Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1891)
- Date
- 1891-05-29
- Page
- Seite 264 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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264 An die russischen Juden. Auf, Brüder, auf! Zersprengt die Sklavenbande, . Die blinder Haß Euch um den Nacken schlingt, ' Und ziehet fort aus Eurem finstern Lande, In das kein Sonnenstrahl der Freiheit dringt! Die Welt ist weit, und kräftig unser Glaube, Die Menschenliebe blüht an manchem Ort, Erhebt Euch stolz und muthig aus'dem Staube, Vertrauet fest auf Judas ew'gen Hort! Der Schuster nehm' den Knieriem und die Ahle In seine schwielenharte Männerfaust, Ter Schmied den Hammer, der von reinem Stahle Oft klingend auf den Ambos niedersaust; Der Sattler, Schneider, der vom frühen Morgen Die Nadel führt bis spät um Mitternacht, Ihr Alle, die troy der Verfolgung Sorgen Für Euren Zar geblutet in der Schlacht, — Nehmt Euer Werkzeug, nehmet Eure Habe, Bringt Weib und Kinder in ein freies Land! Sä on öfter griffen unsre Väter zu dem Stabe, Schlug sie des Neides unbarmherz'ge Hand. Ihr Männer, die Ihr jedes Handwerk treibet, Im Schweiß der Arbeit karges Brod verzehrt. Was hält Euch, daß Ihr in dem Lande bleibet, Da man des Lebens Nothdurft Euch verwehrt- Da man verschließt, wie einem Volk von Knechten, Vor Eurem Drang des Wissens heil'ges Licht; Da man von allen ehrenvollen Rechten Euch ansgestoßeu, wie des Lasters Wicht? Wohlauf, Ihr Brüder, sprengt die Sklavenbande, Die bitt'rer Haß Euch um den Nacken schlingt, Und ziehet fort in Eurer Väter Lande, Das Eurer Arbeit Glück und Segen bringt! Mit Eurem Schweiße düngt's, so ist's verheißen, Dort esset Ihr der Freiheit süßes Brod, Das glaubten und das lehrten unsre Weisen, Und für den Glauben litten sie den Tod. Das Land ist fern, doch mächtig unser Glaube, Und Menschenliebe blüht an manchem Ort, \ Erhebt Euch stolz und muthig aus dem Staube, Und trauet fest auf Judas ew'gen Hort! M. J. B. 9 Fitterarische Mitthcilungen. Im Anschluß an die Mittheilung des Herrn Dr. Grünwald im „Sprechsaal" von Nr. 20 dieser Zeitung möchte ich darauf Hinweisen, daß die musikalischen Tropen oder Modi in den Mönchsschulen des Mittelalters nach einem Merkverschen gelehrt wurden, welches Aehnlill)- keit mit unserem JH*p hat. Um den Scholaren den charakteristischen Tonfall einer Kirchenmelodie in ihrem Anfang und Ende, in der Modulation und dem ganzen Wesen ihres „Tones", d. h. ihrer Tonart leicht kenntlich und erinnerlich zu machen, wurden gewisse Formeln von Melodien mit versifizirten und anderen kurzen Regeln belegt, die man Siopen1) nannte. So hatte man für den Tropus des ersten Tons: Adam primus homo, des zweiten Tons: Noe secundus, des dritten Tons: Tertius Abraham, des vierten Tons: (juattuor Evangelistae, des fünften Tons: Quinque libri Mosis u. s. w. (vergl. Forkel, Geschichte der Musik, JI, 174). Die Aehnlichkeit unseres mit dieser Gesarnmtformel ist leicht zu ersehen, demnach es ein Schullied nach christlichem Muster zu sein scheint, wie ich dies bereits im „Jüd. Litteraturblait" vom Jahre 1885 S. 57 erwähnt habe. Im Ritus von Avignon sigurirt es übrigens als allgemeines festtägliches Tischlied (Zunz, Ritus von Avignon, Jahrg. 1839 dieser Zeitung, S. 469 unter Nr. 18). Eine zweite, wenig zugängliche musikalische Quelle für unser Lied habe ich in dem großen Werke des Dänen A. P. Berggreen gefunden, die wohl verdient, hier angeführt zu werden. In seinem bedeutenden Werke: Folke-Sange og Melodier, Bd. 10, bringt er auch vier „hebraiske Sange“, die ihm der Kopenhagener Oberrabbiner Herr Prof. Dr. A. A. Wvlff nachgewiesen. Es sind dies die Lieder: 1. Eli Zijjön, 2. Adir bimlukah, 3. Adir hu, 4. Ekad mi jödaea. Zu letzterem verweist der Herausgeber in dem wissenschaftlichen Theil auf Nr. 211 seiner „Danske Folke-Sange og Melodier“ (3. Aust. 1869), und dort finden wir das Lied „De tolv heilige Ting“ mit folgendem Text: 1. 