Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1891)
- Date
- 1891-05-29
- Page
- Seite 258 (sequence 6)
- Language
- German
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258 zeit seiner Beziehung zum Urbilde, Gott, sich bewußt sei und dies in Wandel und Verkehr zum Ausdruck bringe. Die Verbindung des Menschen mit seinem Schöpfer ist demgemäß eine unmittelbare, keine vermittelte. Im eigenen Thun und Lasten liegen Seligkeit oder Verdammniß, Leben oder Tod; Sittenreinheit und Tugendhaftigkeit bilden die Stufen der Leiter, welche aufwärts führt, wie Schlechtigkeit und Laster den Menschen tief abwärts bringen. Die Synagoge und ihre Symbole prätendiren demgemäß nichts anderes, als den Menschen auf sich selbst hinzuweisen, auf die eigene Kraft, die ohne jede Vermittlung ihm zur sittlichen Vollkommenheit verhelfen kann; „und sie sollen mir machen ein Heiligthum, daß ich in ihnen wohne." Der Mensch ist nicht nur ein Mikrokosmos, sondern in gewistem Sinne auch ein Mikrotheos. „Von meinem Fleische erblicke ich Gott." Welche Bedeutung sollte also das Symbol einer katholischen Kirche für ein jüdisches Bethaus haben? Es muß daher ausgesprochen werden, daß die Wahl des gothischen Baustils für letzteres geradezu eine verfehlte ist. Bezeichnend ist, daß der jüngst verstorbene Magistratsdirektor Bittmann seinerzeit beim Anblick eines im gothischen Stile gebauten Tempels unter Anerkennung der architektonischen Leistung die Aeußerung that: „Das ist ja eine katholische Kirche und kein israelitisches Bethaus." 9 Elise Orzeszko. Von S. Horowih. Nach tagelanger Wanderung in einer Wüste thut der Anblick einer Oase wohl. Manchmal ist's bloße Täuschung, eine Fata Morgana, und statt der Dattelbäume, statt eines sprudelnden Wasserquells, wird der müde Wanderer nach wie vor vom Wüstenstaub umfangen, daß ihm Sehen und Hören vergeht. Hat man es aber mit keiner Illusion zu thun, nimmt das Phantasiegebilde handgreifliche Formen an, dann ruht man behaglich im Cyprestenhain, um sich zur weiteren Fahrt zu stärken. Und vergessen sind dann die Strapazen, des Lebens Mühseligkeiten erscheinen weit entrückt, und der Horizont ist wie in einen rosigen Schleier gehüllt. Und Jugenderinnerungen steigen empor, man gedenkt der in weiter Ferne Weilenden, man sehnt sich nach dem trauten Heim, und vergessen ist die fremde exotische Umgebung. Die Einbildungskraft spiegelt ruis das Elternhaus vor, die originellen Eigcnthümlichkeiten der Vaterstadt, und was wir in der ersten Sturm- und Drangperiode mit einem überlegenen Lächeln abgethan wähnten, erscheint jetzt wie von einer Gloriole uniflossen. Wer dem Nordosten Europas entstammt, wen die rauschenden Fluthen der Weichsel in den Kinderschlaf gelullt hatten, westen Wiege innerhalb der undefinicbaren Grenzen „Halbasiens" stand, der fühlt sich schon im Westen Europas wie in einem fremden, wenn auch besseren Welttheile, und manchmal überkommt ihn ein unaussprechliches Sehnen, ein ungreifbares Etwas, für welches Gefühl die Bezeichnung „Heimweh" nicht erschöpfend 'wäre. Nein, das ist nicht blos Heimweh, denn streng genommen hat man es nicht zu bedauern, das engumgrcnzte Ghetto verlassen zu haben, um sich draußen in der Welt herumzutummeln. Wenn man aber Gefühlsmensch ist, wenn man um sich glückliche, freie Menschen weiß, während dort, im fernen Geburtslande, die Verwandten, die Glaubensgenossen, die Landsleute, kurz Alles, was einem bis ans Lebensende thcner ist, im mitternächtlichen Dunkel schmachtet, dann übersällt einen eine tiefe Wehmuth, eine melancholische Stimmung, und die Rückwirkung ist, daß man von seiner angenehmen, sicheren