Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1891)
- Date
- 1891-05-22
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
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Massen," schrieb er Eisenstein, „sind Sie zu unwohl, um auszugehen, so schreiben Sie mir sogleich. Ich werde in dem Falle Sonntag; zwischen 1—3 Uhr zu Ihnen kommen." Er erwirkt ihm durch Alexander Mendelssohn eine Unterstützung. „Bei so hoher Begabtheit. des Geistes und Charakters kann es Sie nicht schmerzen, wenn ein Freund um Sie bekümmert und zudringlich wird." Kaum erhielt i er von Raumer 100 Thaler zu einer Badereise Eisensteins. Mit 1852 zog der letzte Akt des unglücklichen Dramas herauf., Schon im Februar schreibt Humboldt an Johannes Schulze, indem > er ihm schmerzlichen Dank „für eine nur verlängerte, elende, provisorische Lage ohne fixe Stellung" sagt — das Gehalt war jetzt auf, 400 Thaler angesetzt worden —: „Der so hochbegabte Mathematiker,, dessen Produktivität immer im Zunehmen ist und allgemein im Jn- und Ausland anerkannt wird, verläßt das Irdische ohne den Professortitel, ohne Anerkennung einer solchen wissenschaftlichen Auszeichnung." Doch wurde Eisenstein noch der Trost, daß er im März in die Berliner Akademie der Wiffenschaften einstimmig gewählt wurde; schon im Vorjahre hatte ihn die Göttinger Societät „ganz ohne Humboldts Veranlassung", wie dieser Schulze ausdrücklich versichert, zum Mitgliede erwählt. Humboldt suchte auch jetzt selbstlos den jungen Freund durch den Hinweis auf dessen eigenes Verdienst aufzurichten: „Das Sicherste in der Welt", rief er ihm zu, „ist, was man geistig selbst bereitet." Aber Ende Juli wurde Eisenstein von einem starken Blutsturz betroffen und mußte nach Bethanien geschafft werden. Humboldt sandte ihm sofort 20 Friedrichsd'or, um seine Pflege zu erleichtern.! Die Aerzte erklärten eine Uebersiedlung nach Sizilien auf ein volles« Jahr für nothwendig zur Herstellung der Gesundheit des schwer Lei-, denden. „Vielleicht ist es vergeblich," klagt Humboldt an Joh. Schulze „aber es ist des Versuchs würdig. . . . Dazu die Thätigkeit bei einem, siechen Körper, die seltene Produktionskraft und ein ganzes Leben un-, froh in Kummer hingebracht!" Nach der Rückkehr von einem Som-i merausflug mit dem König war Humboldts erster Gedanke natürlich Eisenstein. Er schrieb an den Finanzminister; Alexander Mendelssohn bot auf die liebenswürdigste Weise wieder 100 Thaler, wenn die Reise zu Stande komme, lind der Finanzminister bewilligte eip Gnadengeschenk von 500 Thalern. Allein anr 11. Oktober erlag Eisenstein. „Ich finde keine Worte," schrieb Humboldt an den Vater des Verstorbenen, „Ew. Wohlgeboren den Schmerz auszudrücken, den ich empfinde. Sie und Ihre theure Gattin wiffen, wie ich an diesem sq selten begabten Sohne hing, wie seit Jahren sein und Ihr Kummer der meinige waren." Humboldt wußte es durch drei angelegentliche Briefe und zwei persönliche Besuche bei Bodelschwingh durchzusetzen, daß die für Reise und Kur bestimmte Geldsumme an die Familie zur Regulirung des Begräbniffes, der Kurkosten und Schulden ausgezahlt wurde. Der König wollte das Andenken des berühmten und im Leben vom Kultusminister so stiefmütterlich behandelten Mannes ehren und ließ die vollen 500 Thaler, nicht wie der Finanzminister beantragt hatte, 300 Thaler, anweisen. „Empfangen Sie," schreibt Humboldt an den Vater, „mit dieser frohen Botschaft die wärmste Versicherung der innigsten Hochachtung, die Sie Allen eingeflößt haben, welche mit Ihnen und Ihrer theuren Familie in nähere Berührung gekommen