8tat op, Saute Simeon, og siig mig, hoad Een er? „Een er Jesus Christus, sora regjirer over Himmeln og Jorden.“ 2. 8tat op, Saute Simeon, og siig mig, hoad To er? „To Mose-Tavler, u. s. w. Tre Patriarker, u. s. w. Eire Evangelister", u. s. w. Auch ohne viel Dänisch zu verstehen, wird man die Aehnlichkeit mit unserem Haggadah-Lied wohl herausgefunden haben. Außerdem weist der berühmte Forscher und feinsinnige Kenner und Bearbeiter des Volksliedes (sein Werk umfaßt 11 Bände von Volksliedern aller Nationen!) auf das bekannte Nachtwächterlied hin: „Hört, ihr Herren, und laßt euch sagen" (Tydske Folke-Sange og Melodier Nr. 48, und Erk, Liederhort S. 407). Königsberg, 18. Mai 1891. Ed. Birnbaum.? Die Bibliothek der Akademie „Ez Chajim" in Amsterdam. Die erste jüdische Lehranstalt mit geordnetem Unterrichtsplan, zugleich das erste Rabbiner-Seminar, war die Akademie „Ez Chajim" oder „Arbo! de las Vidas" in Amsterdam, welche auf Anregung des Rabbiners Saul Levi Morteira im Jahre 1637 gegründet wurde und aus der nicht allein die meisten Rabbiner der spanisch-portugiesischen Gemeinden in Europa und Amerika, sondern auch Männer wie Spinoza n. A. hervorgingen. Daß diese noch jetzt bestehende Akademie auch ihre eigene Bibliothek hat, ist selbstverständlich. Dieselbe bestand im Jahre 1763 aus 800 Werken. Einen größern Zuwachs erhielt sie im Jahre 1793 durch eine Sammlung, welche Judith Terxeira de Mattos ihr zum Geschenk machte. Im Januar 1806 wurde die Bibliothek der „Sedaca" um 1619 Gulden angekauft und später durch Schenkungen des Rabb Ferares und dessen Sohnes, sowie E. Belinsante's vermehrt. Eine sehr reiche Schenkung erhielt sie vor einigen Wochen. Herr David Montezinos wendete ihr seine bedeutende Bibliothek zu. Sie besteht aus 8000 Bänden Hebraica und Judaica, umfaßt seltene Ausgaben, viele hebräische und spanische Handschriften, seltene Porträts, Kupferstiche u. dgl. m. Die Bibliothek des „Ez Chajim" zählt jetzt 15000 Werke und gehört zu den werthvollsten Sammlungen der Gegenwart. M.K. l) Ein Wort über „Trop" mag hier feinen Platz finden. In Kidduschin 71» erklärt Raschi das Wort mit frVHD ptljWr also Trop ----- Tropus im Sinne einer Melodie. Er wird die Bezeichnung „Trop" weniger vom griechischen tqotioq, als vom lateinischen Tropus in kirchlich-musikalischem Sinne und Sprachgebrauch gekannt haben. Die spätere Beziehung auf die Accente, wie sie Zunz, Raschi S. 292, Anm. 15 streift, ist demnach gerechtfertigt, da unsere Accente mit ihren kleinen Tonphrasen jenen Tropen entsprechen, indem auch sie verschiedenen Tongeschlechtern (Modi) angehören. In Wirklichkeit hat sich die vulgäre Bezeichnung „Trop" für die Accent- Melodien bis auf unsere Tage erhalten, wie wir die Tonformeln der Neginöth zuerst nach ihren Namen Sarka, Segöl u. s. w. kennen lernen und diese als Textunterlage zu den Melodien gebrauchen, bevor wir die Melodie auf den Bibeltext übertragen: ganz so, wie es in den Mönchsschulen mit den Tropen geschah. — Eine zweite Art der Tropen war die Erweiterung der alten gegebenen Texte, wie wir in der Hymne p*jR einen Tropus des ‘rp’-D b# erblicken. Truck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin., Verantwortlich für die Redaktion: Mar Vauchwitz in Berlin.