Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1891)
- Date
- 1891-05-22
- Page
- Seite 247 (sequence 7)
- Language
- German
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Thätigkeit ist mir nicht zweifelhaft. Wie auch Ihr militärisches Drama ausfalle, werde ich Sie durch den Kriegsminister losmachen. Sie sehen, daß Sie nicht verlassen in der Welt dastehen." Daß diese Worte aus auftichtiger Theilnahme quollen, beweist der folgende Brief vom 28. Oktober 1846, den wir als ein schönes Zeugniß gemüthvoller Theilnahme hier unverkürzt wiedergeben. „Wie unendlich freue ich mich, mein theurer, lieber Eisenstein, daß Sie es endlich über sich gewonnen haben, sich mir wieder zu nähern und mir frei Ihr Herz auszuschütten. Diese Freude ist freilich mit schmerzlichen Gefühlen gepaart. Sie irren gewiß nicht, wenn Sie hoffen, daß ich Ihnen nicht blos anhänge, weil die Natur Sie mit so herrlichen Gaben des Geistes im frühen Alter ausgestattet, Sie sind meinem Herzen näher getreten durch Ihr stilles, sanftes, inneres, liebenswürdiges Wesen, durch den von mir früh geahndeten Ausdruck der Traurigkeit. die Sie ums Himmelswillen nicht fortfahren müssen Herrschaft über Ihre andern Seelenkräfte gewinnen zu lassen. „Sie sollen nicht sortfahren, Alles zu fliehen: den Glauben muß inan tilgen, daß andre Menschen sich nicht um Sie kümmern wollen. Kommen Sie in den nächsten Tagen mich hier zu besuchen, mein theurer Eisenstein. Trotz meines Uralters, werden, ich weiß es, liebevolle Worte der Theilnahme Ihrem verödeten Herzen wohlthun. „Zwingen Sie sich von jetzt au und den ganzen Winter, alle Wochen zu mir zu kommen. Ich werde für Sie immer Zeit haben. Wir müssen auf ableitende Mittel denken, also auf Zerstreuung durch Eindrücke, die Ihnen vielleicht fremd, ja feindlich sind (Ansicht der Kunstsammlungen, ernstes Schauspiel, Musik, Ansicht fremder Pflanzenformen im botanischen Garten), durch Zwang zu leichter, aber bestimmter Arbeit, Ausarbeitung eines Heftes zum neuen Kollegium.... Daß Sie jetzt, Ihrer Melancholie nachgebend, von der äußeren, bürgerlich-menschlichen Welt abgestorben leben, sehe ich daraus, daß Sie in Ihrem gestrigen, mir so theuren, vertrauensvollen Briefe mit keiner Silbe Ihres hoffentlich glücklich abgemachten Militärwescns, der Aussicht zur Habilitation erwähnen. Die letztere wird Sie zu bestimmter Arbeit zwingen, Sie fesseln, zur Ueberwindnng von kleinen Schwierigkeiten zwingen, mit einigen jungen Leuten in Kontakt bringen, die gern außer dem Kollegium zu Ihnen kommen werden. Plötzliche Veränderung des Aufenthalts kann ich nicht rathen. In der Fremde werden Sie der Wirklichkeit noch entfremdeter bleiben. Ein Zustand, wie jetzt der Ihrige, lieber Eisenstein (ich habe ihn früher mehrmals bei jungen Freunden erlebt), ist nicht von Dauer, nur gefährlich, wenn man die Schwäche bat, ihn zu nähren, sich den Freuden der Thränen hingiebt! Konnnen Sie recht bald vertrauensvoll zu mir, zwischen 11 und 2 Uhr. Möchte meine herzliche Theilnahme an Ihrem Kummer Ihrem edeln Herzen wohlthun. 'Ich werde nicht schelten, Sie nicht unmännlicher Schwäche zeihen, ich werde Sie fühlen lassen, wie viel auch als Mensch Sie mir werth sind." Im Frühling 1847 erwirkte Humboldt vom Könige aufs Neue die Gewährung einer zweijährigen Unterstützung von 250 Thalern jährlich. In liebenswürdigster Weise verbat er sich von seinem Schützling allen Dank dafür. Im Verlauf des Jahres bemühte sich Humboldt dann, Eisenstein einen Lehrstuhl in Heidelberg zu verschaffen. Er ließ sich dazu von dem jungen Manne brieflich Angaben über seine Arbeiten machen und ward selbst durch die befremdliche Ueberschätzung derselben, die dieser dabei enthüllte, in seinem guten Willen nicht irre. „Ihr Brief," schreibt er deswegen zurechtweisend, „endigt in Worten, die mir nicht gefallen können, wenn Sie sie nicht im