Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1891)
- Date
- 1891-05-22
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227899--47964-3270457- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4 . Von Nah und Fern. * Die Enthüllung des Denkmals und die Gedächtnißfeier für den im Juli vergangenen Jahres dahingeschiedenen Prediger der Reformgemeinde, Dr. Immanuel Heinrich Ritter, findet, wie uns mitgetheilt wird, Ende dieses Monats statt. — Am Sonntag, den 24. b. M., Vormittags 11 Uhr, wird in Neu-Weißensee die feierliche Einweihung der Taubstummenanstalt des Vereins.Jodide Jlmim stattfinden. — Das Drama „Der Präsident" von Karl Emil Franzos gelangt Ende September im Lessing - Theater zur Aufführung. — In einer Gerichtsverhandlung in Reichenbach i. Schl, kam kürzlich zur Sprache, daß neuerdings an alle Gerichte ein Erlaß ergangen ist, die volle Strenge des Gesetzes walten zu lassen, wo es sich um Verhöhnung und Verspottung des Glaubens sowie um Rohheiten gegen Träger religiöser Aemter handele. —Aus mehreren preußischen Ortschaften kommt die sonderbare Nachricht, daß ein merkwürdiger Zufall gerade die jüdischen Bürger bei der Ausloosung zu Schöffen gegen deren Willen verschone. Auch ans Eisenach und Dresden wird Aehnliches gemeldet. — Der Kassenwart des Dresdener antisemitischen „Reform ver ei ns" ist, kurz nach dem Verkauf seines Cigarrengeschäfts, dem Konkurs verfallen. — Der Rechenschaftsbericht des „Talmud- Thora-Vereins" zu Hannover für die letzten fünf Jahre ist erschienen. Der Verein hat in diesen Jahren bei einer Einnahme von ungefähr 2200 M. jährlich 5 bis 7 Seminaristen unterhalten. Das ist nicht viel. — In Karlsruhe fand am 6. d. M. die Einweihung des neuen Religionsschulhauses statt. Die Herren Rabbiner Dr. Schwach, Dr. Treitel und der Stadtrath Herr A. Bielefeld hielten Ansprachen an die versammelten Festgenofsen und empfahlen in zündenden Worten die Pflege der hebräischen Sprache und der jüdischen Wissenschaft, worauf die Feier durch einen Solo-Vortrag des Herrn Kantor Rubin ihren Abschluß fand. — Der König von Württemberg hat dem Geheimen Kommerzienrath Alexander von Pflaum in Stuttgart den Friedrichsorden I. Klasse verliehen. — In der zu Marbach abgehaltenen Generalversammlung des Schillervereins machte der Vorstand, Herr Stadtschultheiß Haffner, die Mittheilung, daß ein einflußreicher und patriotisch denkender Herr in Stuttgart, der Geheime Kommerzienrath Dr. Kilian Steiner, durch Vermittelung des um Marbach hochverdienten Professors Dr. I. G. Fischer zur Erweiterung der Sammlung von Schiller-Andenken auf den 9. Mai in das Geburtshaus Schillers 13 Originalbriefe von Schillers Schwester Christophine Reinwald gestiftet und dabei die Hoffnung ausgedrückt hat, er möchte recht viele Nachahmer finden, so daß die noch zerstreut vorhandenen Andenken an Schiller und seine Familie — statt an anderen Orten — im Geburtshaus Schillers, als der richtigsten Stätte, zu einer ansehnlichen Sammlung zusammenfließen möchten. — Am 6. d. wurde Herr Professor Dr. Georg Jellinek vom Großherzog von Baden in Karlsruhe empfangen. Se. königl. Hoheit war sehr gnädig und reichte dem Herrn Professor sowohl beim Empfang wie beim Abschied die Hand. — Wie die „Straßburger Neuesten Nachrichten" wissen wollen, hat sich in Straßburg i. Els. ein Antisemitenverein konstituirt. Ob derselbe bei seiner Begründung neben dem üblichen Telegramm an den „Nationalheros der Deutschen" auch ein solches an Boulanger abgeschickt hat, wird leider nicht mitgetheilt. — In Wien hat die Centralsektion für die Volkszählung ihre Arbeiten beendet. Die Gesammtsumme der israelitischen Einwohner beträgt — bei einer Bevölkerungszahl von 1,364,548 Einwohnern überhaupt ~r 118,495. Nach der Volkszählung vom 31. Dezember 1890 gab es in den zehn alten Bezirken bei einer Bevölkerung von 725,658 Personen 73,000 Israeliten. — Der Kaiser von Oesterreich hat, wie amtlich gemeldet wird, dem Direktor der privilegirten Allgemeinen österreichischen Bodenkreditanstalt in Wien Theodor Ritter von Taussig in Anerkennung der von ihm um öffentliche Interessen auf dem Gebiete des Verkehrswesens erworbenen Verdienste den Orden der eisernen Krone zweiter Klasse mit Nachsicht der Taxe verliehen. — Dem in Wien gegründeten Verein zur Abwehr des Antisemitismus traten ferner bei Fürst und Fürstin Metternich, Graf Hans Wilczek, die Schriftstellerin Marie Ebner-Eschenbach und deren Gatte, der Baron Ebner- Eschenbach, wie auch der schlesische Superintendent Haase. Der Letztere schrieb an das Komitee: Jeder Freund der Kultur, der Menschenliebe und der