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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-05-29 · Heft 22 (29.5.1891) · p. Seite 261

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 22 (29.5.1891)
Date
1891-05-29
Page
Seite 261 (sequence 9)
Language
German
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MMMWWWWWWWWWWWM 261 welche hinreichend chaldäische Eigenart verrathen. Die Lebhaftigkeit ihres Geistes wie die Schärfe ihrer Beobachtung machten sie zu geeigneten Jüngern des Handels, dem die Babylonier neue Wege anwiesen und größere Ziele steckten. Aber auch der Verderbttiß der Sitten, welche Babylonien durchwllhlte, ergaben sie sich in Folge des erworbenen Wohlstandes mit besonderer Zuneigung. Der Taumel wilder Lust und Leidenschaft aus den Tagen der Monarchie ergriff sie auch in den Tagen des Exils, und die Gemeinschaft der Arbeit und des Erwerbs, welche sie mit den Siegern einte, verband sie auch in Leichtsinn und Sittenlosigkeit. Ist es daher nicht erklärlich, daß „der größere und angesehenere Theil in Babel blieb und in Verbannung und Abhängigkeit verharrte, um sich nicht von Wohnung und Geschäft zu trennen')?" So sehen wir denn einen kleinen Theil voll Dank und Preis gegen Gott, der seine Verheißung gnadenreich erfüllt hat, unter Josua und Serubabel in das Land der Väter, das damals unter persischer Herrschaft stand, zurückkehren, denen im Lauf der Jahre und besonders unter Esra und Nchemia andereZüge nachfolgten. Jeder unheilige Gedanke war aus der Brust der Zurückgekehrten gewichen, und nur der wahre Gottglaube Israels in seiner Reinheit und Weihe bewegte ihre Seele und weckte Akkorde der lautersten Gottanbetung und des Gehorsams gegen die ererbte Lehre. Wir werden Zeuge der Begeisterung und des heiligen Eifers, mit welchem sie „nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch den Geist Gottes getrieben"") unter Fernhaltung ihrer eigenen Stammesgenoffen'), deren Gottglaube ihnen getrübt erscheint, den neuen Tempel bauen und weihen. Allein alle jene frommen Erscheinungen und jenen tiefen Glaubensernst umspinnt zugleich eine augenfällig entgegengesetzte Uebung, welche den Glauben in seinen Grundfesten zu schwächen geeignet war. Es sind die ehelichen Verbindungen mit Andersgläubigen'), mit denen, welche dem heidnischen Glauben der Nachbarvölker oder dem mit fremden Elementen versetzten der stammverwandten Samaritaner angehören. Wir begreifen sehr wohl den Eifer, mit welchem Esra in dieses Verhältniß eingriff und, um unheilvolle Folgen für den jüdischen Glauben abzuwendcn, gewaltsam das Band der Ehe zerriß'), das mit heidnischen Bekennern, mit Götzenanbctern geknüpft war. Wir entziehen uns andererseits auch nicht der Erkenntniß, daß durch diese gewaltsame Trennung bitteres Leid und tiefer'Schmerz in unzählige Familien hineingetragen wurden. Eins jedoch erschließt sich uns vor Allem im Zusammenhänge des geschilderten Vorganges, nämlich ein Zug der Gemeinschaft, der mit voller Kraft und Stärke die Bekenner Israels durchwaltete und sie unwiderstehlich zu einem ungestörten, friedlichen, innigen Zusammenleben mit denen führte, in deren Umgebung und Berührung sie weilten. Nicht vorzugsweise sinnlicher Naturtrieb, wie vielleicht unter Moscheh °) und Salomo''), kam hier zu Worte; sondern ein ernstes, gotterfülltes Geschlecht, dem der Glaube eine heilige Angelegenheit war, stand hier im Kampf mit religiösen Bedenken und Zweifeln, bis es im Hinblick auf freundnachbarliche Verhältniffe, sei es schweren Herzens'), oder weil es dieselben nicht anerkannte"), über sie hinwegschritt. War doch das Jahrhundert des Esra, wie die ganze durch ihn eingeleitete Periode der Sopherim, welche bis zu Ende der Perserherrschaft — nahezu zweihundert Jahre — dauerte, eine in hohem Grade religiös gestimmte und gläubig angeregte, die überall nur bemüht war, das religiöse Leben zu vertiefen und zu verinnerlichen, und in diesem Streben sich nicht scheute, Fremdes, insofern es dieses zu fördern geeignet war, zu entlehnen und damit die eigenen Glaubensbande straffer zu ziehen. (Fortsetzung folgt.) >) Knsari. II, 24. r) Sacharj 4, 6. 