Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1891)
- Date
- 1891-05-29
- Page
- Seite 260 (sequence 8)
- Language
- German
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260 wurden. Was Wunder, wenn unter solchen Verhältnissen der jüdische Stamm Mit dem ihm jederzeit eigenen Aneignungstrieb sich auf das Seewesen warf, den Ex- und Import von Maaren und Produkten betrieb, und wiewohl ursprüngliche Anlagen dazu wenig nachweisbar sind, rasch zu einem beachtenswerthen Handelsvolke aufblühte! Thatsächlich sehen wir unter Salomo jüdische Segler an der Seite phönizischer Schiffe durch die Meere nach Ophir, dem Goldlande, und Südarabien ziehen') und finden damals wie später jüdische Kaufleute am großen Weltmarkts theilnehmen. Können wir da an dem Einflüsse zweifeln, welchen diese Berührung und Wechselbeziehung mit fremden Nationen auf Leben und Anschauung der israelitischen Bekenner haben mußte? In jener Zeit begegnen wir in Israel dem ausschweifendsten Luxus, der ausgesuchtesten Verweichlichung und Sinnlichkeit, welche die Propheten mit dem schärfsten Tadel geißeln"). Es lernen die jüdischen Bekenner die Lebensweise der Fremden kennen und ahmen diese nach in Lust und Leid, in Haus und Sitte, in Kleidung und Unsitte. Fremde wiederum kommen zu diesen und lernen von ihnen, was das Leben ehrt und schändet?) So bildet sich zwischen Juden und Andersgläubigen eine Gemeinschaft aus, welche beide Theile in ihrem Denken und Empfinden, in Industrie und Gewerbefleiß, vielleicht auch in Bildung und Erkenntniß einander näher bringt, sie zu gegenseitiger Achtung und Werthschätzung ihrer Eigenart und Nationalität anleitet, — eine Gemeinschaft, in welcher das jüdische, Volk während seiner monarchischen Periode sich als verdiente Mitarbeiterin an der Wohlfahrt der Völker erweist. Nach vierhundertjährigem Bestandes ging Juda, wie früher sein Bruderstaat Israel, unter, — ein langer Zeitraum für ein mit nur geringer Bevölkerung in enge Grenzen gefaßtes Land, der zugleich, auch mit großer, geistiger und wirthschaftlicher Regsamkeit, mit den edelsten Leistungen und Schöpfungen ausgefüllt war. Wie groß muß der Wohlstand des Volkes gewesen sein, das fast zwei Jahrhunderte, lang den Tribut zu zahlen im Stande war, den ihm die Beherrscher von Weltreichen auferlegten! Wie betriebsam das Land, wenn unter Zehntausend, welche der Eroberer vorläufig aushebt, tausend Hand-, werter") gezählt werden. In wie hohem Grade geistig angelegt muß das jüdische Volk erkannt werden in Anbetracht der reichen, unsterblichen Litteratur, die es geschaffen, und aus welcher noch heute die gesammte; gebildete Welt Erbauung, Belehrung und Erholung schöpft. Fromme und gottlose, edle und unwürdige Fürsten lösten einander in der Regierung ab, wie es in der Geschichte aller Völker nicht selten der Fall ist. Das kleine Reich Juda siel nach langwierigem, rühmlichem Kampfe gegen den babylonischen Welteroberer. Aber der unermüdlich,, selbst unter Hohn und Drangsal, die ihm von seinem eigenen Volke wiederfllhren, den tiefen Fall vorausverkündet hatte, Jeremias, der nicht müde geworden war, die Pflege der Unsitte und des Kultus Andersgläubiger in seinem Volke auf's Schärfste zu geißeln und die nach dieser Richtung bestehende Gemeinschaft mit ihnen als Ursache seines Sturzes zu bezeichnen, ruft den aus Judäa Scheidenden und nach Babylonien Verwiesenen im Beginn des Exils im Namen Gottes nach'): „Fördert das Heil der Stadt, wohin ich euch geführt; betet für sie zum Ewigen, denn in ihrem Heil wird euer Heil sein." Das große Vermächtniß also, das der Prophet den Wegziehenden mitgiebt, das er ihnen nachsendet, als sie im fremden Lande dem Szepter des Siegers unterworfen sind: es enthält die Mahnung, willig im Gehorsam gegen das Gesetz des Landes zu sein, in rückhaltloser Treue die Zwecke des Staates fördern zu helfen und an dem Wohlergehen -) Kön. I, 9, 27. -) Hesekiel 27, 17. -) Jes. 3, 16- 25; das. 5, 12; Jerem. 