Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1891)
- Date
- 1891-05-22
- Page
- Seite 249 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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b-*' ■ - > v 248- - heißen Sehnsucht nach ihm. Sie wollte ihm eine letzte Unterredung bewilligen, Abschied durfte, ja mußte sie von ihm nehmen, es war ja ein Scheiden für immer, ein Abschied vom Glück. Sie hatte innerlich mit sich abgeschlossen, nicht nur.die Liebe zu ihren Angehörigen zwang sie zur Resignation, sondern auch die Furcht vor dem Zorne des Vaters, vor der moralischen Entrüstung des Bruders beherrschte sie. Josef hätte ihren Abfall nie verschmerzt; er hätte ihn nicht nur als ein Unglück, sondern auch als eine Schmach für sich und die Seinen betrachtet; denn sie ging dem Judenthum verloren, wenn sie die Gattin eines Christen wurde. Wie Jakob einstmals gerungen, so rang das unglückliche Kind mit ihrer Leidenschaft für Conrad und dem Gebote, ihm entsagen zu müssen. Daß ihre glühende Sehnsucht sie dazu verleitete, ihm eine Unterredung zu gewähren, gestand sie sich nicht ein; der Zufall kam ihr dabei zu Hilfe. Gegen Abend erschien Heimchen Lewy in ihrem elterlichen Hause; nachdem er ein paar Worte mit dem Vater heimlich gesprochen hatte, erhielt sie von dem Letzteren den Befehl, einen Gang für ihn zu machen, der eine geraume Zeit in Anspruch nahm. Sie athmete erleichtert auf, denn sie konnte dadurch leicht die Gelegenheit wahrnehmen, einen Besuch bei Hochbaums zu machen, das Weitere mußte sich finden. Im Laufe des Tages war eine freudige Botschaft eingetroffen, welche sie aber in ihrer augenblicklichen Seelenstimmung nur oberflächlich berührte. Josef hatte sein Staatsexamen glücklich bestanden und sich als Arzt in Berlin niedergelassen, wie er seiner Familie stolz und freudig mittheilte. Heimchen Lewy war zu dem Entschlüsse gelangt, seine unangenehme Wahrnehmung vor der Hand noch geheim zu halten. Er hatte einmal ein Faible für Rosa Herzfeld und sein guter Charakter ließ es nicht zu, der Ankläger des schönen Mädchen zu werden, che er sich nicht ganz sicher von dem Unheil überzeugt hatte, welches dem ihm befreundeten Hause drohte, im Fall, was Gott verhüte, Rosa, die Perle der Familie, eine „Beaute", sich an einen Hochbaum weggeworfen und im Ernst daran dachte, ihn zu heirathen. Den kleinen Mann überlief eine Gänsehaut, als er dabei an den Zorn des alten Herzfeld denken mußte. Er wußte, wie tief der strenge Mann unter dem Bewußtsein gelitten hatte, daß er Josef gegenüber machtlos gewesen; er hatte sich von dem Schlage nie wieder ganz erholt — o, und jetzt drohte ihm noch etwas ganz Anderes. Wenn sich Rosa taufen ließ, um sich einen Christen zu heirathen, dann konnte man von Seiten ihres Vaters Alles erwarten. Er überlebte die Schande gar nicht, und — Spaß — was bedeutete das für den Sohn und für Mutter und Schwester? An eine glänzende Partie für Josef war dann gar nicht mehr zu denken, und die arme Doris, die konnte mit einem grauen Zopf herumgehen, es krähte kein Hahn mehr nach ihr. Vielleicht aber hatte er sich geirrt, sprechen ist noch nicht gegirrt, tröstete er sich, als er den Entschluß gefaßt, durch einen äeus ex machina, die Sache auf jeden Fall in ein anderes Stadium zu bringen. Er hatte ja das beste Mittel in Händen, um Rosa vor einer möglichen Thorheit zu behüten. . David Frank war ein stattlicher Mann, und wenn er sich auch nicht mit dem Conrad Hochbaum messen konnte, der in der That ein sehr schöner und becheinter Mensch war, selbst sein Feind mußte ihm das