Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1891)
- Date
- 1891-05-29
- Page
- Seite 259 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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259 Und als Sie mit Ihrem erhabenen Geist in die Zukunft drangen und trotz des Nebelschleiers die ausgeglichenen, konfessionellen, geschlechtlichen und nationalen Konflikte erblickten, da-wählten Sie voll Scharfsinn den einfachsten zum Ziele führenden Weg, betraten ohne Zaudern diese Bahn und mit starker Hand der Aufklärung und des Wissens Fackel schwingend, schrieben Sie auf Ihr Banner: „Der beste Apostel der allgemeinen Verbrüderung ist die Aufklärung." Liebe für Ihre Nation, Gerechtigkeit für die Unterdrückten lind Ungebildeten-, Wissen und Aufklärung für Jedermann, das sind die Losungsworte, welche Ihre fünfundzwanzigjährige litterarische und soziale Thätigkeit kennzeichnen. Für diese dreifach für uns heilvolle Wirksamkeit bringen wir Ihnen am Tage Ihres fünflindzwanzigjährigen Jubiläums in der dreifachen Eigenschaft, als Frauen, Jüdinnen und Polinnen, unfern Dank dar, huldigen Ihrem Genius und preisen Ihr großes und edles Herz. 15. April 1891. Im Namen der jüdischen Polinnen in Galizien. (folgen mehrere hundert Unterschriften.) Elise Orzeszko ist jetzt 56 Jahre alt; sie genoß ihren erstell Unterricht in einer Klosterschulc bei Grodno, die nicht darnach angethan war, ihre rege Phantasie lind ihre ungewöhnlichen Fähigkeiten zu entwickeln. Jung an einen reichen Mann verheirathet, führte sie durch einige Jahre die Lebensweise einer Weltdame, und Amüsements füllten ihre Zeit aus. Allmälig aber kani ihr Talent zllin Durchbruch, dicAschlummernden Kräfte erwachten, und das Elend ihrer Mitmenschen erweckte ihren edlenHerzenstricb. Dainals herrschte in Litthanen eine'Hungersnoth, und Elise Orzeszko wanderte von Dorf zu Dorf,"'Hilfe spendend und mit ihrem edlen Beispiel die Anderen dazu anspornend. Die Eindrücke, welche sie in den Hütten des Elends empfangen, brachte sie zu Papier, dieser Aufsatz wurde in Form eines Aufrufes veröffentlicht, um weitere Kreise zur Hilfeleistung anzurufen, und dies war ihr schriftstellerisches Gebiet. Sie hat also ihre schriftstellerische Thätigkeit unter den Allspizien der Humanität begonnen, und unter diesem^Zeichen hasste Lorbeern geerntet. Es ist schier eine phänomenale Erscheinung, daß eine Christin, die dazu in einem Lande wohnt, wo die Gesellschaft den Juden gegenüber, gelinde gesagt, sich gleichgiltig verhält und wo die Regierung deren Unterdrückung auf-ihr Programm geschrieben hat, sich in solch' sympathischer Weise der verfolgten, gehetzten Juden annimmt und mit ihrer Iganzen Autorität deren Gleichberechtigung verlangt. Sie weist nach,^daWie etwaigen Mängel der polnischen und russischen Juden ihre Verfolger auf dem Gewissen haben, indem die Israeliten immer diel Zielscheibe ihres Haffesund Spottes und ihr Sündenbock waren. Mit einem edlen Feuereifer hat Frau Orzeszko die religiösen Gebräuche und sozialen Sittenverhältnisie der beiden Parteien der polnisch-russischen Juden studirt. Sie kennt die Entstehungsgeschichte des Chassidismus und weiß auch den Werth der. jüdischen Fortschrittspartei zu schätzen. In ihren unübertroffenen Werken „Meyer Ezofowicz", „Eli Makower" und „Mirthala" hat sie den Beweis erbracht, daß sie alle Zuckungen innerhalb des Judenthums mit Interesse und mit Objektivität verfolgt. Das erste Buch hat folgende Worte zum Motto: „Allen meinen Landsleuten von gutem Glauben und Willen, die der «Aufklärung entgegengehen, die den Frieden lieben, ohne Rücksichten