Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1891)
- Date
- 1891-05-29
- Page
- Seite 262 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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daß ich mein Kind, mein Fleisch und Blut, mein Kleinod verfluchen muß als eine Abtrünnige." „Und wenn Rosa den Frank will?" fragte Lewy, auf sein Ziel lossteucrnd. „Dann kommt guter Rath über Nacht," entgegnete Herzfeld ausweichend. „Stellen Sie es übrigens Frank erst noch einmal vor, ob ihm nicht Doris mit einer baaren Mitgift lieber ist, wie Rosa ohne dieselbe." Die Achseln zuckend, nickte Lewy seinem Freunde zu, indem er das Zimmer verließ. Er war froh, mit heiler Haut davongekommen zu sein, aber ein leises Frösteln überlief seinen Körper, als er an dem großen, eleganten Gebäude vorüberkam, in welchem der Steuerrath Hochbaum mit seiner Familie wohnte. An einem der breiten Fenster bemerkte er das schöne, aber tiefernste Gesicht Conrads. V. Conrad Hochbaum hatte Rosa seine Begleitung auf dem Wege, den sie zu machen hatte, angeboten und sie hatte ihm die Erlaubniß dazu ertheilt. Bon den Schatten des Abends, die sich frühzeitig auf die Erde herabsenkten, behütet, konnten sie ungestört ihre Gedanken austauschen. Der junge Mann sah cs den ernsten, traurigen Mienen Rosa's an, daß sie bis jetzt noch zu keinem ihm beglückenden Entschluffe gelangt war. Sie zeigte sich scheuer, zurückhaltender, als an jenem Abende, an dem sie ihm das Bekenntniß ihrer Liebe abgelegt; ihre sonst so strahlenden Augen waren vom Weinen getrübt, um den holden Mund lag ein tiefes Weh; das leise Zittern ihres Armes, der sich schüchtern auf den seinen lehnte, theilte sich ihm mit. „Rosa," bat er leise, „laß mich mit Deinem Vater sprechen und ihm sagen, daß uns nichts, auch nicht sein Machtwort trennen wird. Ich kann es nicht länger ertragen, Dich in einem Zwiespalt zu sehen, bei dem die Fröhlichkeit Deines Herzens verloren geht. Ist es denn etwas so Ungeheuerliches, daß Du mich liebst und ich Dich als mein Weib an mein Herz drücken will? Ich verlange von Dir nicht, daß Du Christin wirst," fuhr er eifrig fort, „es wäre eine Unmöglichkeit für Dich, weil es eine absolute Trennung von den Deinen in sich schlöffe. Meine Familie muß und wird sich in die Thatsache finden, wenn ich mein kleines Judenmädchen zu meiner Hausfrau mache. Wir bauen uns unser Nest auf fremdem Boden, wo wir ungestört nur uns und unserer Liebe leben können. Dein Vater ist ein frommer Mann, er darf seinem Kinde den Segen nicht verweigern, wenn es nur seinem Glauben erhalten bleibt." „Er würde mir dennoch fluchen und sein Fluch würde auch Dein geliebtes Haupt treffen," entgegnete sie gepreßt. „Conrad, des Vaters Segen baut den Kindern Häuser; wer das vierte Gebot unerfüllt läßt, an dessen Fersen hängt sich das Unglück. Ich darf Dein Weib nicht werden, vergieb mir, daß ich Deinen Frieden gestört." Sie hatten eine kleine, von dichtein Laub umgebene Moosbank erreicht, auf welcher sie sich niederließen. Rosa fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Dem Geliebten entsagen zu müffen, war eine Riesenaufgabe, der sie sich nicht gewachsen fühlte. Die Hände vor das zuckende Antlitz schlagend, lehnte sie an dem Stamm einer Eiche, deren Zweige tief herabhingen. Die grünen Blätter legten sich wie ein Kranz um die bleiche Stirn des schönen Mädchens, welches wie eine vom Sturm gebrochene Blüthe erschien Conrad hatte seinen Arm um sie gelegt; eine Weile saßen sie