sind." Gauß aber dankte er für seinen „herrlichen" Beileidsbrief „im Namen der Menschheit, daß er das erhebende Schauspiel der größten intellektuellen Mächtigkeit und Kraft gepaart mit unverlöschlich anregender Wärme der Gefühle gegeben habe." U FEUILLETON Gott ist die Liebe. Novelle von O. Bach. (Fortsetzung.) IV. „Geliebte, ich muß Dich sprechen; ich habe den Entschluß gefaßt, unser Schicksal bald zu entscheiden, ich bin es Dir und mir schuldig. Mache es möglich, morgen gegen Abend zu meiner Schwester zu kommen; ich hoffe, dabei Gelegenheit zu finden, Dir meinen Plan mitzutheilen. Laß nicht vergebens harren Deinen, für Zeit und Ewigkeit Deinen Conrad." Die wenigen Zeilen waren Rosa durch einen Boten, welcher eine Bestellung von Else Hochbaum auszurichten hatte, heimlich zugesteckt worden. Mt glühenden Wangen und bebenden Händen hatte das Mädchen, nachdem sie den Brief gelesen, ihn bei sich verborgen. Es war der erste Brief, den Rosa von Conrad empfing, und sie bedeckte die Unterschrift mit heißen Küssen und bittern Thränen. Sie konnte dem geliebten Manne das Zeugniß geben, daß er es aufrichtig mit ihr meinte und muthiger als sie, bereit war, sich ihren Besitz zu erstreiten, wenn es' sein mußte. Conrad war eine selbständige Natur, er ließ sich in dem, was er für recht und gut'hielt, nicht beirren, und wenn sie die Kraft fand wie er es thun wollte, Alles, was ihr bisher theuer gewesen, für ihn zu opfern, dann konnte sie an seiner Seite, geborgen vor allen Stürmen des Lebens, das höchste Erden-, das höchste Frauenglück genießen, und doch schauderte sie vor dem Moment zurück, wo sie scheiden sollte von ihren ihr liebgewordenen Gewohnheiten; wo sie brechen mußte mit der Vergangenheit, wo sie sich loslösen sollte aus den Verhältnissen, in denen sie geboren und erzogen war. Rosa war mit Herz und Seele Jüdin; sie hatte in kindlicher Frömmigkeit den schönen, lehrreichen Erzählungen des alten Testaments gelauscht, wenn ihr Vater sie seinen Kindern Abends vorgelesen; es war lange her; er war damals noch nicht der finstere, in sich verschlossene Mann, als welcher er in der letzten Zeit, seit Josef den eigenen Weg gegangen, erschien. Die schönen, edlen Frauengestalten der Bibel, die frommen, gottergebenen Männer, welche für ihren Glauben gestritten und gelitten, schwebten ihr oft vor; die alten Gebräuche, welche sich Jahrtausende erhalten und jene enge Gemeinschaft der Juden begriindeten, die sie in allen Ländern der Erde als Glaubensbrüder kenntlich machen, hielt sie ebenso hoch, wie die hohen Feiertage, die binnen wenigen Tagen wieder gefeiert werden sollten und in dem eintönigen Leben ihrer Familie eine große Rolle spielten. Seit ihrem letzten Zusammensein mit Conrad Hochbaum waren mehrere Tage vergangen, es war Rosa gelungen, die aufgetauchten Besorgnisse wieder zu zerstreuen. Doris fand keine Zeit zum Reflektiren, und größtentheils auf sich selbst angewiesen, konnte Rosa ungestört über sich und ihr Empfinden nachgrübeln. Je lebhafter das liebenswürdige Bild des jungen Juristen vor ihr geistiges Auge trat, um desto größer erschien ihr das Opfer ihret Verzichtleistung; seine zärtlichen Worte klangen ihr vor den Ohren; sein Kuß brannte noch auf ihren Lippen, o, und doch mußte sie ihm entsagen, — um seinetwillen — um der Ruhe ihrer Eltern willen. Durch den Brief Conrads war ihr Zwiespalt von Neuem wach geworden; sie fürchtete seine Nähe, den Einfluß seiner berückenden Persönlichkeit; sie fürchtete sich am meisten vor sich selbst, denn das stürmische Klopfen ihres Herzens sprach nur zu deutlich - von der