Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1891)
- Date
- 1891-05-22
- Page
- Seite 252 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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252 erdrosselt worden sei, und daß man hier den Raubmörder ergriffen habe. Johann von Töven sollte nun eben zum Galgen geführt werden, als er nach einem Geistlichen begehrte, um diesem ein aufrichtiges Bekenntniß abzulegen. Man führte ihm einen Geistlichen zu, und er sagte vor diesem Folgendes aus: „Ich bin kein Mörder; doch fühle ich meine Seele nach einer anderen Seite von einem schrecklichen Verbrechen belastet, von dem mich nur die heilige Kirche freisprechen kann. Die sechzig Goldschafe rühren wirklich von Jonathas von Enghien her, doch habe ich sie ihm nicht geraubt, ich habe sie von ihm als Sold einer schnöden Thal erhalten. Wenn er inzwischen umgekommen, wovon ich bis zur Stunde der Verhaftung nichts wußte, so ist das die sichtbare Hand Gottes. „Es war in der Nacht des 1. Oktober 1369, als der reiche Jonathas, der die Christen und ihren heiligen Glauben verabscheute, an meine Thür pochte und in meine Stube trat. Er schien auf dem Heimweg vom Markte und überreichte mir einen Sack voll Pariser Sols mit den Worten: „Das ist das Handgeld für ein Geschäft, das wir mit einander machen wollen." Ich antwortete, daß ich eine Stube voll hungriger Kinder habe und seiner Befehle gewärtig sei. „Ich möchte," begann nun Jonathas, „ein paar Hostien haben, die von den Priestern der Christen geweiht sind. Ich möchte ihre Kraft erproben. Du wohnst hier in der Nähe einer Kirche, deren Fenster mir nicht besonders verwahrt scheinen." Ich warf ein, daß dies Kirchenraub der ärgsten Sorte sei, er dagegen bot Geld, immer mehr und mehr, erst fünf Goldschafe, dann zehn, und als ich noch immer mich sträubte, schließlich sechzig. Das funkelte so verführerisch, ich willigte ein, die Sache wurde ins Reine gebracht; die Summe sollte in die Hand des Rabbiners gelegt werden und ich, Johann von Töven, sie erhalten, wenn ich die Hostien bringe. In derselben Nacht, welche stockfinster war, stieg ich mit einer Leiter in die Katharinenkapelle ein, holte das Ciborium heraus, das noch heute vermißt wird, brachte Alles dem Rabbiner und erhielt dafür die sechzig Goldschafe, die man bei mir gefunden." Nun hatte man Alles beisammen, was man wollte. Jonathas von Enghien, der sich nicht mehr verantworten konnte, war der erste Urheber aller Greuel. Er war nicht erdrosselt und beraubt worden, es wurde angenommen, der Böse habe ihn geholt. Mehrere Lente hatten um dieselbe Stunde eine feurige Gestalt mit einer anderen schwarzen durch die Lüfte fahren sehen. Umsonst bctheuerte der Rabbiner, der die sechzig Goldschafe ausgezahlt haben sollte, seine Unschuld, die Juden galten nun als der That überwiesen. Der reuige Sünder dagegen wurde auf Fürbitte der Geistlichen «bsolvirt und in Freiheit gesetzt. Am ärgsten gravirt erschienen Jene, die eingestandenermaßen um den Tisch im Vorzimmer der Synagoge gesessen, vor Allen Samuel, der mit dem Meffer in der Hand gesehen worden war7 sodann die drei Aeltesten und der Rabbiner Ephraim, der Johann von Töven den Sündenlohn ausgezahlt haben sollte. Von einer unendlichen Menschenmenge begleitet, welche sie mit Beschimpfungen überhäufte und mit Koth bewarf, wurden die drei Unglücklichen am 22. Mai 1370, als am Vorabend des Himmelfahrtsfestes, auf einem Karren durch die Stadt geführt und, nachdem ihnen der Henker mit glühenden Zangen das Fleisch heruntergeriffen, lebendig verbrannt auf der Wollenwiese zwischen dem Thor von Hall und dem von Namur. Ihre