Scherz gesagt: „Ich hoffe natürlich durch die Eigenschaften, die ich an diesen Formeln entdeckt, ein zweiter Newton zu werden!" So etlvas sagt man doch nie von sich selbst. Glücklicherweise steht es in einem Briefe für mich." — Die Aussicht für Heidelberg ging indessen leider verloren. Humboldt unterstützte jedoch Eisenstein in der zartesten Weise mit eigenen Mitteln. Es folgten Revolution und Reaktion, welche letztere auch in eine „pekuniäre Reaktion" ausartete. Wie Jacobi und Maßmann ward auch Eisenstein wegen politischer Umtriebe von 500 Thalern, die er wahrscheinlich Ostern 1848 abermals bewilligt erhalten, auf 300 Thaler herabgesetzt, trotz aller „humilianten-Visiten und -Briefe", zu denen sich Humboldt erniedrigte. So schrieb er an Johannes Schulze am 4. April 1849, nachdem die Weiterbewilligung der Pension momentan sogar gänzlich unterblieben war: „Verehrungswerther Freund! eine uralte Stimme, die lange, lange nicht zu dem Ohre eines vieljährigen Freundes geklungen hat, läßt einen liefern Eindruck. Ein kleines Unwohlsein und diplomatische Bedrängnisse der Zeit, die mich erfolglos und darum oft wehmüthig beschäftigen, hindern mich, Sie heute zu besuchen; gestatten Sie mir also den Muth, Ihnen des blutarmen, talentvollen Eisensteins Angelegenheit, die mich ernsthaft bewegt nnd für dessen seltene wissenschaftliche Werke ich mich auf Zeugnisse von Gauß, Dirichlet und Couchy berufen kann, aus vollem Herzen zu empfehlen. Seine pekuniäre Unterstützung hat mit dem 1. d. M. aufgehört. Ich flehe bei Ihnen um Hilfe, sei es auch nur aus Liebe für mich, den Aeltesten derer, welche wissen, was Sie in verhängnißvollen, verfolgenden Zeiten für die Rettung geistiger Freiheit gethan. Stände ein Mann jetzt auf, ein Staatsmann, wie Wilhelm v. Humboldt! Wie klein und kalt und nichts umfassend und den Bösen das Ohr gebend ist Alles um uns her in so ernster Zeit! Mit aller Verehrung Ihr A. v. Humboldt." Mit großer Mühe gelang es unserm Freunde dennoch nur, aus den Fonds des Kultus- und Finanzministeriums zusammen die Summe von 300 Thalern für dies Jahr wiederhcrzustellen. 1850 machte Humboldt neue Versuche, Eisensteins Existenz dauernd zu sichern. In die Professuren von Jacobi und von Dirlsen, deren Erledigung eine Zeit lang in Aussicht stand, gelang es Humboldt nicht, Eisenstein zu befördern. So blieb wieder nur der Weg privater Unterstützung übrig. Aus erhaltenen Briefen geht hervor, wie Humboldt aus eigenen Mitteln dem jungen Gelehrten das eine Mal mit 50, das andere Mal mit 100 Thalern beisprang. Es waren auch hier, wie so vielfach in jener Zeit der Reaktion, politische Bedenken, die Eisenstein, dem Liberalen, sich in den Weg stellten. Humboldt bewog ihn endlich, einen Brief an das Ministerium zu richten, den er selbst mit einigen Erläuterungen und der Versicherung begleitete, daß sein Klient ganz mit der ,,unpolitischen" Theorie der Zahlen beschäftigt sei. Dadurch und durch die Verbreitung neuer Aussprüche von Gauß über Eisenstein „als ein Talent erster Ordnung" gelang es Humboldt endlich, wenigstens die 300 Thaler für ihn zu retten. Jacobis Tod gab Anlaß zu erneuten Bemühungen Humboldts. „In dem tiefen Schmerze, den ich über Jacobi's Hinscheiden empfinde, ist meine ganze Aufmerksamkeit auf Eisenstein gerichtet, der mit seiner Mutter" — Humboldt verschweigt wiederholt, daß der Vater noch lebte und erwerbstüchtig war — v,nnd) 200 Thalern, die man ihm entzogen, von 300 Thalern lebte und gezwungen ist, elementare Stunden zu geben." Daß Jacobis Gehalt nicht der Universität gehört, ist mir nicht unbekannt, aber ich habe Vertrauen zu der Hoffnung, daß man den mathematischen Glanz, der seit einem Jahrhundert von Berlin ausgegangen ist, beachten werde." Auch die Hoffnung auf eine Profeffur in Halle schlug fehl. Humboldt aber blieb unermüdlich. „Ich roill nicht klagen und nicht