Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1891)
- Date
- 1891-05-22
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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55. Jahrgang. Ur. 21. Ö t £♦ «Berlin, 22. Mar 1891 Weitcrge gur „Attgemsinen Zeitung des ZuöenLhurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutsch Innd. X Berlin, 19. Mai. Die Ausweisung der Juden aus Rußland Hai eine ganz bedeutende Auswanderung nach Amerika zur Folge, und man sieht fast täglich eine große Allzahl solcher Heimathlosen hier eintreffen. Die meisten von ihnen langen in einem geradezu trostlosen Zustand in CharlottenLurg an, von wo sie durch ben „Norddeutschen Lloyd" nach Bremerhaven befördert werden. Es fehlt fast durchgehends an dem Allernothwendigsten. und es hat sich daher ein Hilfskomitee gebildet, welches für jene Unglücklichen Unterstützungen an Geld, Kleidungsstücken und Lebensmitteln entgegen nimmt. Etwaige Zuwendungen nimmt Herr Georg Isaak, Berliner Straße 110, zu Eharlotteuburg entgegen. Wir bitten unsere Leser recht herzlich, für diesen wahrhaft humanen Zweck nach Kräften wirken zu wollen. Eine besonders günstige Gelegenheit dürfte sich für den 26. Mai (Lag beomer) bieten, wo ja so viele jüdische Hochzeiten sind. Möge überall bei diesen freudigen Anlässen in werktätiger Liebe der unglücklichen Glaubensbrüder in Rußland gedacht werden! 2! Berlin, 18. März. Herr Dr. W. Klemperer, Rabbiner der jüdischen Gemeinde 311 Bromberg, ist zum Prediger der hiesigen Reformgemeinde gewählt worden. Herr Dr. K. hat die Wahl bereits angenommen und dürfte fein Amt schon am 1. Juli antreten. * Berlin, 12. Mai. Am 9. d. M. starb hier der Sanitätsrath Dr. Samuel Jacobsthal. Derselbe war einer der unglücklichen Burschenschafter, die in den dreißiger Jahren ihre Zugehörigkeit zur Burschenschaft mit einer schweren Freiheitsstrafe büßen mußten. Jacobsthal war Mitglied der Halleschen Burschenschaft gewesen. Er kam im Vergleich zu andern noch mit einer gelinden Strafe davon; seine Haftzeit betrug nur ein Jahr, vom Sommer 1837 bis 1838, während der er in Naumburg internirt war. Die Strafe traf ihn gerade, als er mit seinen akademischen Studien zu Ende gekommen war, und war für ihn um so herber, weil er nur mit vieler Mühe die Mittel zum Universitätsfache aufgebracht hatte. Schon zur Reifeprüfung hatte er sich mit Umgehung des Gymnasiums durch privaten und Selbstunterricht vorbereiten müssen. Seine medizinischen Studien machte Jacobsthal ausschließlich in Halle, wo er den berühmten, ganz eigenartigen Kliniker, Peter Krukenberg, den Physiker Schweigger, der pietistische Neigung mit streng wissenschaftlicher Forschungsweise verband, den Botaniker Schlechtendahl, den Frauenarzt Niemeher zu Lehrern hatte. Im Winterhalbjahr 1838, nach der Rückkehr aus der Haft, erwarb er in Halle durch eine Abhandlung über die Gelbsucht den Doktortitel. Im Jahre darauf legte er die Staatsprüfung ab. Dr. Jacobsthal ist 77 Jahre alt geworden. Er stammte aus Friedeberg in der Neumark. * Berlin, 20. Mai. Am 24. Mai feiert der Oberrabbiner 311 Kopenhagen, Professor Dr. Abraham Alexander Wolfs, seinen neunzigsten Geburtstag. Es wird unseren Lesern von Interesse sein, zu erfahren, daß der genannte greise Herr ein geborener Darmstädter ist und daß er jetzt bereits zweiundsechzig Jahre seines gegenwärtigen! Amtes waltet, vorher schon drei Jahre lang Rabbiner von Oberhessen war. Dr. Abraham Alexander Wolff war einer der ersten Rabbiner, die in deutscher Sprache predigten. Am 6. August d. I. wird Professor Wolff sein siebzigjähriges Doktor-Jubiläum feiern. Dr. Wolff hat einen weiverbreiteten Ruf als Gelehrter, wie als Prediger. Die Zahl seiner im Druck erschienenen und vielfach in mehreren Sprachen übersetzten Werke beläuft sich auf mehr denn hundert. Professor Wolff erfreut sich außerordentlicher körperlicher Rüstigkeit und unverminderter geistiger Frische. Für den bevorstehenden Geburtstag werden, wie uns mitgetheit wird, aus Nah und Fern große Huldigungen und Aufmerksamkeiten vorbereitet. Wir wünschen dem verehrten Manne, der auch einer der ältesten Mitarbeiter dieses Blattes ist, noch lange Jahre voll Gesundheit und geistiger Frische und senden ihm zu seinem Ehrentage die herzlichsten Glückwünsche. * Berlin, 