Kinder hatte man gezwungen, dem entsetzlichen Schauspiel beizuwohnen; hierauf wurden sie getauft. Die Köpfe der drei Unglücklichen waren noch lange nachher vor dem Versammlungshause der Juden aufgepflanzt zu sehen, was der Rue des trois tfetes ihren Namen gab. Einige Schritte vom Scheiterhaufen pflanzte man zur Erinnerung an diesen Akt der Justiz einen Baum, deffen Stamm bald abstarb, aber, wie bereits gesagt, nahe' dem Boden drei starke Aeste trieb, jedenfalls als Anspielung auf die drei Judm. Er war noch zu Anfang dieses Jahrhunderts im Garten des Herzogs von Arenberg zu sehen. So waren denn die Juden gerichtet, die Hostien wieder da; der Klerus konnte zufrieden sein. Die geretteten Hostien waren unter Begleitung vieler tausend Menschen wieder in die Kirche gebracht worden und wurden an ihrer vorigen Stätte niedergelegt. Ein großer Ablaß wurde allen Sündern verkündet, welche da ihre Andacht verrichten würden, und gegen 50,000 Menschen fanden sich täglich ein. Ein Fest wurde zur Erinnerung unter dem Namen des Saint Sacrament du miracle eingesetzt, es ist der Ursprung der großen Brüsseler Kirmeß, welche am Sonntag nach dem 15. Juli gefeiert wird, ein sehr lustiges Fest, aus grausiger Veranlaffung erwachsen. Das ist die Geschichte von den gepeinigten und wieder geretteten Hostien von Brüffel, eines der frappantesten Beispiele der Barbarei und des Glaubenshasses jener Zeit. Doch es steht keineswegs vereinzelt da. Es wiederholten sich ähnliche Wunder noch öfter, so oft man sie nur brauchte. So, als der König Sigismund von Polen sein Volk bewegen wollte, von der Kommunion unter beiden Gestalten abzugehen, mußten Juden Hostien durchstochen haben, „wobei soviel Blut herausfloß, daß man ein Glas hätte füllen können", wodurch klar bewiesen, daß, wer die Hostie empfange, des Kelches nicht mehr bedürfe. Wieder stand der Reisende, nachdem er sich diese Geschichte vergegenwärtigt hatte, in der ungeheuren Halle mit den gothischen Bogen und sah hinauf zu den juwelenglänzenden Fenstern, deren Farbenhieroglyphik den Kommentar dazu liefert und durch welche nunmehr die Sonne brach, die goldene Sonne, die allein dafür bürgt, daß auf Finsterniß Licht, auf Geistesnacht auch ein Geistcsmorgen folgen müsse! A. M. 9 i'ittmmfdjr Mittheilungrn. ----- Dr. S. Maybaum: Die vier Kelche. Predigt für den zweiten Tag Pessach, gehalten in der Kaiserstraßen-Synagoge. Berlin 1891. Diese Predigt des berühmten Kanzelredners ist von Mitgliedern der hiesigen Gemeinde dem Druck übergeben worden in der Uederzeugung, dag das geschriebene Wort in weitern Kreisen dieselbe Begeisterung erwecken werde, deren das gesprochene in seinem Kreise sich zu erfreuen hatte. Diese Hoffnung ist sicher eine vollberechtigte. Die Lektüre der Festpredigt, welche die vier Kelche mit den vier Lebensaltern vergleicht, ist wahrhaft genußreich durch die künstlerische Abrundung in Inhalt und Form, im Stoff wie in der Darstellung. ----- Dr. S. Gelbhaus: Festrede zur 50jährigen Jubelfeier des israelitischen Nächstenliebe-Vereins in Prag. Prag 1891. Man braucht kein Liebhaber von Gelegenheitsreden zu sein, um dieser sehr gut disponirten und vortrefflich ausgeführten Predigt vollen Geschmack abgewonnen zu haben. Der Autor hat es verstanden, seinem Thema, wie schwer das auch erscheinen mag, doch noch eine neue Seite übzugewinnen. Die Geschichte des Nächstenliebe-Vereins ist mit Geschick in die Predigt verwebt, die in gehobener Sprache und mit warmem Empfinden das Hochgefühl der Humanität feiert. Truck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin Verantwortlich für du Redaktion: Max Bauchwij; in Berlin.