Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1891)
- Date
- 1891-05-22
- Page
- Seite 250 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227899--47958-3270451- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Juden, eilt Ereigniß, das sich im „grauen Alterthum" hierorts zugetragen. Zur Erinnerung daran hat auch diese Kapelle ihren Namen. Ein paar Bilder, welche Sie in den Seitenschiffen des Doms finden werden, beziehen sich gleichfalls auf die Vorgänge; andere hat der Herr Erzbischof wegschaffen laffen. Der Reisende fing an zu kombiniren. Den Abend zuvor, als er im Garten des Herzogs von Arenberg herumgegangen, war ihm gesagt worden: „Hier, wo Sie jetzt sind, war einst ein merkwürdiges Naturspiel zu sehen, der sogenannte Dreijudenbaum. Ein Baum — ich glaube eine Linde — war ganz nahe am Boden in drei gleich starke Stämme auseinandergegangen — zur Erinnerung an die drei Aeltesten der Judenschaft, die auf derselben Stelle hingerichtet worden sind. Wir, soweit wir auch zurücksehen, haben den Baum nur als halbzerstörten Stumpf gekannt, vor einigen Jahren ist er ganz abgestorben und an der Stelle ist nun der Brunnen da." Standen beide Dinge miteinander in irgend welchem Zusammenhänge? Der Reisende, zur Klaffe der Neugierigen und Inquisitorischen gehörig, begab sich, da ihm weiter keine Erklärung gegeben wurde, auf die Stadtbibliothek, ließ sich mehrere Stadtchroniken hervorlangen, und aus einer sorgfältigen Vergleichung ergab sich ihm die folgende Geschichte, in welcher sich allerdings ein seltsames Konvolut von Greueln und Schrecken aufthut: Es war in der ersten Dämmerung eines Oktobertages des Jahres 1369, als der Pater von der Heede, Pfarrer zu St. Katharina, da er zur Frühmeffe eilte, gewahr wurde, daß ein arger Frevel verübt worden sei. Ein Fenster der Kapelle war eingedrückt, das Tabernakel erbrochen und das Ciborium entwendet. Der Dieb war offenbar während der stockfinstern Nacht eingestiegen. Näheres erfuhr man nicht. Es war aber keineswegs der Werth des Gefäßes, den man beklagte. Dieser war sehr gering, und dies eben gab der Sache den geheimnißvollen Charakter: es schien den Dieben nur um die Hostien selbst zu thun gewesen zu sein. Das Gefäß hatte deren fünfzehn kleine und neun große enthalten. Die Phantasie stieg sogleich aus ihrem finstersten Abgrund herauf und dichtete ihre seltsamen Vermuthungen. Ob Jemand die Hostien zu Zwecken der Hexerei und schwarzen Kunst geraubt? Ob nicht gar Juden die Räuber gewesen, um ihren Haß am Leibe Christi auszulassen? Von Deutschland her kamen schaurige Geschichten. In Regensburg hatten zwei alte Weiber, welche vom Charfreitag auf Charsonnabend 1299 beim heiligen Grabe gewacht, zwei große Monde über dem Hause eines Juden stehen sehen. Sie waren zum Pfarrer gelaufen und hatten ihm die Kunde davon gebracht. Man brach ins Haus des Juden. Wirklich, er hatte eine Hostie gestohlen. Zuerst hatte er sie durchstechen wollen, da floß Blut heraus und ein Schrei ließ sich hören, wie von einem Kinde, das man tobten will. Da hatte sie der Unhold in einem Mörser zerstampfen wollen. Vergebliche Mühe! Darauf hatte er sie vergraben, aber sie ließ sich nicht halten, sie stieg in den Himmel hinauf und stand in Gestalt zweier Halbmonde über dem Hause. Ein allgemeiner Judenmord war natürlich die Folge dieser Versuche gewesen, die Schätze der Judenschaft wurden voni wüthende» Pöbel theils weggetragen, theils ins Feuer geworfen. So hatte sich's in Regensburg zugetragen. Hier dagegen ließen sich keine solche Zeichen sehen, ein halbes Jahr verging, ohne daß man über die Vorgänge in der Oktobernacht etwas Aufklärendes erfuhr. Und doch sollte die Sache nicht auf sich beruhen. Im April 1370 kam der fromme Pater von der Heede zu seinem Vorgesetzten und machte unter dem Zeichen äußerster Bestürzung folgende Angaben: Ein Weib, Namens Katharina, eine getaufte Jüdin, habe