Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1891)
- Date
- 1891-05-29
- Page
- Seite 263 (sequence 11)
- Language
- German
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263 Artikel des Herrn Rabbiner Dr. Schreier: „lieber die Unsterblichkeitslehre bei den Hebräern"? Ich glaube, es ist seine Distertation. Sie müßten überhaupt mehr Artikel von Rabbinern bringen. Abonnenten am hiesigen Orte zu gewinnen, ist mir leider noch nicht möglich. Vielleicht nach meiner Rückkehr vom Bade. Anbei schicke ich Ihnen den angekündigten Bericht. Drucken Sie ihn schleunigst ab, damit die Lehrervereine uns mit ihren ähnlich lautenden Sitzungsberichten nicht zuvorkommen. Auf Wiedersehen in Karlsbad! Ihr ergebenster David Kaßriel Peßachsohn. Schermeisel, den 19. Mai 1891. Jubel und Festesfreude herrschte gestern in unserem Städtchen. In der That war es ein Tag von großer Bedeutung. Die Synagogendiener Deutschlands hielten hier ihre erste Jahrcsversammlling ab. In weiteste Kreise hatte das vorbereitende Komitee seine Einladung verschickt und „von Nah und Fern", selbst aus dem zwei Meilen entfernten Schöppcnburg, waren sie erschienen, die da in den Heiligthümern Israels die Leuchter entzünden Abends und Morgens. Die Zahl der anwesenden Schamoßim mochte etwa 7 betragen. Ferner bemerkten wir als Ehrengäste die Ortsrabbiner Herren DDr. Schreier und Peßachsohn, den Lehrer Löwenfreund, den Vorsteher Herrn Cohn und zahlreiche andere Notabeln des Ortes. Ein Antrag auf Zulassung der „Sabbatfrau" war von einer Vorversammlung abgelehnt worden. Punkt 10 Uhr eröffnete in den festlich geschmückten Räumen des Traiteurs Herrn Levy der Ortsküstcr Herr Tulpenhaupt die Versammlung mit Worten der Begrüßung und der Mittheilnng, daß der Deutsch-Israelitische Gemeindebund einen Rcisekostcnzuschnß von Fünfzehn Mark bewilligt habe. Im Namen der Gemeinde (städtischen wie jüdischen) begrüßte darauf der Vorsteher Herr Stadtverordneter Cohn, in längerer Rede die so zahlreich erschienenen Gäste und wünschte ihren Verhandlungen gesegneten Erfolg. Rauschender Beifall belohnte den hochverehrten Redner. Sodann fand die Bureauwahl statt. Durch Akklamation wurden zum Vorsitzenden Herr Tulpenhaupt- Schermeisel, zum Schriftführer Herr Heimann-Schöppenburg, zum Beisitzer Herr Ben Zion-Mischwitz gewählt. Es entspann sich nun zunächst eine längere Geschäftsordnnngsdebatte, hervorgerufen durch den Antrag Heimann, zuerst die Berthcilung des vom Gemeindebund gewährten Reisekostenzuschusses vorzunehmen. Das Resultat war, daß nach fast zweistündiger Debatte beschlossen wurde, eine Dreitheilung derart vorzunehmen, daß ein Drittel des Zuschusses unter die aktiven Theilnchmer vertheilt, ein Drittel zur Bestreitung der Unkosten des Festmals verwandt würde, während das letzte Drittel den Grundstock für die neu zu errichtende Pensionskasse bilden solle. Endlich gegen 1 Uhr kam man zu der pieee de resistance der Tagesordnung, dem Vortrage des Herrn D. Kaßriel Peßachsohn über „Goethe und der Talmud". Der Redner führte ungefähr Folgendes ans: Kennern der jüdischen wie der deutschen Litteratur sei es schon längst aufgefallen, welch' merkwürdige Ähnlichkeiten zwischen den Erzeugnissen beider zuweilen herrschten. Um nur auf Einiges hinzudeuten, so fangen die Namen der Dichter des „Hohenliedes" und der „Glocke" beide mit einem Sch an (Schlomo und Schiller). Auch in den Werken des bedeutendsten deutschen Dichters, Goethes, ließen sich die Nachweise, daß er aus dem Talmud geschöpft habe, für den aufmerksamen Leser leicht führen. Zum Beweise ging Redner das Gedicht „Erlkönig" kritisch durch. Schon die Ueberschrift deute auf den hebräischen Stamm b'~\'S hin. Weitergehend wies Herr D. Peßachsohn