zugestehen, so war doch eine einfache Heirath mit einem wohlhabenden Inden, der sie nahm, wie sie ging und stand, ganz etwas Anderes, wie so eine ausgefallene Geschichte, die sich schön liest in einem Gedichte, die aber für Rosa bedeutete Thränen und Schmerz und zuletzt gar noch ein gebrochen Herz. Heimchen war ein ganz guter Diplomat. Wie dem alten Herzfeld beizukommen, war ihm nach seiner damaligen Unterredung mit Frank , noch unklar geblieben, jetzt hatte er den Faden gefunden, den er geschickt zu einer Schlinge für den in seine Grundsätze verbissenen Mann, drehen konnte, und nicht nur dem Vater wollte er das Netz umwerfen, sondern auch Rosa mußte darin gefangen werden. Dem Vater wollte er die Möglichkeit eines Unglücks zeigen, wenn er dabei blieb, Rosa vor Doris nicht 51t verheirathen: eine Liebschaft mit einem Christen oder gar eine Heirath und Taufe! Dem jungen Mädchen wollte er zuflüstern, was er gesehen und nur noch nicht wiedererzühlt habe, weil er es aus der ihm drohenden Gefahr retten wolle. „Zu Franks Glück kehrte ich neulich so spät zurück," murmelte er, als Rosa ihn freundlich willkommen hieß und seine Augen dabei die liebliche Gestalt streiften. Nachdem sie das Zimmer und das Haus verlaffen und .Heimchen sich mit Herzfeld allein sah, begann er sein Heirathsprojekt vorzutragen. An dem Manne und dessen Verhältnissen hatte Herzfeld nichts auszusetzen, allein er beharrte bei seinem Vorsatz, erst Doris zu vermählen. „Rosa kann warten; sie ist noch jung und kommt noch früh genug in den Ehestand", entgegnete er bestimmt. „Vielleicht findet mein Sohn, der Doktor, später etwas Passendes für sie. Frank braucht mich übrigens nicht glücklich zu machen, ich kann meiner Tochter etwas mitgeben; so weit herunter sind wir Gott Lob noch nicht, um unser Kind ohne Mitgift aus dem Hause zu geben. Hier," er öffnete den alten, wurmstichigen Schreibsekretaic und wies dabei auf ein Päckchen Staatspapiere, „hier liegen 5000 Mark, die ich nrir für meine Tochter zurückgelegt habe. Frank wird sie gebrauchen können; wenn er meine Dora nimmt und sie ihn mag, soll er mir als Eidam willkommen sein und wir können Koseb-Haseüono, so Gott will, die Verlobung feiern." Lewy räusperte sich; sein Aerger über die Halsstarrigkeit des alten Mannes siegte über die kluge Reserve, welche er bisher beobachtet hatte. „Lassen Sie sich rathen, alter Freund, es ist von mir sehr gut gemeint," rief er hastig, worauf Herzfeld ihn ungeduldig mit den Worten unterbrach: „Dann hören Sie auf zu reimen, Lewy. Man kann nicht ernst mit Ihnen sprechen, wenn Sie diese Dummheit nicht lassen." (Fortsetzung folgt.) P Der Hostirn-Projkh von Brüjsel. Im mächtigen Dome von St. Gudula in Brüssel bildet die Sakraments-Kapelle eine eigene Kirche. Der Reisende stand da an einem sonnigen Tage, sah die edlen achteckigen gothischen Säulen schillern in aller Pracht der Regenbogenfarben und blickte weiter hinauf zu den schmalen hohen Fenstern, aus welchen all die tausend Tinten quollen. Allmälig traten aus diesen Juwelenfarben Gestalten hervor. Hier gab's Gruppen von Menschen, die vor einem über sie schwebenden, weißschimmernden Gegenstand erschraken, aus welchem Blutstropfen auf sie herabschossen, hier wieder lagen dieselben auf Folterbetten geschraubt, während in der Höhe Engelein mit beiden Händen ähnliche weiße Scheiben triumphirend emporhielten. Das war seltsam. Der Reisende wandte sich um Erklärung an den ihn begleitenden Kirchendiener. Diese Bilder, war seine Antwort, beziehen sich auf den Raub und Errettung von Hostien aus den Händen der