stumm nebeneinander; sie waren mit den stürmenden Gedanken zu lebhaft beschäftigt, um Worte dafür finden zu können. Endlich zog der junge Mann die Hände Rosa's liebevoll herab; ihren heißen Kopf an seine Schulter lehnend, meinte er, sich zu einem heiteren Tone zwingend: „Das vierte Gebot bedarf für unser Zeitalter auch noch der Erläuterung und der Ergänzung, ebenso wie die Bibel, welche für eine uns fern liegende Welt, für andere Menschen, als die heutigen sind, geschrieben wurde. (Fortsetzung folgt.) Indiskrete Briefe aus der Gemeinde Schermeiset. Von v. Kaßriel Peßachsohn. II. Mein bester Herr Doktor! Mit Vergnügen, oder sogar nicht mit Vergnügen bestätige ich Ihnen den Empfang des Honorars für meinen vorigen Bericht. Warum nicht mit Vergnügen? Weil es, offen gesagt, ein bischen wenig war. Ich bin wirklich kein Materialist, aber wie kommen Sie dazu, mir das Geld für meine gediegenen Reden vorzuenthalten? Erstens wie kommen Sie überhaupt dazu, die Reden zu streichen? Sie müffen als alter Talmudkenner doch wiffen, baomer b’schem omrau — wer die Rede Anderer mittheilt, trägt zum Heil der Welt bei. Dann aber — schön, Sie haben die Rede Ihrem Redaktionsstift geopfert; ich will zu Ihrem Besten annehmen, daß dies aus Mangel an Platz geschehen ist. Warum aber haben Sie sie mir nicht bezahlt? Ich denke, Schweigen ist Gold? Wie gesagt, mein lieber Herr Doktor, ich bin kein Materialist, aber Sie wiffen doch, daß unsereins gerade um diese Zeit etwas mehr von den irdischen Gütern besitzen muß, als sonst. Oder sollte ich etwa keine Badereise machen? Wie würde das aussehen? Mau würde einfach sagen: die Gemeinde Schermeisel giebt ihren Beamten nicht einmal das Nothdürftigste zum Leben. Nein, ich bin meiner Standesehre und der Ehre meiner Gemeinde die Reise schuldig. Gehen Sie in diesem Jahre nach Karlsbad? Eigentlich hat mir der Doktor ein Seebad verordnet, aber in Colberg und Norderney sind — offen gesagt — schon zu viel Kollegen, und darum habe ich mir für dieses Jahr Karlsbad ausgewählt. Wie herrlich wäre es, wenn ich Sie dort träfe! Ich würde Ihnen dann so Manches von unserem ersten Rabbiner mittheilen. Darf ich Sie wieder einmal mit einer kleinen/ oder eigentlich sogar mit einer großen Bitte bemühen? Mit der Reform scheint es ja doch nichts geworden zu sein. Uebrigens die Herren sollen sich, erst einen solchen Prediger suchen, wie Peßachsohn ist, ohne mich rühmen zu wollen; und zweitens .hätte ich die Stelle wahrscheinlich gar nicht angenommen, ich bin dies meiner Vergangenheit schuldig. Wie ich höre, baut die dortige große Gemeinde einen neuen Tempel. Hat sie schon einen Kantor hierfür? Falls nicht, vielleicht könnten Sie mich in Vorschlag bringen, ich wäre. Ihnen sehr dankbar. Die nöthige Qualifikation besitze ich ja, ich bin sogar Ausländer. Also mein lieber Herr Doktor, ich rechne mit Sicherheit darauf. Mit den Aufsätzen, die Sie bringen, müffen Sie sich sehr vorsehen. Der Budwig'sche Artikel über den Weibergesang hat hier wieder sehr viel böses Blut gemacht und wird die Reihen ihrer Abonnenten am hiesigen Orte sehr stark säubern. Wozu auch? Israel hat Jahrtausende ohne Frauengesang') bestanden, kann es auch weiter so bestehen. Unser Lehrer Herr Löwenfreund wird Ihnen für den „Sprechsaal" nächstens einen Artikel schicken, in welchem er mit Herrn Budwig ein Wörtchen reden wird. A propos, haben Sie vielleicht Verwendung für einen ') Seit Mirjam und Deborah! Nicht wahr, verehrter Herr Peßachsohn? Die Red.