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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-05-29 · Heft 22 (29.5.1891) · p. Seite 255

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 22 (29.5.1891)
Date
1891-05-29
Page
Seite 255 (sequence 3)
Language
German
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255 schießt einen anderen, Daniela Nacson (der Belelli heute in den Tod gefolgt ist) hinterrücks nieder und verwundet durch einen Revolverschuß einen Soldaten. Der Mörder entkommt. Dagegen werden die reichen Oelhändler Gebrüder Damiri- Avrami, in deren Magazin der fliehende Mörder seine Waffen versteckt hat, verhaftet. 14. Mai. Ankunft des neuen.Präfekten. Die Anzahl der bisher nach Smyrna, Konstantin opel, Trevesa, Triest ausgewanderten Juden beträgt etwa 600 Seelen. * * Dies die überaus traurigen Daten, die wir nach eigener Kenntnißnahme und eigenem Augenschein in einem weiteren Briefe eingehend kommentiren werden. Nur das sei an dieser Stelle noch bemerkt, daß aller äußerlichen Ruhe zum Trotz die Spannung in keiner Weise geschwunden ist! Die Anwesenheit der Truppen und der fremden Kriegsschiffe mag wohl für den Augenblick neue Unruhen verhindern; aber kein Zweifel, daß der Abzug des Militärs — das dach nicht ewig in Corfu garnisoniren kann — für die Kanaille das Signal zur neuen Invasion des Ghetto bedeuten wird! II. Corfu, 20. Mai. Es herrscht jetzt thatsächlich „Ruhe in Corfu"; aber die Ruhe und Ordnung von Corfu ist nicht mit Unrecht mit der famosen „Ordnung" zu vergleichen, die nach dem Ausspruch jenes russischen Generals in Warschau herrschte. - Die Inden gehen zwar im Allgemeinen wieder ihren Geschäften nach. d. h. nur innerhalb der vom Militär noch immer aufs Strengste überwachten Grenze des Ghetto; allein sie selbst, wie der unbefangene Beobachter sind, sich darüber völlig klar, daß der antisemitische Fanatismus der durchweg unwiffenden Corfiotenbevölkerung nur künstlich eingedämmt, nur vorübergehend unterdrückt ist und früher oder später zu einem gewaltsamen Ausbruch führen muß; gewaltsamer und blutiger vielleicht, als der letzte gewesen. — Vom Fanatismus der großen Maste (auch die „gebildeten" Kreise sind davon ergriffen), von der unglaublichen religiösen Verbohrtheit, die kein gütliches Zureden einiger intelligenterer Geistlicher oder wohldenkender Beamten zu bannen vermag, haben zahlreiche Zwischenfälle in diesen Tagen ein trauriges Zeugniß abgelegt. Wie wir im ersten Briefe an der Hand offizieller Daten nachgewiesen, war das ermordete Mädchen überhaupt keine Christin, sondern die im Ghetto geborene und ausgewachsene Tochter eines armen jüdischen Schneiders, Namens Vita Sarda. Die christliche Bevölkerung aber läßt sich, allen Dementis des Präfekten und des Staatsanwalts zum Trotze, die alberne Legende von der rituellen Ermordung des in den Ghetto gelockten, respektive entführten Christenmädchens durch die Juden nicht ausreden. So erzählte Ihrem Korrespondenten ein sehr „gebildeter" (!) feiner Corsiote, der sich zum high life der Insel zählt, als „unumstößliches Faktum": „Der geheime Rath des Judenthums—der in Alexandrien oder Konstantinopel sitze (!), — habe geloost, welche jüdische Gemeinde in diesem Jahr das für die ungesäuerten Brode nothwendige Christenblut zu liefern habe. Dies — führte mein Gewährsmann mit dem Ausdrucke der tiefsten Ueberzeugung aus — werde getrocknet, pulverisirt und an die jüdischen Gemeinden der ganzen Welt versendet. Diesmal nun sei das Loos auf Corfu gefallen, wo alsbald der Schneider Vita Sarda sein eigens zu diesem Zweck entführtes und großgezogenes Pflegekind, die Rubina, resp. Maria Desilla habe „schlachten" lasten. Der Leichnam des Kindes — hieß es weiter — sei auf einem Brett gekreuzigt lind ganz nach jüdisch-ritueller Art geschächtet aufgefunden