17. Mai. Das Stöcker'sche „Volk" behauptete dieser Tage, die Beseitigung der den Juden ungünstigen Stellen aus den älteren Schriften Moltke's über Polen sei bei dem Wiederabdruck derselben in der Zeitschrift: „Vom Fels zum Meer" durch die Redaktion derselben, d. h. durch den jüdischen Professor Kürschner auf eigene Faust und ohne vorherige Erlaubniß erfolgt. Hierzu wird der „Liberalen Korresp." von kompetenter Seite geschrieben: „Die Notiz ist falsch. Moltke hat jene Stellen selbst gestrichen. Kürschner, der geborener Christ aus uralter protestantischer Familie ist, wollte im Gegentheil den Artikel unverkürzt bringen." Wie man übrigens über beu Standpunkt des genannten Blattes in Kreisen, welche nichts weniger als „verjudet" sind, denkt, davon liefert folgender Theil einer jüngst im preußischen Herrenhause stattgehabten Debatte den Beweis. Graf Schulenburg-Beetzendorf warf dem „Volk", welches er ein „sozialkonservatives Blatt" nannte, vor, es habe gegen Schulenburg, Dohna rc. eine „Denunziation an höchster Stelle" versucht. Graf Mirbach äußerte: „Ich empfehle Ihnen das kleine Blatt, das mindestens mit einem Fuß auf sozialdemokratischem Boden steht, das „Volk" zur erheiternden Lektüre." Und Und Fürst v. Hatzfeldt sprach gar unter Bezugnahme auf das „Volk", wie dieses selbst eingesteht, von einer Presse, „die zwar noch immer unter konservativer Flagge, aber längst im anarchistischen Fahrwasser segelt." * Berlin, 19. Mai. Während die ganze gebildete Welt einig ist in ihrem Bedauern über die gräßlichen In den morde auf Corfu, giebt die „Neue Preußische (Krenz)-Zeitung" ein Beispiel von „Sittenverrohung", wie es selbst in der erbittertsten Zeit der Antisemitenbewegung in Deutschland nicht vorgekommen ist. In ihrem blinden Judenhaß verschmäht sie selbst die bewußte Lüge nicht, um ihren Corfuer Helfershelfern einen Schein von Recht zu verschaffen. Das Blatt, welches noch immer ben Muth hat, ein religiöses Zeichen au der Spitze zu tragen, läßt sich „von besonderer Seite" folgendes „Telegramm zur Verfügung stellen, welches „augenscheinlich auf amtliche Quellen zurückzuführen ist": „Athen, 13. Mai. Die diplomatischeil Vertreter Englands, Frankreichs, Italiens itnb Oesterreichs machten in vertraulicher Form dem Ministerpräsidenten Delyanuis Vorstellungen betreffs der Judenkrawalle auf Corfu. Herr Delyannis erwiederte, die amtliche Untersuchung sei auf gewisse Momente gestoßen, welche der Annahme der christlichen Bevölkerung hinsichtlich des rituellen MordesVorschub zu teiften geeignet seien. Die Regierung sei deshalb bestrebt, entgegen dem Willen des Volkes, die Eröffnung der Prozeßverhandlungen gegen die des Mordes beschuldigten Juden hinauszuschieben, damit diese die Zeit gewännen, die erforderlichen Beweise für ihre Unschuld zu erbringen. Andererseits aber fühle sich die griechische Regierung stark genug, um das Leben und das Ekgenthum der Juden auf den Jonischen Inseln durch militärische Maßnahmen zu schützen." - Unmittelbar hieran schließt die „Kreuz-Ztg." die Folgerung, „daß die amtlich e Untersuchung den Beweis für den rituellen Mord ergeben hat." Das offiziöse Wiener „Fremdenblatt" versichert nun auf's Bestimmteste, daß die Meldung der „Kreuz-Zeitung" über angebliche Aeußerungen des Ministers Delyannis, betreffend die gegen die Inden i auf Corfu wegen rituellen Mordes ausgesprochene Verdächtigung, vollständig erfunden ist. — Die „Kreuz-Zeitung" hat damit auf's Neue einen Beleg für unsere ost gethaue Behauptung erbracht, daß es jedem Menschen von normalem sittlichen Bewußtsein nur zur Ehre gereichen kann, von ihr bekämpft zu werden. Ein aus Corfu in Triest eingelausenes Telegramm meldet, daß die unter dem Volke massenhaft vertheilten, gegen die Juden aufreizenden Bilder deutschen Text tragen. Bisher war man gewohnt, in solchen Füllen die intellektuelle Urheberschaft bei den österreichischen Antisemiten zu suchen. Die neuerlichen Auslassungen der „Kreuz-Zeitung" lassen leider erkennen, daß es auch in Deutschland Elemente giebt, die sich jenen ebenbürtig an die Seite stellen. * Stratzburg i. E., 15. Mai. Nachdem bei den staatlichen nnb Gemeindebehörden das Gesetz vom 31. März 1872 über die amtliche Geschä stssprach e längst eingeführt ist und sich praktisch bewährt hat, ~\