Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1891)
- Date
- 1891-05-22
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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wenigstens auf den Gräbern für die Nacht Ruhe zu haben; vielleicht bringt uns der Tag Rettung und Hilfe. — Aber eine Stunde später wurde der Friedhof von Kosaken umzingelt, wir wurden in die Nacht hinaus auf die Landstraße getrieben, mit Stoßen und Hieben. und wer es wagte, sich zu widerfetzen, wurde niedergeknutet oder ins Gefängniß geschleppt und wird in Sibirien enden! — Ich weiß nicht, wo ich mein Haupt niederlegen soll."—In Siedler in Polen dringt während des Gottesdienstes die Polizei in die Synagoge und verlangt die Thora, die Gesetzesrolle zu sehen, unter dem bisher noch nie und nirgends gehörten Verlangen, ob die Gesetzesrolle den Stempel der amtlichen Genehmigung habe. Selbstverstäudlich kann eine solche Genehmigung nicht nachgewiesen werden; der'Polizeioffizier verlangt eine sofort zu erlegende Buße von hundert Rubeln; die bereits ausgesogene arme Gemeinde ist nicht im Stande, diesen Betrag sofort aufzubringen, und der Polizeioffizier zerreißt im Gotteshause die Gesehesrolledas Allerhöchste der Israeliten — und wirst die Fetzen den Unglücklichen vor die Füße. Daß Gewaltthätigkeiten jeder Art, brutalste Mißhandlungen der jüdischen Frauen linb Mädchen an der Tagesordnung sind, ist selbstverständlich, und die Einzelheiten sind oft so haarsträubender Natur, daß sie sich der Wiedergabe entziehen. Griechenland. * Athen, 14. Mai. lieber die Bewegung aus Corfu laufen täglich neue Nachrichten ein. Nach denselben ist die Lage der Juden daselbst noch immer eine trostlose. Von den 5000 dort tebeiibeit Juden sind circa Z000 erwerbslos und dem Elend preisgegeben. Baron Rothschild in Paris und Baron Hirsch lassen Geld unter die Armen vertheilen, während aus Palras und Spalato Lebensmittel gesandt werden. Die Bauern in der Umgegend von der Stadt Corfu haben sich der Bewegung angeschlossen. Täglich kommen Ermordungen von Juden vor; im Ghetto herrscht der Typhus. Gestern ist eine neue Abtheilung Truppen nach der Insel abgesandt worden. Was die Motive der Hetze betrifft, so unterliegt es keinem Zweifel, daß die Bewegung eine vom Auslande her künstlich geschürte ist, und daß ihr politische Motive zu Grunde liegen. Nach einer Version ist die Agitation aus Ungarn nach Corfu eingeführt worden. Ein Angestellter einer Athener Elektrizitäts - Gesellschaft, ein geborener Preßburger, soll sich darin sehr hervorgethan und durch Verbreitung von antisemitischen Flugblättern und den bekannten bildlichen Darstellungen, welche bei den .Judenkrawallen in Ungarn eine große Rolle spielten, zur Aufstachelung der Volksleidenschaften viel beigetragen haben. Man will auf diese Weise dem Ministerium Delyannis internationale Schwierigkeiten bereiten. Aus diesem Grunde wird auch, davon sind wir überzeugt, die Regierung in der Angelegenheit mit aller Energie Vorgehen. * Athen, 15. Mai. Die jüdischen Gemeinden in Larissa, Volo, Asta und Chaljas schweben ebenfalls, gleich der Gemeinde in Corfu, in großer Gefahr. Die Bewegung gegen die Juden wird fortgesetzt geschürt. * Corfn, 16. Mai. Das offiziöse Organ „Orja" meldet, daß die Mörder der Juden, sowie die Anstifter der Unruhen verhaftet seien. Der neue Präfekt, zwei Untersuchungsrichter und eine militärische Verstärkung trafen in Corfu ein, woselbst nun alle Geschäfte in den Hauptstraßen des Judenviertels geöffnet sind. Das griechische Ministerium des Innern versichert, seit Montag habe keinerlei Ausschreitung, weder in Corfu noch in Zante stattgefunden, die Ruhe sei nicht gestört. Das Ministerium beschloß einen außerordentlichen Kredit zur Entschädigung der durch die Vorgänge auf Corfn verarmten Juden. Ob jene Versicherungen der Wahrheit entsprechen, wird sich bald zeigen. Wie ein Telegramm aus London besagt, schreibt die „Times", daß. die Besserung der Lage der Juden auf Corfu lediglich den bei der griechischen Regierung erhobenen Vorstellungen der Großmächte zuzufchreiben sei. Die Kabinette von Berlin, Rom und Wien wiesen ihre Vertreter in Athen an, die von dem britischen Vertreter in der Sache unternommenen Schritte zu unterstützen. In seiner jüngsten Unterredung mit dem griechischen Ministerpräsidenten Delyannis betonte der Vertreter Deutschlands die unbedingte No thwen digkeit, den Verfolgungen der Juden ein Ende zu setzen, da sie den Interessen der griechischen Nation, für welche Europa so oft tiefe Theilnahme bekundet habe, nachtheilig seien. Rußland war an diesem diplomatischen Vorgehen natürlich nicht betheiligt. * Corfn, 18. Mai. Nach fünf Wochen langer Cernirung ist das Judenviertel heute zum erstell Mal wieder für den Verkehr geöffnet, aber trotzdem wird das Ghetto