Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1891)
- Date
- 1891-05-29
- Page
- Seite 254 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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254 gemachten Werkstätten von Christen — die im Ghettoquartier nicht fehlen — wird gearbeitet. An den Straßenecken stehen eifrige debattirende Gruppen, Männer und Weiber alla franca gekleidet, nur die älteren Frauen mit einem bunten Tuch auf dem Kopf. Aus den zahllosen Fenstern und Fensterchen der meist dreistöckigen Judenhäuser sehen junge Frauen und Mädchen neugierig auf das Gewühl herab. Meist Weiber von seltener, exotischer Schönheit, mit tiefschwarzen großen Augen, wie sie so herrlich' keine Römerin, keine Athenerin besitzt, und von durchaus schlankem Wüchse. Da liegen in der „Calle d'csto", fast bei der Synagoge, solch ein paar lieblich, Geschöpfe im Fenster, eifrig plaudernd, nach dem Fremden schielend, der sich — bis heute unerhört! — in den Ghetto hereingewagt hat. Und die niedlichen Kleinen (es sind flüchtige Judenmädchen aus Zante die im Ghetto von Corfu Obdach gesucht und gefunden) lassen ihre schwarzen Augen blitzen und der unerschöpfliche Strom ihrer griechischen Reden will kein Ende nehmen — sie haben eben gar viel zu erzählen, denn in Zante ging es noch toller zu, als in Corfu. Glücklich der Maler, der über solche Modelle verfügt. Doch ehe wir des Eingehenderen über die Ereignisse berichten, sei es uns vergönnt, die Tages-Chronik, den Kalender der Revolte kurz und ohne alle erklärenden Zusätze niederzuschreiben; und zwar nach den offiziellen Aufzeichnungen, die das Konsulat einer mit Deutschland alliirten Großmacht Ihrem Korrespondenten zur Verfügung gestellt hat. Aus diesen nackten, einfachen Daten wird man besser, als aus langathmigen Schilderungen ersehen, welch unerhörtes, eines Kulturstaates unwürdiges Martyrium die unglücklichen Juden in Corfu (überwiegend arme Handwerker, Arbeiter, Tagelöhner rc.) ohne jedes Verschulden ihrerseits durchzumachen gehabt haben. Dinge, über die — daran zweifeln wir nicht — selbst ein Stöcker erröthen wird! Wir gehen chronologisch zu Werke. 12. April. Ein jüdisches Mädchen von acht Jahren, Rubina Sarda, Tochter eines armen Schneiders, die von ihrem Vater einen Soldo erhalten, verläßt Morgens das Haus, um sich Backwerk zu kaufen. Als das Mädchen nicht zurückkommt, verständigt der geängstigte Vater die Polizei und läßt zugleich durch einen Ausrufer die öffentliche Aufforderung ergehen, man möge ihm sein Kind — das vielleicht aus Furcht vor Bestrafung nicht zurückgekchrt — znrückbringen. 13. April, Morgens 3 Uhr, d. h. in der Nacht selbst, wird vom Vater und seinen jüdischen Freunden der Leichnam des Kindes in einen Sack genäht in einem Hausflur neben der Synagoge gefunden. Der Leichnam zeigt drei schwere Hiebe (mit einem stumpfen Instrument) auf den Kopf; die Beine sind zusammengeschnürt; am Kopf sind sieben Mesierschnitte zu sehen, die Halsader und die sämmtlichen Venen am Halse sind mit einem chirurgischen Instrument (wie sich dessen die Aerzte bedienen!) völlig durchschnitten, und zwar in der Tiefe von 10 Centimetern. Ebenso durchschnitten sind die Pulsadern und die Venen der Arme. Da der Leichnam absolut blutlos ist, so wird seitens griechischer Fanatiker (oder Interessenten) sofort das Gerücht ins Volk geschleudert, die Ermordete sei gar nicht die Tochter des jüdischen Schneiders Vita Sarda gewesen, sondern vielmehr eine gewisse Maria Desilla aus Janina, die der erwähnte Schneider als kleines Kind ihren Eltern entführt habe, um sie späterhin zu rituellen Zwecken zu opfern.') 