Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1891)
- Date
- 1891-05-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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55. Jahrgang. Ur. 22. Allgemeine Berlin» 29. Mai 1891. eitung des Zudenthums. Gin unparteiisches Organ fiir alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redaeteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nabdrner Ludwig Philippson - Konn. Verlags-DrpeLition: Gerlin, Zerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. 3 tt t) ft 11. Leitartikel r Die Zustände in Corfu. VonDr.HansBarth.— Die Judenfrage im Abgeordnetenbause und der Eld auf die Verfassung. Von einem Juristen. — Wiener Briefe. IX. Von T. — Wissenschaft und Litteraturr Elise Orzeszko. Von S. Horowitz. — Israels Gemeinschaftsleben mit Andersgläubigen. Von Dr. Tobias Cohn. (Fortsetzung.) — Feuilleton r Gott ist die Liebe. Von O. Bach. (Fortsetzung.) — Indiskrete Briefe aus der Gemeinde Schermeisel. Von D. Kaßriel Peßacksohn. — An die russischen Juden. — Litterarische Mittheilungen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten; Berlin, Breslau. Aus Baden, Stuttgart, Leipzig. Prag, Petersburg. Moskau. Odessa. Corfu. — Bon Nab und Fern. — Sprechfaul. — Miscellen. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. Nie Zustande in Corfu. Von Dr. Hans Barth. 1. Corfu, 19. Mai. Sind wir mit der kurzen Seefahrt von dem öden, von der Kultur so unbeleckten Brindisi nachdem reizenden in der Tropenvegetation prangenden Corfu mit einem Male in das Mittelalter, und zwar in die schwärzeste Periode desselben versetzt? Dies ist die Frage, die sich uns beim Landen in dem wohlbekannten Hafen des jonischen Jnselnestes aufdrängte, wie sie sich jedem anderen Fremden aufdrängen muß, der heute in „Kt^v^a“ den Fuß auf die freie helenische Erde setzt, seit den betrübenden Vorgängen, deren Schauplatz die Stadt Corfu vom 14. April bis zum gestrigen Tage war, leider, ohne daß die Behörden die nöthige Energie entfaltet hätten! Mit dem Beginn jener über 33 Tage fast ununterbrochen tobenden Krawalle hat auch der Hafen, von Corfu, wie die innere Stadt selbst, sein Gepräge vollständig verändert. Im Hafen, fast dicht vor der Dogana (dem Zollhause), liegen die, wie immer, zu spät angekommenen fremden Kriegsschiffe mit englischer und französischer Flagge; die Dogana — die wir passiren müssen, um in die Stadt zu gelangen — ist, wohl zum Schutz für die zahlreichen auswandernden Juden, mit einem Militärkordon besetzt, und in den anstoßenden großen Magazinen liegen ein paar Kompagnien Infanterie. Die wachestehenden Soldaten haben.sämmtlich die Bajonnette aufgepflanzt, während die Douane-Polizei es mit den Pässen der Ankommenden überaus scharf nimmt; wie es heißt, aus Furcht vor der Ankunft ruhestörerischer Elemente aus Zante, Santa-Maura rc. Viel zu thun haben die Herren Polizeikommissare freilich nicht, denn mit dem Ausbruch der Unruhen und mit dem Bekanntwerden derselben ist die Insel, in kaufmännischer Hinsicht wenigstens, in Acht und Bann gethan; und die meisten in Corfu anlegenden Boote des „Lloyd" oder der „Navigazione generale italiana" bringen den Corfioten nichts mit als die Post. Die sonst so zahlreichen Reisenden österreichischer und italienischer Häuser bleiben seit geraumer Zeit aus, sei es aus übertriebener Furcht vor den corfiotischen Zuständen, die bis vor Kurzem allerdings geradezu anarchistisch genannt werden konnten, sei es — und dieser Grund war jedenfalls der stichhaltigste und ist es leider heute noch — weil der Verkehr der Reisenden mit ihren im Ghetto eingeschlossenen jüdischen Kunden einfach aus dem Bereich aller Möglichkeit lag. Wie im Hafen, so sieht es auch in den zum Herzen der Stadt emporführenden Straßen resp. Gaffen aus. Ueberall Posten, überall promenirende Offiziere und Soldaten von mehr oder weniger martialischer Haltung. Es ist, als hätten wir eine militärisch okkupirte Stadt, einen Waffenplatz zur Kriegszeit betreten. Was dabei nicht minder auffällt, ist das in den Straßen herumlungernde Gesindel, das offenbar jeden Augenblick bereit wäre, wieder über den Ghetto herzufallen, wären nicht neue Truppen und, was noch wirksamer ist, neue Ordres aus Athen gekommen. Wie dies Gesindel, das sich vom Morgen bis Abends arbeitslos in den Gassen und auf den Plätzen vor dem Ghetto herumtreibt — wie dies stets zur Invasion des Judenviertels bereite, religiös fanatisirte Gesindel, das meist aus der niedersten Einwohnerklaffe und aus ignoranten Jnselgriechen besteht, es zu Wege bringt, dem Herrgott den Tag abzustehlen und dennoch zu leben und sich im Mastix zu besaufen, das wissen die Götter. Wohl gehen allerlei Gerüchte über die mysteriöse Herkunft der Subsistenzmittel um, mit denen die Kanaille ihr radaufröhliches Dasein verschönert, doch enthalten wir uns hier jeder persönlichen Anspielung. Wir bemerken nur so viel, daß es in eingeweihten Kreisen —und zwar auf den Konsulaten europäischer Großmächte! — für ausgemacht gilt, die Judenrevolte sei nicht ausschließlich das Resultat des Fanatismus gewesen, sondern es hätten sehr einflußreiche Elemente intriguirt, die aus politischen Gründen wie aus Gründen materieller Art, den Pöbel zu seinen Gewaltakten aufgehetzt und — bezahlt hätten! Der nördlich von der Porta reale gelegene Ghetto — das nebenbei bemerkt reinlichste, ja, wenn man so sagen darf, „eleganteste" Judenviertel der Welt — ist als engerer Schauplatz der Tumulte natürlich ganz besonders stark militärisch geschützt. Am Eingang der engen, aber trotzdem durchaus nicht finsteren und unfreundlichen Gaffen stehen Posten mit aufgepflanztem Bajonnet, bei der Porta reale, wie im Ghetto selbst, und zwar neben den einzelnen Synagogen (es giebt deren vier in Corfu) sind Kasernen improvisirt, Patrouillen von je acht bis zehn Mann, meist Genietruppen, marschiren durch die sich regellos kreuzenden Gassen und Gäßchen, in denen sich eine dichte, noch immer nicht beruhigte Menge von nothgedrungen feiernden Juden drängt. Die Läden sind durchweg hermetisch verschlossen, nur in einzelnen, durch das aufgemalte Zeichen des Kreuzes kenntlich