fortwährend von Patrouillen durchzogen, uiib alle Zugänge zu demselben sind militärisch überwacht. Ganz Corfll wimmelt von Militär mit aufgepflanzten Bajonetten. Die Regierung konzentrirt hier noch fortwährend Truppen, so daß eine Wiederholung der Unruhen vorerst unmöglich erscheint. Trotzdem ist die Stimmung der Bevölkerung sehr kritisch. Die Juden getrauen sich nicht, das Ghetto zu verlassen. Die' Auswanderung dauert all. Aus den Inseln Zante und Santa Maura sind, wie der italienische Konsul mir mittheilt, alle Juden allsgewandert. Der Handel leidet schwer. Heute überfiel ein Fanatiker eine jüdische Dame; der Attentäter ward verhaftet. Die christlichen Einwohner des Ghettos machen ihre Häuser durch aufgemalte Kreuze kenntlich. Der Fanatismus der Bevölkerung ist unglaublich, doch tritt die Regierung jetzt sehr energisch auf. Im Hafen ankern zwei englische und ein französisches Kriegsschiff. Die Regierung verhindert die weitere Auswanderung der Juden aus Korfu. * Athen, 19. Mai. Amtlich wird gemeldet, daß der Großrabbiner von Corfu der Regierung für die zum Schlitze der Juden ergriffeilen Maßregeln gedankt habe. Seit Freitag sind in Corfu wieder alle Lüden jüdischer Kaufleute geöffnet und es herrscht wieder reger Verkehr Ein Corfiote, welcher einen Judell beleidigt hatte, wurde verhaftet, ein Polizeiagent wegen Nachlässigkeit abgesetzt. Ferner wurde der Mörder eines bei den früheren Exzessen getödteten Juden, sowie 27 Theclnehmer an den Exzessen verhaftet. Sowohl ans Corfu als auf Zante wird eme strenge Untersuchung geführt. Man erwartet zuversichtlich die baldige Wiederherstellullg der vollständigen Ordnung. * Corfu, 19. Mai. Obschon die Ruhe äußerlich wiederhergestellt ist, dauert die Spannung doch noch fort. Der griechische Erzbischof erklärte mir heute, telegraphirt der Korrespondent des „Berliner Tagebl.", das „ermordete Mädchen war eine Jüdin, keine Christin". Er meint ein Lustmord dürfte vorliegen. Das Märchen von einem rituellen Molde, an welchem die Bevölkerung festhalte, sei darum Unsinn. Die Juden tu Corfu seien, wie der Erzbischof hinzufügte, anständig und arbeitsam, übrigens wären sie meist Handwerker. Die Anwesenheit der fremden Kriegsschiffe erschwere jedoch die Pazifizirung. So weit der hohe Kirchellfürst. Mehrere deutsche Handelshäuser sind durch die Corsukrise empfindlich geschädigt. Der neue Präfekt entfaltet eine unnachsichtige Energie, um die Ruhe aufrecht zu erhalten. — Hier liegt nun das unverdächtige Zeugniß des höchsten griechischen Geistlichen der Insel vor, an dessen Wahrhaftigkeit zu zweifeln kein Ehrlicher Ursache hat. * Aus Zante, im Mai. Ueber die Lage auf der Insel Zante entnimmt die „Voss. Ztg." einem Privatbrief vom 3. d. M. Folgendes: Durch die Vorgänge auf Korfu war die Leidenschaft der Zantioten gegen die Juden mächtig erregt worden, sie kam vollends zum Ausbruch, als am griechischen Charfreitag (1. Mai) das Kruzifix bei Gelegenheit einer Prozession durch die Straßen herumgetragen wurde. Ter wüthende Pöbel drängte nach dem Zugang zum Judenviertel, welches schon seit mehrere!: Tagen beständig von Soldaten besetzt gehalten wurde. Der befehligende Offizier forderte die Menge unzählige Male aus, die Absperrungslinie nicht zu überschreiten, worauf man ihn beschimpfte und mit Gewalt durchzudringen versuchte. Jetzt blieb dem Offizier nichts anderes übrig, als Feuer geben zu lassen. Mehrere Personen (Landleute) .wurden getroffen und starben sogleich, einige andere wurden schwer oder leicht verlvundet. Im Ghetto herrschte schreckliche Panik, viele liefen wie die Wilden umher, andere schimpften und zogen ihre Pistolen hervor, dazwischen Weibergeschrei und fanatische religiöse Ansprachen einiger Strolche, es war ein fürchterliches Durcheinander. Schräg gegenüber dem Zugang zum Ghetto wohnt ein angesehner achtbarer Jude mit seiner Frau und Tochter. Aus einmal richtete sich die Wuth des Pöbels gegen dieses Haus. Man riß das Pflaster auf und warf mit den Steinen die Fenster ein, öffnete mit Gewalt die Hausthüre, ohne auch nur im Geringsten von der bewaffneten Macht daran gehindert zu werden, und stürzte die Treppe hinauf. Gleich darauf wurden zahlreiche Möbel und Kleidungsstücke zum Fenster hinaus auf die Straße geschleudert, wo sie vor: den mit Bestien vergleichbaren Uebelthätern vollständig zertrümmert wurden; auch die Geschäftspapiere des Juden, welcher Kaufmann ist, wurden sämmtlich zersetzt. Nachdem man an diesem Hause nur die nackten Wände übrig gelassen, zerstörte mall in derselben Weise noch die Wohnungen einiger jüdischen Modistinnen, dann stürzte der Hause nach dem Landhause des erstgenannten Juden, um auch dieses zu verwüsten. Am Tage nach diesen Vorgängen trafen zur Verstärkung etwa 100 Mann Infanterie und heute ebenfalls weitere Verstärkung ein.