Freiheit müsse eine Geistesrichtung bekämpfen, die der Barbarei entgegentreibe und die schamlos genug sei , mit ihrer Gemeinheit auf den öffentlichen Markt zu treten. — Schönerer wollte in Oberhang eine von ihm einberufene Versammlung trotz des Verbotes der Behörden abhalten, weshalb das Lokal durch Gendarmen geräumt werden mußte. — Der Führer der Anti semiten in Mährisch-Neustadt, Kaufmann Alois Ferbus, der im März des Vorjahres wegen Wuchers mit einem Monat strengen Arrestes bestraft wurde, stand fünf Monate später abermals vor dem Kreisgericht in Olmütz unter der Anklage des Verbrechens des Betruges, begangen durch Ablegung eines falschen Eides, und wurde hier zu schweren! Kerker in der Dauer von zwei Monaten verurtheilt. Seine gegen dieses Uriheil überreichte Nichtigkeitsbeschwerde wurde nunmehr vom obersten Gerichtshof verworfen; dagegen erhöhte das Oberlandesgericht auf Berufung der Staatsanwalt die Strafe auf fünf Monate schweren Kerkers, verschärft mit einem Fasttage alle 14 Tage. — Der Schriftsteller und Professor an der Budapester höheren Staats-Mädchenschule Dr. Sigmund Sonnenfeld hat dieser Tage den Vertrag unterschrieben, laut welchem er die Stelle eines Generalsekretärs des Barons Hirsch übernimmt, welche vor ihm der vor einem Jahre verstorbene Veneziani bekleidet hat. Dr. Sonnenfeld wird demzufolge sammt seiner Familie nach Paris übersiedelu. Das soziale Leben Budapests verliert in Herrrn Sonnenfeld eines seiner hervorragenden Mitglieder. — Rumänien hat einen seiner hervorragendsten Staatsmänner verloren. Joan Bratianu, der „rumänische Bismarck", dessen Hinscheiden stündlich zu erwarten war, ist gestorben. Mit ihm ist einer der erbittertsten Judenhasser in Rumänien aus dem Leben geschieden. — Herr David B l e ß i n A m st e r d a m, der wohlbekannte Maler, vollendet im September sein 70. Lebensjahr. Aus diesem Anlässe gedenken seine Verehrer diesen Tag durch Schenkung einer Marmorbüste des Jubilars an die National- Galerie festlich zu begehen. — Der Boulangist Laur wird am Donnerstag die französische Regierung interpelliren und die Ausweisung der Mitglieder des Bankhauses Rothschild verlangen. Er wird diese Interpellation damit begründen, daß die. Familie Rothschild durch die Ablehnung der Uebernahme der russischen Anleihe die freundschaftlichen Beziehungen Frankreichs zu Rußlands gefährdet habe. — Als Kandidaten für den erledigten Oberrabbinerposten in Brüssel werden genannt die Herren Rabbiner Aron-Luneville, Bloch-Toul, Hermann-Rheims, Kahn-Mmes, Levy-Verdun, Levy-Weißenburg, Meyer-Valenciennes und Cahen-Lille. Die Wahl findet bekanntlich durch allgemeine Stimmabgabe der Brüsseler Gemeindemitglieder und der Delegirten der auswärtigen Gemeinden statt. — Herr Lydery de Stern, Sohn des bekannten Barons und Finanzmannes, ist zum Mitglied des englischen Parlaments gewählt worden. — Die „Moskauer Zeitung" erfährt, das russische Ministerium des Innern hätte die Provinzialbehörden beauftragt, über die Zahl der Juden, die in den Städten Rußlands wohnen, sofort Erhebungen zu veranstalten. Personen jüdischer Konfession, die sich in Widerspruch mit den gesetzlichen Bestimmungen in den Städten aufhalten, sollen unverweilt nach den Orten ihrer Herkunft befördert werden. — In Moskau stehen in Folge der Judenausweisungen mehrere lausend Wohnungen leer, und mehrere tausend kleine Geschäfte haben liquidiren müssen. Nunmehr kann der neue Generalgouverneur Großfürst Sergius seinen feierlichen Einzug in Moskau halten. — Der „Commercio do Porto" erhält aus Bueuos-Ayres unterm 7. Mai folgende Meldung: Ein von 5000 Personen besuchtes Meeting erklärte die Errichtung der vom Baron Hirsch geplanten Judenkolonien auf argentinischem Boden für unzulässig, da ein Staatsgesetz von 1852 die gleichzeitige Ansiedelung von mehr als 100 Familien derselben Nationalität in Kolonien verbiete. Die Versammlung entsandte eine Abordnung an den General Mitre, welcher seine Zustimmung zu der Resolution aussprach. — Dienstag, den 17. Februar d. I., fand die feierliche Eröffnung der Centralbibliothek für die palästinensischen Kolonien und Jaffa statt. Sie trägt den Namen des verstorbenen Leon Lew an da, die hebräische Abtheilung den des berühmten Peter Smolensky. —Fräulein Susie S. Salomon, Tochter des Herrn M. I. Salomon, Präsident der jüdischen Gemeinde in Adelaide, hat von der dortigen Universität das Baccalaureat für Physiologie erhalten. Sie ist die erste Jüdin, welche in Süd-Australien diese Würde erhielt. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. y Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.