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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-05-22 · Heft 21 (22.5.1891) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 21 (22.5.1891)
Date
1891-05-22
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 ist durch soeben erschienenen Miriisterialerlaß angeordnet worden, daß künftig auch sämmtliche Kirchenräthe, Presbyterialräthe und Syuagogenverwaltungen, sowie Verwaltungskommissionen der kirchlichen Unterrichtsanstalten ihre amtlichen Schriftstücke, Protokolle, Beschlüsse, Verfüguugen, Etats, Rechnungen und Register in deutscher Sprache abzufassen haben. Auch im amtlichen Verkehr mit den Staats- und Gemeindebehörden haben die ein Kultusamt bekleidenden Geistlichen sich dieser Sprache zu bedienen. Oesterreich - Ungarn. * Wien, 15. Mai. Nach dem Muster des in Deutschland bestehenden Vereins konstituirte sich gestern ein „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" in Men unter dem Vorsitz des Industriellen Baron Leitenberger, Professor Nothnagel leitete die Verhandlungen mit einer gegen den Antisemitismus gerichteten Rede ein. Graf Edmund Zichy beantragte schleunige Aufstellung von Statuten und Verfassung eines Aufrufs. Es wurde alsdann ein provisorisches Komitee eingesetzt, in welches Graf Zichy, Gras Hoyos, Leitenberger, Baron Suttner, Eduard Sueß, Professor Nothnagel, Bildhauer Tilgner und Andere gewählt wurden. * Wien, 17. Mai. In der Penzinger Villa des Herzogs von Cumberland fand gestern Nachmittags zu Ehren des dänischen Königspaares ein Diner im engen Familienkreise statt, zu dem nebst der Suite des hohen Paares auch Gemeinderath Frants Djörup, ein gebürtiger Däne, beigezogen worden war. Der König von Dänemark zog Herrn Djörup ins Gespräch, beglückwünschte ihn zu seiner Wahl in den Gemeinderath und gab seiner Befriedigung darüber Ausdruck, daß ein Däne sich in Wien durch eigene Kraft zu einer beachtenswerthen Stellung emporgearbeitet habe. Der König ließ sich dann von Herrn Djörup über kommunale Angelegenheiten und das Parteiwesen im Wiener Gemeinderathe informiren, und als er hörte, daß Antisemiten in den Gemeinderatb gewählt worden seien, äußerte er seine Verwunderung darüber, daß man in Wien selbst wirthschaftliche und administrative Fragen mit antis emitisch en Be-' strebungen verquicke. „In Dänemark," sagte der König, „haben wir Gott sei Dank keinen Antisemitismus, dafür aber ein anderes Nebel, die Sozialdemokratie." Auch der Herzog von Cumberland äußerte sich in ähnlicher Weise gegen antisemitische Bestrebungen. Der König ist bekanntlich der Schwiegervater des Zaren. Rußland. * Petersburg, 11. Mai. Die Hoffnung, als würde der von dem gebildeten Theile Europas — ach nur allzuschwach! — geübte Druck eine mildere Handhabung der Judengefetze zur Folge haben, ist nur kurz gewesen. Täglich kommen neue Schreckensnachrichten, und auch unserer Stadt rückt die Gefahr schnell näher. In Dtoskau sind die Gasthofsbesitzer aufgefordert worden, ihre jüdischen Gäste behufs Austreibung der Polizei anzugeben. Der hiesige Polizeipräfekt Gresser hat Maßregeln getroffen, um zu verhindern, daß die aus Moskau vertriebenen Handwerker hierher kommen. Polizei und Geheimagenten sind strengstens angewiesen, jüdische Flüchtlinge, welche aus Moskau kommen, gefangen zu nehmen und sie zu Fuß in die südlichen Distrikte des jüdischen Ansiedlungsrayons zu transportiren. Die Polizei von Moskau wurde angewiesen, bei Ausstellung von Pässen den Juden speziell einzuschärfen, daß ihnen der Aufenthalt in Moskau und St. Petersburg ausdrücklich untersagt sei. Bankier Günzburg siedelt demnächst nach Paris über. Die Polizei revidirte jüngst die Pässe aller bei ihm Angestellten und wies zwei darauf aus. — Auch aus Astrach an verlautet in den letzten Tagen von Ausweisungen. Wie die halbamtliche „Neue Zeit" berichtet, ist dem Senat eine neue Zwangsmaßregel zur Entscheidung unterbreitet worden, nach welcher die Juden gezwungen werden, im Laufe von sechs Monaten nichtbesiedelte Immobilien, welche ihnen nach dem 3. Mai 1882 durch Erbschaft zugesallen sind, zu verkaufen. Inzwischen fangen die bösen Folgen der Gewaltmaßregeln an, sich auch bereits für Rußland stark bemerkbar zu machen. Unter den ärmeren jetzt ausgewiesenen Juden befinden sich viele Hausirer, welche den Russell fortlaufend deren minderwerthige Waaren zu hohen Preisen abnahmen und stets pünktlich bezahlten. Jetzt fühlen die Russen schmerzlich den Verlust dieser Abnehmer. Auf die Beschickung der Moskauer Ausstellung bleibt der Einfluß gleichfalls nicht aus und dürste die Liebe der Franzosen für Rußland etwas abkühlen. Viele französische Aussteller sind in großer Verlegenheit, weil die jüdischen Spediteure, an welche von Paris Ausstellungsgegenstände gesandt