worden." So viele Worte, so viele Lügen. Denn wie der griechische Erzbischof Bulismas noch erst gestern -mir versicherte, sei das achtjährige Judenmädchen bereits stark entwickelt und zugleich moralisch verdorben gewesen, so daß Alles auf einen Lustmord schließen lasse. Von einem griechischen Erzbischof ist dies Bekenntniß immerhin schätzenswerth; denn der orthodoxe Klerus hat während der Judentumulte seinen Einfluß nicht eben zur Beschwichtigung der Geister benutzt, während der römisch-katholische — zu seiner Ehre sei es gesagt! — dies in vollem Maße that. So hat der Kanonikus Marchesi mit eigener Lebensgefahr eine schwer bedrängte Judenfamilie aus der tobenden Menge heraus in sein eigenes Haus gerettet, wo sich die Unglücklichen noch heute befinden. Auch dem griechischen Erzbischof, so frei er privatim auch über die Ignoranz seiner Heerde denken mag, ist nicht jeder Vorwurf zu ersparen. Er gab zwar seinem Klerus gemessene Weisung, von jeder Judenhetze abzustehen und vielmehr in wahrhaft christlich-tolerantem Sinne zu wirken; allein der hochwürdige Herr unterließ es doch, offen auf die Judenverfolgung hinzuweisen. Er bewegte sich stets nur in allgemeinen Redensarten, und als er einmal eine zarte Anspielung auf die Juden-Exzeffe seiner Griechen wagte, da wäre Seine Eminenz um ein Haar ausgepfiffen worden, wie ein heiserer Tenor. Wie es dem Präfekten und dem Staatsanwalt Bensis, einem der ältesten Juristen Griechenlands, erging, als sie für die mißhandelten Juden eintraten, ist bereits erwähnt. Beide wurden in schwerster Weise beschimpft, gekaufte Verräther am Christenthum genannt und mit dem Tode bedroht. Ja, von dem Staatsanwalt Bensis erzählt sich das Volk geradezu, seine Frau sei eine Jüdin, und er selbst habe sich insgeheim zur jüdischen Religion bekehrt. Aber der Haß und Fanatismus der stupiden Menge — unter der, wir wiederholen dies ausdrücklich, die sogenannte „gebildete Klasse" aus politisch-religiösen Gründen stark vertreten ist — der Fanatismus des Pöbels beschränkt sich nicht allein auf die Juden; in noch verstärkterem Maße richtet er sich gegen diejenigen Christen, die den Muth besitzen, mit den Geächteten geschäftlich oder gesellschaftlich zu verkehren. III. Corfu, 22. Mai. Noch ist die Untersuchung über die Ermordung der Rubina Sarda — die von Fanatikern und interessirten Hetzern fälschlich für eine Maria Desilla ausgegeben wurde — nicht abgeschlossen; aber cs beginnt doch bereits Licht in die unheimliche Mordgeschichte zu kommen. Da erfüllt es denn mit innigem Mitleid mit sich selbst, den Unsinn lesen zu müssen, den sich gewisse Berliner Blätter Stöckerscher Richtung über die Vorgänge in Corfu geleistet haben. Da tritt z. B. in einem dieser Blätter ein angeblicher Deputirter Georgios Zerros auf, der dokumentarisch haarscharf Nachweisen will, daß trotz aller Dementis die Juden thatsächlich ein Christenmädchen geschlachtet haben, daß sie daffelbe bei Nacht und Nebel auf dem jüdischen Kirchhof begraben wollten, aber von dem edlen Schutzmann Charalampis (nebenbei bemerkt, einer der größten Gauner Corfus) in ihrem Vorhaben gestört wurden u. dgl. Ein ganzes Gewebe von so albernen Lügen, daß sehr viel Gutmüthigkeit oder... Tendenz dazu gehört, das Zeug überhaupt zu veröffentlichen. Wir haben uns Mühe gegeben, das Wesen und den Verlauf der Blutthat von besseren Gewährsmännern, als der imaginäre Herr Zerros, zu erfahren, und glauben, daß dies uns auch geglückt ist. Unsere Gewährsmänner, denen hiermit bestens gedankt sei und die trotz ihrer theilweise grundverschiedenen Stellung in allen Haupttheilen übereinstimmten, waren: der königliche Präfekt von Corfu, der griechische Erzbischof Bulismus, der katholische Erzbischof Monsignor Bon, der Ober - Rabbiner Da

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