ihm die aus dem Tabernakel der Katharinakapelle entwendeten Hostien übergeben — er wies sie vor — und habe ihm dabei Folgendes gestanden. Diese Hostien seien wirklich bisher im Besitz der Juden gewesen. Am 12. April, als am Charfreitag, hätten sie sich in ihrer Synagoge versammelt und die Hostien auf den Tisch geworfen, um den sie saßen. Eine Zeitlang hätten sie damit sündigen Muthwillen getrieben, bis Einer sein Taschenmesser herausgezotzen, um, wie er gesagt habe, Christum zum zweiten Male zu tödten. Da rief Alles durcheinander, der und jener schaute weg, der Ruchlose aber stach hin, und sogleich schoß Blut hervor, daß ihm es frisch über's Gesicht lief. Da wären die Einen entsetzt davon gelaufen, Andere wären geblieben, hätten sich aber dem Tische, wo das Wunder geschehen, nicht wieder nähern wollen. Man habe sie, die getaufte Jüdin, gerufen, habe ihr zwanzig Goldstücke geboten, falls sie die Hostien auflesen und zur Judengemeinde nach Köln tragen wolle. Sie habe den Vorschlag zum Schein angenommen, doch nur das Elftere gethan, da sie eine zu gute Christin sei, uni ihre Hand zu einer neuen Heiligthumsschändung zu bieten. Unmittelbar nach diesen Eröffnungen traten Johann von Woluwe, Rektor zu St. Niklas, Michael von Bäckers, Vize-Pleban von St. Gudula und Johann von Jscha, Archidiakon vom Cambray, in Berathung zusammen. Sie entwarfen einen Bericht über den Vorfall, den sie an Herzog Wenzeslaus von Brabant und Herzogin Jsabella, dessen Gemahlin, richteten. Ein großer Rath wurde versammelt, zu welchem mehrere Domherren von St. Gudula und die berühmtesten Gottesgelehrten von Brüssel berufen wurden. Ein namenloser Schreck erfaßte die unglückliche Brüsseler Judengemeinde. Diese hatte ihr Quartier auf dem Abhang des Hügels, der Brüssel in eine obere und untere Stadt theilt, und der Molenberg, d. i. Mühlenberg, genannt wurde, weil vor Zeiten Windmühlen da gestanden. Da liefen enge, schmutzige Gäßlein zusammen, eine unververhältnißmäßig große Menschenmenge lebte in finstern Spelunken zusammengedrängt, und weil das Ganze stiegenartig hinaufging, nannte man es „auf den Judentreppen". Dort, wo heute die Kapelle St. Salagar, stand die Synagoge, ein niederes, unscheinbares, düsteres Haus. Es war ein Quartier, das an den ausmündenden Punkten große hölzerne Thore hatte, die sogleich nach Sonnen-Untergang geschloffen wurden, und das von Christen fast nur dann betreten wurde, wenn etwas Böses gegen die Juden im Werke war. Das Erste, was geschah, nachdem das Gericht zusammengetreten, war, daß der Befehl erging, alle Juden in Haft zu bringen. Sämmtliche Familienhäupter wurden mit Weib und Kind in das große mit Thürmen versehene Gefängniß abgeführt, das über dem Steiuthor, der Steen Port, aufregt. Die Häuser der Juden wurden gerichtlich geschlossen. Mit bebenden Gliedern, Angstschweiß auf der Stirn, traten die Aeltesten der Gemeinde vor Gericht und ihre Aussage lautete in Bezug auf den vorliegenden Fall also: „Wir betheuern unsere Unschuld! Es ist uns nie in den Sinn gekommen, Hostien zu rauben oder rauben zu lassen. Es sind dies, so viel wir wissen, die kleinen, weißen, runden Scheiben, ans ungesäuerten! Weizenmehl gebacken, wie es scheint, nach dem Vorbild unserer Osterkuchen. Was sollten wir mit denselben anfangen? Wir dürfen nicht an deren Zauberkraft glauben und glauben, mit Permiß gesagt, nicht daran. Fiele, was Gott verhüten wolle, solch' eine Scheibe aus Weizenmehl irgend Einem von unseren Leuten in die Hand und er wüßte nicht, was es ist, so könnte es ihm vielleicht einfallen, einen Brief damit zu siegeln, oder ein bitteres Medikament darin einzunehmen, aber das wäre das Aergste, was der Scheibe aus Weizenmehl widerfahren könnte. Aber zum Glück sind wir nicht so thöricht; wir wissen, welche Bedeutung diese Scheiben bei Euch haben, und es warnt Jeden das Bild, das, wie wir hören, darauf geprägt ist. Nochmals,