Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1891)
- Date
- 1891-05-22
- Page
- Seite 251 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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was könnten wir mit Iden Scheiben anfangen, wie könnte es uns einfallen, sie peinigen zu wollen? Was aber nun den vorliegenden Fall betrifft, so haben wir es hier nicht etwa, wie man zuerst glauben möchte, mit der Aussage einer Irrsinnigen, sondern mit einer schauderhaften Verleumdung, eine.Ausgeburt äußerster Verruchtheit zu thun. Dennoch ist ein Anlaß dazu gegeben und mit diesem verhält es sich folgendermaßen: Zu ebener Erde in unserer Synagoge ist eine niedere Stube, in welcher wir unsere Gemeindeangelegenheiten besorgen. Cs steht ein großer Tisch aus Lindenholz in der Mitte, auf diesem pflegen zu liegen allerhand Bücher und Schriften, die sich auf die Gemeinden beziehen, auch ein Schreibzeug steht da und das Siegel, dessen wir bedürfen. Am Nachmittag des 20. April, Eures Aprils, Eures Charfreitags, von dem wir in unserer Stadt kaum etwas wußten, begaben wir Aeltesten uns, da es noch hell war, in das Gelaß in Angelegenheiten der Gemeinde. Ein Brief sollte nach Köln geschrieben werden und eine Rolle von dreißig Goldstücken damit abgehen, zur Unterstützung der dortigen Gemeinde, die große Verluste erlitten. Die drei Aeltesten hatten am Tische Platz genommen, Rabbe Zevi hatte die Feder ergriffen und setzte eben zum Schreiben an, Rabbi Ephraim war daran, die Rolle zu verwahren. Vier andere Männer standen hinter der Lehne der Stühle und sprachen Gleichgiltiges miteinander. Plötzlich giebt's ein starkes Geräusch gerade über den Köpfen und zugleich fällt etwas mitten auf den Tisch, zum Theil auf das Papier des Schreibers. Es ist Kalk, Maueranwurf von der Decke und ein ganzes Nest junger Fledermäuse, das zappelt und quäkt, und Alle fahren überrascht erschrocken zurück, die Kurzsichtigen fragen, was das ist, Andere rufen laut und fahren nach ihren Haaren, aber schon ist die Alte da, fast knapp an unfern Ohren herum, um nach den Jungen zu sehen. Uns ekelt vor der Brut, Samuel aber, der hier steht, zieht sein Messer hervor und will die Alte an den Tisch nageln. Es gelingt ihm, aber schon hat sie den Flügel wieder losgerissen, fegt umher und Sanmel sticht wieder und tödtet das Thier. Und nun lachen wir Alle, daß wir so erschrecken kannten und Einer öffnet die Thür, um den Unrath;u entfernen, sammt den Kalk, die Spinnweben und den Mörtel. Doch siehe, der Sabbath hat bereits begonnen, die Sonne ist unter, wir dürfen nichts mehr verrichten. Da sieht Samuel, der noch das Meffer in der Hand hat, das etwas blutig sein mochte, die getaufte Jüdin Katharina vorübergehen und ruft sie herein, den Tisch zu reinigen, weil bald Leute zum Abendgottesdienst kommen werden. Sie hört, was geschehen, sieht auch die Fledermäuse, alte wie junge, wundert sich, nimmt Alles in ihre Schürze und wirft es hinaus. Wir lohnen sie ab und sie geht ihrer Wege. Und da wir nun wieder nach den Papieren sehen, ist das Tintenfaß umgeworfen, das Blatt besudelt und von den drei Rollen Goldstücken, je zu zehn, ist nur noch eine da, die Verleumderin hat uns bestohlen und deckt nun ihre That durch solche greuliche Angabe." „Aber wie erklärt Ihr," fragte der Vorsitzende, „daß die Hostien wieder da sind?" „Sie können nicht da sein, da wir sie nie beseffen haben!" riefen die Juden betheuernd, alle zugleich. „Möglich, daß einige Krumen vom Osterbrode auf unserem Tische 'gelegen, möglich ein paar Ueberbleibsel von Eierschalen, die wir bei einem Sterbenden gebraucht — sonst war nichts Weißes da, nichts, was einer runden Scheibe von Weizenmehl ähnlich gesehen haben kann. Wir betheuern unsere Unschuld, die Unschuld unseres unglücklichen Volkes. Wir rufen Eure Gerechtigkeit und die des Herrn Herzogs an, für uns, die ungerecht Verfolgung erleiden, für unsere