Oase aus den tebenerstickenden Staubwirbel seiner alten Heimath schaut. Und dahin ist die Ruhe, das Blätterlaub der Eypressenbäume vermag nicht den glühenden, häinmernden Schläfen Kühlung zu gewähren, und der rieselnde Wafferquell erscheint uns wie das Echo des Schakalgeheuls auf den heimathlichen Schollen. Dort rast der Wütherich, der russischen Barbarei werden Hetakomben gebracht, und Niemand ist im Stande, -dem Grausamen Einhalt zu gebieten.... Man wird schier versucht, ein Menschenfeind zu werden, das ganze Menschengeschlecht zu Haffen, denn warum erhebt sich keine christliche Stimme zu unserem Schutze? Wir blättern in den Annalen der Litteratur, unser Menschenhaß besänftigt sich, denn der Name Elise Orzeszko prangt uns da mit goldenen Lettern entgegen.. Sie, die ihre jüdischen Landsleute von Grund auf kennt, behandelt uns ohne Voreingenomm enheit, objektiv, und ihr einpfängliches Frauenherz schlägt warm für die Bedrückten. Noch mehr. Sie nimmt selbst die fanatischen Zeloten unter den polnischen Juden insofern in Schutz, als sie deren Entstehungsgeschichte sachlich schildert und die Folgen auf die Ursachen zurückführt. Ihr Werk „Meyer Ezofowicz" nimmt einen Ehrenplatz nicht nur in der polnischen, sondern auch in der Weltlitteratur ein, und wir glauben nicht fehl zu gehen, wenn wir behaupten, daß ein ebenbürtiges Buch in keiner Sprache existirt. Ihre Werke sind auch dem deutschen Publikum durch zahlreiche Uebersetzungen vermittelt worden, und der Leser dürfte uns zustimmen, daß Elise Orzeszko es verdient, von unseren Glaubensgenossen geehrt zu werden. In erster Reihe sind natürlich die polnischen Juden verpflichtet, ihre Dankbarkeit der genialen Dichterin gegenüber zu dokumentiren, und cs hat uns deshalb mit Freude erfüllt, daß unsere Schwestern in Galizien Orzeszkos 25jühriges schriftstellerisches Jubiläum benutzt haben, um ihren Gefühlen in einer kunstvoll ausgestatteten Adresse zum Ausdruck zu bringen. Der Wortlaut der besagten Adresse ist in deutscher Uebersetzung folgender: „Liebe deinen Bruder wie dich selbst; das ist der Kern der Religion, das Uebrige ist Menschenwerk, welches auch mit den Menschen vergehen wird. Und es wird eine Zeit kommen, daß die Menschen um das Gebot Gottes nicht hadern werden, keine Kriege mit einander führen und einer den andern nicht betrügen wird. Diese Worte haben Sie zu Ihrem Evangelium erhoben, und selbe Ihren Geisteskindern eiuhaucheud, sandten Sie dieselben hinaus in die entlegensten Winkel unseres Vaterlandes, auf daß sie als Apostel der Liebe durch Wahrheit und Edelsinn Israels Stamm erobern und gewinnen; auf daß durch das Feuer ihrer Beredtsamkeit das Eis der Gleichgiltigkeit, welches ,die breiten Massen der jüdischen Bevölkerung von der gastfreundlichen polnischen Nation noch immer trennt, schmelzen; auf daß sie statt Haß Liebe einflößen, und statt sich zu bekämpfen, mit vereinten Kräften einem vereinten Ziel entgegenstreben. Und indem Sie mit Ihrem scharfen, von keinem Vorurtheile getrübten Blick der Menschheit Geschichte umfaßten, haben Sie mit Ihrem klaren Verstände die scheinbaren Widersprüche erforscht, des Uebels Quelle entdeckt lind sind zur Ueberzeugung gelangt, daß diese unaufgeklärten, mit sich selbst zerfallenen und verirrten Masten nicht vorhanden wären, wenn jene nicht existirt hätten, die sich des Feuers, der Marterqualen und der Verachtung, welche noch hundertfach schlimmer, als die ärgste Tortur, bedient hätten, um ein enges, dumpfes, obskures Ghetto, voll moralischer und geistiger Qual und Angst, aufzliführen. Und Sie sprachen das große Wort: Ueben wir Gerechtigkeit!