14. April. Eine nach Tausenden zählende fanatische Volksmenge dringt mit Messern, Revolvern, Pistolen bewaffnet vier Uhr Nach- ') Eine Meinung, die bei Hoch und Niedrig noch bis zum gegenwärtigen Augenblick verbreitet ist, odschon die Behörden wie auch der griechische Erzbischof sie dementirt haben. mittags in das Judeuviertel ein. Vöm Militär mit Mühe herausgedrängt, stürmt und plündert die Menge den bei der Porta Reale befindlichen jüdischen „Concordia"-Klub und zieht mit der erbeuteten Standarte des Klubs auf die Esplanade, wo dieselbe verbrannt wird. Den ganzen Tag über halten die Unruhen an; zahlreiche Juden, die während der Ereignisse außerhalb des Ghetto waren und nach ihren Häusern zurück wollen, werden schwer mißhandelt und gesteinigt. Das Volk zieht unter Spottliedern auf die jüdische Religion vor das Haus des Groß-Rabbiners und sucht es zu stürmen. 15. April. Fortsetzung der Tumulte. Von jetzt an bleiben die Juden (bis zum 18. Mai) ununterbrochen im Ghetto eingeschlossen. Die Lebensmittel werden ihnen durch grie- , chische Händler nach dem Ghetto gebracht und zu enormen Preisen verkauft. Nachdem inzwischen das Blutmärchen geradezu bedenkliche Verbreitung gefunden, veröffentlichen der Präfekt und der Staatsanwalt das vom Äabbiner ihnen gelieferte Geburtszeugniß der Ermordeten, waK ihnen seitens der Bevölkerung die Anklage einbringt, Beide seien um je 50,600 Francs von den Juden gekauft. Inzwischen wird das Militär verstärkt. An demselben Tage schießt ein in den Ghetto eingedrungenes Individuum eine Jüdin hinterrücks nieder. 16. bis 17. April werden von auswärts kommende Juden, die das Osterfest mit ihren Familien feiern wollen, schwer mißhandelt einige davon ins Meer geworfen. Die Mannschaft eines griechischen Kriegsschiffes bringt die Unglücklichen in Sicherheit. 17. bis 25. April. Neue Tumulte im Judenviertel?) 27. April. Im Hausflur eines jüdischen Hauses in der Calle ck'ore werden Blutspuren entdeckt. Der Pöbel, im Wahn, hier sei die „Maria Desilla" „geschächtet" worden, schleppt sieben jüdische Schächter mit sich, um sie zu lynchen. Das Militär befreit die sieben von der Menge fast todt geprügelten Schächter und bringt sie in Sicherheit. Das Blut erwies sich später als das Blut geschächteter Hühner. Inzwischen zieht eine große Volksmenge heulend und tobend vor den Palast des Präfekten und verlangt unter wüsten Beschimpfungen die sofortige Freilassung der bisher verhafteten Christen. 1. Mai. Auf der gleichfalls jonischen Insel Zante hat die Bevölkerung von dem Blutmärchen in Corfu erfahren und zieht am Charfreitag in Prozession durch den Ghetto, um die Juden zu provoziren. Als die Behörde dies verhindern will, insultirt die Menge den Präfekten und den Gendarmerie-Kommandeur. Darauf macht das Militär von den Waffen Gebrauch, und es kommt zum Kampfe, wobei drei Civilisten und zwei Soldaten erschossen, viele Civilisten und Soldaten verwundet werden. AlleJuden verlassen Zante. Die Menge plündert darauf die Magazine und die Villa des jüdischen Kaufmanns Ferro, sowie mehrere jüdische Modistengeschäfte. 2. Mai. Auf die Kunde der Vorgänge von Zante bemächtigt sich der Bevölkerung Corfus neue Erregung. Wiederbeginn der Revolte. 2. bis 5. Mai. An drei Punkten der „Ebraica“ (Judenviertel) wird Feuer gelegt, das aber bald erstickt wird. 8. Mai wird der bisherige Präfekt Leonidas Vlachos wegen „Energielosigkeit" abberufen. Neue Truppen und ein neuer Kommandeur, Oberst Notaras, treffen ein. 12. Mai, 3 Uhr Nachmittags, schleicht sich ein Grieche, Namens Stini — ein mehrfach vorbestraftes Subjekt — in den Ghetto ein, schlitzt mit einem Dolch dem Juden Moise Belelli (Vater von sieben Kindern!) hinterrücks den ganzen Bauch auf, ') Dabei wird den Juden streng befohlen, ihre Fenster und Thü'ren hermetisch zu schließen und in den Häusern zu bleiben — ein Zustand, der 33 Tage anhält!!