Wort für Wort nach, wo die Urquelle sei. Das Goethe'sche Gedicht beginne: Wer reitet so spät rc." Nun stehe aber das Wort „Wer" in Pesachim 26, das Wort „reitet" in Sanhedrin 95, das Wort „so" in Gitin 28. (So interessant-die .Ausführungen des Herrn D. Peßachsohn auch sein mögen, so fehlt uns doch der Raum, sie hier in dem mitgetheilten Umfange wiederzugeben. Die Redaktion.) Rauschender Beifall belohnte die gediegenen Ausführungen des hochverehrten Redners. Der nächste Punkt der Tagesordnung war: Begründung eines „Centralvereins der Küster von Schermeisel und Umgegend". So einig man im Allgemeinen über die Nothwendigkeit der Konstituirnng eines derartigen Vereins war, so gaben doch einige Punkte des von Herrn Tulpenhanpt vorgelegten, dreiundvierzig Paragraphen umfaffenden Statutenentwurfs zu längeren Debatten Anlaß, insbesondere die Zulassung von Lehrern, resp. Rabbinern zur Mitgliedschaft. Trotz der überzeugenden Worte der Herren DDr. Schreier und Peßachsohn, welch' Letzterer ausführte, daß Jeder, welcher der Gemeinde „Licht bringe" oder ihre Mitglieder „zur Thora hinführe", das Recht habe, sich einen Synagogendiener zu nennen, wurde der betreffende Paragraph mit großer Majorität abgelehnt. Dagegen wurden die genannten Herren Rabbiner sofort einstimmig zu Ehrenmitgliedern des Vereins ernannt, desgleichen Herr Lehrer Löwenfrennd. Ta sich in Folge der vorgerückten Zeit das Bedürfniß nach irdischen Genüffen bei den Theilnehmern eingestellt Halle, so wurde der letzte Punkt der Tagesordnung: Begründung einer „Pensionskaffe für den Centralverein der Küster von Schermeisel und Umgegend" auf die nächste Jahresversammlung verschoben und eine Kommission aus fünf Mitgliedern erwählt, welche der Versammlung einen genauen Plan vorlegen sollte. Derselben Kommission wurde die Absendung einer Petition an den Landtag, sowie an den Reichstag, behufs Besserung der sozialen Lage der Synagogendiencr, zur Aufgabe gestellt. Ein gemeinsames Mahl vereinte darauf sämmtliche Thcilnehmer der Festversammlung. Das Mahl wurde durch treffliche Speisen, durch gute Reden und durch Gesangsvortrüge gewürzt. Wir erwähnen besonders die Rede des Herrn Stadtverordneten Cohn auf den Landesherrn, des Herrn Dr. Schreier auf den neubegründeten Verein, des Vereinsvorsitzenden Herrn Tulpenhaupt auf die Gäste und besonders des Herrn D. Kaßriel Peßachsohn auf die Kollegialität unter den Kultusbcamten jeden Ranges. Einige Stellen aus dieser Rede verdienten, weiteren Kreisen bekannt zu werden. So sagte Herr Pcßachsohn u. A. (Leider verbietet uns der Raum, diese gewünschte Verbreitung vorzunehmen. Die Redaktion.) Es sprachen noch Herr Ben-Zion auf den Vereinsvorsitzenden, Herr Heimann auf Stadt und Gemeinde Schermeisel, Herr Löwenfreund auf den Deutsch- Israelitischen Gemeindebund und Herr Levy, der liebenswürdige Wirth, auf die Damen. Rauschender Beifall belohnte alle die trefflichen Redner. Die Versteigerung des Tischgebets ergab den Betrag von 1 Mk. 75 Pfennigen, welche dem Fonds der neuen Pensionskaffe zugeschlagen wurden. Sollen wir alles Gesagte zusammenfaffen, so behaupten wir: Es war ein schönes Fest, wie solche selten in Israel gefeiert werden. D. P. Für „Von Nah und Fern" nehmen Sie wohl die nachstehende Notiz auf: Herr Affessor Dr. zur. Cohn, der Sohn des verdienstvollen Gemeindevorstehers, wird sich nächstens in Schermeisel als Rechtsanwalt niederlaffen. — Das nächste Mal denke ich Ihnen einige Gem eindeinterna mitzutheilen. Mit vielen Grüßen Ihr Peßachsohn. P. S. Soll ich meine Photographie nach Cincinnati schicken? Und könnten Sie mich dorthin „als akademischen Lehrer für jüdische Wiffenschaft" empfehlen? Ich glaube, daß ich die Stelle ausfüllen könnte. Ob. d