Wittwen und Waisen!" Also die Juden. Doch ihre Vertheidigung war schüchtern und griff nicht weit genug. Hätte die Furcht nicht ihre Zunge gefeffelt, sie hätten weitergehen und Folgendes sagen können: „Die Hostien sind jetzt — angeblich — da, weil sie da sein sollten, weil Ihr einen Anlaß braucht, gegen uns vorzugehen. Allenthalben wiederholt sich dieselbe vermeintliche Unthat und daffelbe vermeintliche Wunder! Warum? Weil Eure Priester dessen bedürfen. Solange Euch die Hostie nur ein Symbol war, habt Ihr uns nie vorgeworfcn, eine gestohlen zu haben. Nun aber — seit einigen Jahrzehnten — ist Euch das Abendmahl keine Gedächtnißfeier mehr, wie sie es nach Christi Anordnung und der ausdrücklichen Versicherung der Apostel sein sollte. Jnnocenz III. hat das Dogma aufgestellt, daß der Priester das Brod in wirkliches Fleisch verwandle. Ihr habt die Lehre vom Meßopfer ausgestellt und verlangt den Glauben an die leibliche Gegenwart. Ihr habt ein Gedächtnißfest mit neuen magischen Schauern umgeben und in den substantiellen Genuß von Fleisch und Brod verwandelt: die Hostie hat ihren früheren sinnbildlichen Charakter verloren und einen stofflichen erhalten. Ihr seid aber auch noch weiter gegangen und habt eine neue Lehre geschaffen, die Ihr die Lehre von der Konkomitanz nennt: das Blut soll beim Fleische sein. Daher muß sich das Wunder von Bolsena ereignen, daher müffen wir eines Frevels beschuldigt werden, bei dem sich erweist: das Blut sei wirklich beim Fleische. ..." Jndeß war es doch wirklich dämonisch, wie eine Zufälligkeit Anlaß gegeben, gegen die Juden vorzugehen. Ein seltsames Zusammentreffen von Umständen hat im Kopfe eines unwissenden Weibes erst Bedenken erzeugt, dann Schauer, wirre Bilder, einen scheußlichen Verdacht. Diesen hat sie ihrem Beichtiger mitgetheilt, und dieser hatte ihn furchtbar auszunutzen verstanden. Während hier das Gericht zusammensaß, hatte das Volk den Zugang zu den Judentreppen erstürmt. Räuberische Horden brachen In die kleinen schwarzen Häuser, eilten die engen Stiegen hinauf, erbrachen Koffer und Spind, trugen Geld und was irgend Werth zu haben schien, davon, zerstörten das Urbild. Von früh bis in die Nacht dauerte das Treiben, der angerichtete Schaden war ungeheuer. Die alte getaufte Jüdin Katharina sollte indeß mit den Angeklagten konfrontirt werden. Mehr um sie zu schützen, als aus anderen Gründen, hatte man sie gleichfalls in die Veste am Steenport gebracht. Aber als man sieabholen wollte, fand man sie todt: sie hatte sich erhängt. Die Geschichte schien jeder Klärung fern, aber sie sollte nicht ruhen. Einige Monate vorher war ein reicher Jude, Jonathas von Enghien, ein in seiner Gemeinde hochangesehener Mann, auf räthselhafte Art ums Leben gekommen. Er war in Brüssel gewesen, hatte bei einem Handel zweiundsechzig „Goldschafe" eingenommen und diese Summe in Anbetracht der herrschenden Unsicherheit nicht in seinem Hause verwahren, sondern in seinem Garten vergraben wollen. Bei dieser Arbeit hatte ihn der Tod ereilt. Sein Weib erwartete ihn vergeblich zurück und fand ihn schließlich leblos, mit dunkelrothem, aufgeschwollenem Gesicht, die Schaufel neben sich, bei der Hecke liegen. Man nahm an, daß ihn der Schlag getroffen, doch war es höchst auffällig, daß man von den Goldschafen, die er hatte vergraben wollen, nur zwei im Erdreich fand; die übrigen sechzig waren verschwunden. Bald darauf wurde in Brüssel ein Mensch, der mehrere Goldschafe hatte wechseln wollen, angehalten, weil man sich bei ihm des Besitzes einer solchen Summe nicht versehen durfte. Es war ein getaufter Jude, Johann von Töven genannt. Man durchsuchte seine Taschen und fand in Allem sechzig Goldstücke bei ihm. Eins davon war genau gekennzeichnet, und es stellte sich heraus, daß es dem Jonathas von Enghien am Kauftage ausgezahlt worden war. Sogleich stand fest, daß Jonathas nicht vom Schlage getroffen, sondern