahnung davon, wo Brasilien liegt, wie die Verhältnisse dort sind, was dort für eine Sprache gesprochen wird und was sie da beginnen werden. Eine ziemlich bedeutende Anzahl Auswanderer hat sich London als Reiseziel auserkoren. * Berlin, 25. Mai. Selbst der „Kreuz-Zeitung" wird jetzt das Treiben in Rußland zu bunt. Sie schreibt: „Eine Denkweise, die sich lediglich in der Mißhandlung der Schwachen äußert, kann nns in der That nicht imponiren. Man muß eben gesehen haben, wie sie sich zeigt, um dies ganz zu verstehen. Der arme Jude wird in Rußland im strengsten Sinne des Wortes wie ein Vieh behandelt; damit kann kein vornehm denkender Mensch einverstanden sein, geschweige denn ein Christ. Mit der Person des Juden hat es der Antisemitismus, wie wir ihn verstehen, überhaupt nicht zu thun; in Rußland aber ist der Antisemitismus durchaus persönlicher Natur. Er erscheint dort in seiner rohesten, subjektivsten Form; von einem leitenden allgemeinen Gedanken ist, so weit wir sehen, keine Spur zu entdecken. Sollen wir dafür schwärmen? Wir können es um so weniger thun, als die mächtigste Triebfeder der Bewegung in Rußland, das heißt, der so zu sagen amtliche Ausdruck, den sie daselbst gefunden hat, unter dem Einflüsse Pobedonoszews ein rein kirchlich-religiöser ist. Wie die evangelische und katholische Kirche, so wird auch das Judenthum, so weit es nicht „prinzipiell orthodox" ist, von der fanatischen Vertretung der Staatskirche verfolgt, auch hierin im vollsten Widerspruch mit uns. Wir erkennen keinen religiösen Grund des Judenhasses an; für uns ist die Frage rein sozialer Art und wird es bleiben. Selbst wenn der russische Antisemitismus auch sittlich tiefer gewurzelt wäre, als eres ist: dürfen wir vergessen, daß Rußland alle Deutschen mit tödtlichenl Hasse, mit einer Feindschaft ohne Gleichen auf Erden verfolgt? Dürfte uns die Abneigung gegen die Juden schwerer wiegen, als die Mißhandlungen, denen sich unsere Stammesgenossen ausgesetzt sehen, als die Thatsache, daß unsere Sprache und Gesittung in Rußland geächtet sind? . . . ."

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