welcher Form sie Gott preisen, widme ich diese Erzählung." In dieser Erzählung wird der Kampf des Fortschrittes mit der reaktionären Tendenz des Chassidismus gründlich und sachlich geschildert, und Rabbi Todros ist der Repräsentant der lichtscheuen Sekte. Todros und seine Anhänger bewegen sich in einem Zaubcrkrcis innerhalb des phantastischen Labyrinths des „Sohar" und der Familie Ezofowicz; die Parteigänger der lichtvollen Lehren des Maimonides bilden die Opposition und bringen die Macht der Todrosfraktion ins Wanken. Endlich aber müssen die Parteigänger Ezofowicz's das Feld räumen, und er selbst, vom Bannstrahle getroffen, muß sich fern von seinem Vaterlande eine Zufluchtsstätte suchen. „Leser!" schließt das Buch, „welchen Stammes du auch seiest, und zu welcher Religion du dich bekennst, wenn du auf deinem Wege Meyer Ezofowicz begegnest, dann reiche ihm schnell und aufrichtig die Bruderhand der Freundschaft und Hilfe." Dem Fanatiker Todros ist folgende Reflexion gewidmet: „Dieses Herz konnte gleichzeitig Leutseligkeit und Zorn, Güte und Rachsucht, grenzenlose Liebe und unerbitterlichen Haß fassen, und so konnten ein und derselben Quelle erhabene Tugenden und düstere Frevelthaten entspringen." „O, Leser! Würden auf der Welt nicht gewisse Elemente existiren, die des Menschen Geist und Herz in einen schrecklichen Wahn stürzen, dann wäre der Rabbi Todros vielleicht ein großer Mann! Seien wir gerecht! Todros wäre gewiß ein großer Mann gewesen, wenn die nie existirt hätten, welche, sich des Feuers, der Torturen und der Verachtung bedienend, für seine Stammesgenossen ein bis für spätere Generationen reichendes enges Ghetto errichtet haben, welches Geist und Kirche niederdrückt." — Aus diesen herausgerissenen, zusammenhanglosen Sätzen wird der Leser auf das ganze Denkvermögen und den Jdeengang der gefeierten Dichterin schließen können, und das dürfte ihn veranlassen, sich mit ihren Werken vertraut zu machen. U Israels Gemeinschaftsleben mit Andersgläubigen. Von Dr. Tobias Cohn, Rabbiner in Potsdam. (Fortsetzung.) Eine wesentliche Förderung nach dieser Seite hin gewährte der Handelsbetrieb') Israels, der auf Land- und Seewegen den Verkehr mit nahen und fernen Völkern vermittelte und eine Bekanntschaft mit Sitten und Bräuchen, mit Sprache und Lebensweise derselben zur Folge hatte welche allmählich zu einem Bande der Gemeinschaft mit ihnen wurde. Frühzeitig regt sich der Handelsgeist im jüdischen Volke; der Stamm Dan besitzt schon in der Richterperiode seine Schiffe-), Ascher hat seinen Platz an der Meeresküste und den Fürthen"), Sebulnn lebt am Gestade des Meeres, waltet im Umkreis der Schiffe und berührt Sidon*). Sebulun ist der berufene Seefahrer unter den Stämmen^). War doch das jüdische Land vermöge seiner Land- und Wasserstraßen, die es zahlreich durchzogen, der ausgedehnten Meeresküste und weiten Hafenplätze, welche im Westen lagen, in hohem Grade zu Maaren- und Stapelplätzen geeignet, während der Segen der Fluren Palästinas, der Reichthum und die Vorzüglichkeit seiner Produkte Weizen, Oliven, Dattelhonig, Balsam, in seltenem Maße ein Antrieb zum Außenhandel und zum Austausch gegen fremde Erzeugnisse wurde. Dazu kam, daß die Bewohner Palästinas durch seefahrende Nachbarvölker, Phönizier, Philister, Aegypier, zur Schiffahrt und zum Seehandel, durch die im Osten seßhaften Stämme Arabiens, wie durch Babylonien und Assyrien zum Karawanenhandel angeregt ‘) Ausführlich behandelt diese Materie: Dr. Herzfeld, Handelsgeschichte der Jude» des Alterthums. ’) Richter 5, 17. 3) Das. 4) I. B. M. 49, 13. r>) V. B. M. 33, 18.