3) Esra 4, 1—4. i, Das. 9, 2. 5) Das. 10, 11. °) 4. B. M. 25, 1-3. ’) Kön. I, 11,1. *) Esra 10, 3; 12—14. *) Grätz, Geschichte der Israeliten II, 2, S. 117—118. FEUILLETON Gott ist die Liede. Novelle von O. Bach. (Fortsetzung.) Der kleine Mann sprang entrüstet auf. Seine poetische Ader war'sein Stolz; er fühlte sich in seiner Würde tief verletzt; indem er das spanische Rohr ergriff und den Hut auf den Kopf stülpte, rief er erregt: „Die Dummheit ist auf Ihrer Seite, ich suche schleunigst das Weite. Nur eines muß ich Ihnen noch sagen, kommen Sie mir nie mit Klagen; Sie dürfen sich nie beschweren, denn Sie wollen nicht hören. Ich halte es für meine Pflicht, Sie zu warnen, Ihre Rosa läßt sich umgarnen. Es könnte sich blutig an Ihnen rächen, daß Sie nicht lassen mit sich sprechen. Ein Christ wird Rosa bethören, ich kann es beschwören." Er hatte eilig die Thürklinke erfaßt, um hinauszugehen, denn die letzten Worte bereute er bereits, aber Herzfeld hatte ihn mit wenigen, großen Schritten erreicht. Es lag ein so drohender, finsterer Ernst in dem verwitterten Gesicht, daß Lewy erschrocken stehen blieb, die funkelnden Aeugelchen ängstlich auf den alten Mann geheftet. „Jetzt ernsthaft gesprochen, ich will die Wahrheit, die ungeschminkte Wahrheit hören. Reimen Sie nicht, verstanden? Wenn es sich um die Ehre meines -Kindes handelt, kann ich Ihr Geschwätz nicht vertragen." Er drückte den kleinen Mann, welcher ganz zerknirscht vor ihm stand, auf einen Stuhl, und sich dicht vor ihn hinstellend, fuhr er langsam fort: „Was soll der Unsinn bedeuten, was bezwecken Sie mit den Worten? In mein Haus kommt kein Christ, und meine Töchter wiffen, was sie mir schuldig sind. Hoffen Sie, mich dadurch fügsamer zu machen, mich einzuschüchtern? Ich halte fest an dem, was ich für recht und gut halte, damit basta! Oder sollte Wahrheit in Ihren Worten liegen?" Eine furchtbare Veränderung ging in den Gesichtszügen Herzfelds vor. Um den bärtigen Mund zuckte es; die funkelnden, von buschigen Brauen beschatteten Augen schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen; eine namenlose Sorge mit Wuth gepaart, leuchtete aus den finstern Blicken, welche fest auf dem blaß gewordenen Antlitz Lewys hafteten. Die Furcht vor Herzfeld war so groß, daß er ein paar Minuten sogar das Reimen vergaß; zusammengekrümmt kauerte er auf dem Stuhle; seine hagern Hände legten sich bittend, beschwichtigend auf den zitternden Arm Herzfeids, als er so ruhig wie möglich sagte: „Machen sie die Probe, Herzfeld. Wenn ich mich irre, und Rosa's Herz frei ist, dann wird sie Frank gern zum Manne nehmen. Geben Sie Ihren Segen, und die Sache ist gemacht. Es ist gut, wenn man jlinges Blut zusammenthut," fuhr er, in seine üble Gewohnheit zurückfallend, fort, ohne Rücksicht auf das sichtbare Mißbehagen Herzfelds zu nehmen: „Frank wird Ihr Schwiegersohn, ich verlange keinen Lohn; es soll mir eine Ehre sein, meine Kraft Ihrem Hause zu weihn. Rosa wird glücklich dabei fahren und das Schadchengeld können Sie sparen." Herzfeld ging mit schweren, wuchtigen Schritten im Zimmer auf und ab, ehe er sich von Neuem Lewy näherte. „Man kann Sie nicht ernst nehmen, Lewy," meinte er verstimmt, „und doch scheint es mir, als hielten Sie mit irgend Etwas noch hinter dem Berge. Also' gut; ich werde den Versuch machen und mit Rosa über den Heirathsantrag sprechen. Lieber soll sie todt und begraben sein; klaftertief unter der Erde liegen, ehe ich es erlebe, daß mein Kind mir die Schande anthut, einen christlichen Liebhaber anzuhören. Gott, Barmherziger, Du wirst es nicht über mich verhängen,

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