10, 9; Auws 3,12; 6, 4; Zephanjah 1,8. 4) Kön. 1.10. 5) Von der Theilung des Gesammtstaates an gerechnet. Kön. II, 24, 14—16. ') Jerem. 29, 7. desselben nach Kräften mitzuwirken. Es enthält die Mahnung, das Heil und den Segen des Herrschers und des Volkes, in dessen Mitte sie leben, zum Inhalte ihres Gebets zu machen und in liebender Gemeinschaft mit denm zu stehen, mit welchen sie unter fremdem Himmel und in fremden Zonen durch das Schicksal verbunden sein werden. Hier zum ersten Mal streift die Religion Israels die Hülle ab, unter welcher sie in ihrem vollen Werth und' Glanz unerkannt blieb. Sie befreit sich von der Stütze, von welcher ihre Kraft abzuhängen schien. Sie löst sich von allen politischen Voraussetzungen, und nur auf sich selbst angewiesen und im Vertrauen auf die ihr innewohnende unversiegbare Lebenskraft zieht sie in die Fremde hinaus und ruft ihre Bekenner damals und in aller Folgezeit auf, daß diese, daß wir jederzeit an dem bürgerlichen und politischen Gemeinwesen der Staaten, in welchen wir leben, vollen Äntheil nehmen und nach dieser Seite hin auf dem Bekenntnißgrunde vom Sinai treue Gemeinschaft mit. Andersgläubigen pflegen und üben sollen durch den Dienst edler Tugenden und in voller Anspannung unserer besten Kräfte. Mit diesem Geleitsbrief, durch welchen sich Juda und Israel in allen Zeiten und Lagen ausweisen sollte, wandelten diese aus dem verlorenen Heimathlande fort und lenkten ihre Schritte in das Land des Siegers. Damit begann das babylonische Exil. Dort saßen die Trauernden an den Strömen Babels und weinten, indem sie Zions gedachten; an die Weiden, die dort standen, hatten sie ihre Harfen gehängt'), und wenn sie das eine oder das andere Mal in die Saiten griffen, so rührten sie diese nur zur Klage über ihre Verbannung, und wehmüthig klang es aus"): „Vergäße ich jemals dein, Jerusalem, so versage meine Rechte". Mit größerem Eifer als früher in Judäa wurden jetzt auf fremder Erde die Ausgewanderten Hüter des geretteten Glaubensschatzes und schaarten sich um das geheiligte Wort Mosche's und der Propheten, das sie so lange von sich gewiesen hatten. Aber gleichwohl glich Israel im Exil dem schlafenden Mann"), einem Körper ohne Haupt und Herz *), und als das Erlösungswort durch den Perserköuig Cyrus, den Eroberer Babyloniens, gesprochen und der Weckruf gehört wurde, erhob sich nur ein kleiner Theil") zur Rückkehr in das heilige Land und zur Wiederherstellung des Tempels. Woher das kam? Es war die Folge des schnellen und tiefen Einlebens in die politischen und sozialen Verhältnisse der Babylonier, das, wie sehr auch der Verlust des eigenen Staatslebens das Volk bekümmerte, wie tief auch die Volksseele von patriotischen Gedanken und Neigungen erfüllt war, dennoch durch den Gedanken der Gemeinschaft sich vollzog, der Israel eigen war und es zu treuer und befriedigter Mitwirkung an den Arbeiten und Bestrebungen der Völker trieb. Ueber dem Glanze politischer Stellung und Macht, die nur gewaltsam durch Auflehnung hätte zurückgewonnen werden können, über allem Schmerz der bedrängten Gegenwart stand ihm schon in diesem Exil das Bemühen, die Ordnung der Fremde anzuerkennen und sich gewiffenhaft in deren Dienst zu stellen, an ihrem Wollen und' Schaffen sich rückhaltslos zu betheiligen und ein Band des Friedens und der Zufriedenheit mit derselben zu knüpfen. Wie sehr mag auf diesen Charakterzug der Besiegten die Milde zurückzuführcn sein, welche ihnen in den ersten drei Jahrzehnten des Exils unter Nebukadnezar und seinen nächsten Nachfolgern zutheil wurde! Unterstützt durch die Leichtigkeit ihrer Aneignung und den Reichthum ihrer Phantasie bedienten sie sich bald der ihrer eigenen verwandten aramäischen Sprache, und lesen wir im Hesekiel, so gewahren wir dort den rednerischen Schmuck, die farbigen Bilder, die zauberhaften Schilderungen, ') Psalm 137, 1—2. 2) das. 5. 3) Kusari II, 24; vergl. dazu Tr. Cassels Kommentar. 4) das. II, 29. 5) Esra 2, 64.