wurden, Moskau verlassen mußten. — Der „Kievlanin" behauptet, daß seit dem Beginn der gegenwärtigen Verfolgungen nicht weniger als 50,000 Juden zur griechischen oder lutherischen Kirche nbergetreten sind (?) und daß ein Handgeld von 15 Rubel jedem Juden ausgefolgt wird, welcher der orthodoxen Kirche sich zuwendet. Ein Brief der „Times", von einem in Moskau lebenden Engländer herrührend, besagt dagegen, daß die griechische und katholische Kirche wohl bereitwillig Konvertiten aufnehmen, daß der Korrespondent jedoch nur von zwei oder drei Fällen von Konversion gehört habe. In einem Moskauer Briefe des „Standard" wird ausgeführt, daß ein förmlicher Exodus der Juden erwartet werde. Schon sei die Synagoge in Petersburg angeblich für 700,000 Rubel verkauft worden, und die Moskauer Synagoge, ein neues Gebäude, das erst vor Kurzem vollendet worden, werde wahrscheinlich von den Tartaren als Moschee erworben werden. Was von diesen Gerüchten wahr ist, läßt sich im Augenblick nicht übersehen; doch verlautet, daß General Gurko, der Generalgouverneur von Warschau, einen außerordentlichen Kredit zur Weiterbeförderung der vielen Tausende nach Polen zusammengeströmter mittelloser Juden in ihre Heimathsorte gefordert habe. — Die jüngste Hiobspost aus Rußland bringt die russische „Moskauer Zeitung", welche erfährt, das Ministerium des Innern hätte die Provinzialbehörden beauftragt, über die Zahl der Juden, die in den Städten Rußlands wohnen, sofort Erhebungen zu veranstalten. Personen jüdischer Konfession, die sich in Widerspruch mit den gesetzlichen Bestimmungen in den Städten aufhalten, sollen unverweilt nach den Orten ihrer Herkunft befördert werden. * Moskau, 8. Mai. Ueber die Art und Weise, wie die Vertreibungen der Juden vor sich gehen, berichtet man: Der kommandirende General des Moskauer Militärbezirks, General Kostanda, welcher zeitweilig die Geschäfte des Generalgouverneurs führt, da der Amtsantritt des Großfürsten Sergius immer wieder aufgeschoben wird, fährt fort, die Juden in der grausamsten Weise auszutreiben und somit das so plötzlich hereingebrochene Elend noch zu steigern. Mittlerweile hat sich in Moskau, ein Komitee gebildet, vornehmlich unter Mitwirkung des bekannten Herrn Polijakow, dessen erste Sorge es war, ein Lagerhaus herzustellen, in welchem die ausgetriebenen Juden ihr Mobiliar zurücklassen könnten, da eine Veräußerung desselben selbst zu Schleuderpreisen unmöglich ist. Viele der Unglücklichen zertrümmerten in ihrem Aerger die besten Stücke ihres Hausgeräths, da dieselben völlig werthlos geworden sind. Der angesehene und in Moskau einheimisch gewordene greise Kaufmann Chischin verstarb plötzlich aus Gram über das hereingebrochene Elend, und an seinem Leichenbegängniß betheiligte sich die ganze Schaar der noch übrig gebliebenen Juden, welche sich gleich darauf zum Verlassen der Stadt anschiüten. Viele der wohlhabenden jüdischen Firmen, welche jetzt sammtlich Moskau verlassen muffen, gedenken sich in den westlich gelegenen Städten niederzulafsen und den Handelsverkehr aus Moskau nach dort zu verlegen. Manche beabsichtigen, nach Palästina auszuwandern, dort Land anzukaufen und sich als Kolonisten niederzulassen. Dies Alles gilt aber nur von den verhältnißmäßig wenigen wohlhabenden Juden in Moskau, der großen Masse derselben aber, darunter Handwerker, Käufleute. Aerzte und die zahlreichen sonstigen Angestellten, steht augenblicklich nur elender Untergang in Aussicht. — In Jekaterinoslaw wurden am Vorabend des jüdischen Osterfestes, das bekanntlich eine Gedenkfeier an den Auszug der Israeliten aus Aegypten unter der Regierung jenes Pharao ist, in Jekaterinoslaw wurden also am Vorabend dieses hohen Festes 92 jüdische Familien aus der Stadt getrieben; man ließ ihnen nichts als das Wenige, was sie auf dem Leibe hatten und — ein Treppenwitz der Weltgeschichte — etwas ungesäuertes Brod und Wein, die Lebensmittel der flüchtenden Israeliten bei ihrem Auszuge aus Egypten. — Hier möge der Allfang eines Privatbriefes aus Moskau folgen, der mehr sagt, als Bücher schildern können. „Mein Sohn! — Du wünschest uns ein glückliches Fest! — Wir haben hier kein Glück und kein Fest; — am Vorabend des Passah wurden wir durch Kosaken aufgehoben urrd Alle, Jung und Alt, Männer und Weiber, aus den Häusern getrieben. Der Pristaw befahl uns, unser Hab und Gut sofort zu verkaufen; wie sollten wir auf der Stelle das möglich macken? — Da wurden einige dreißig Russen zusammengerufen, die uns Alles, was unser war, für wenige Rubel abkauften; — das Geld steckte sich natürlich der Polizeioffizier zur Deckung der Unkosten ein! — Diejenigen von uns. die zu murren wagten, wurden niedergeknutet. — Wir flüchteten nach unserem Friedhof und hofften

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