Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1891)
- Date
- 1891-05-22
- Page
- Seite 246 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227899--47954-3270447- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
-- 246 ziemlich leer aus. Man liest wohl einzelne Prophetenstücke, man lehrt auch jüdische Geschichte, doch das wichtigste Buch, der Talmud, wird sorgfältigst gemieden, diese Fundgrube für Begeisterung, Liebe und Treue zum Glauben. Kein Lebensfall, für den im Talmud keine Belehrung, kein Beispiel zu finden wäre, und wir ignoriren ihn, als wären wir seine geschworenen Feinde. Wie kamen wir aber dazu, dem Talmud gegenüber in ein so ungünstiges, schiefes Verhältniß einzutreten? Sind doch die meisten Religionslehrer zugleich Rabbiner, denen doch pädagogischer Sinn und Verständniß für den Talmud nicht abgesprochen werden kann! — Einzige Schuld trägt die in den meisten Seminarien beibehaltene Lehrmethode der alten Talmudlehrer. Es muß dies einmal offen bekannt, die Wunde aufgedeckt werden. Als wären alle diese, gewiß hervorragenden Männer mit Blindheit geschlagen, lehren und lehren sie in althergebrachter Weise weiter. Sie wollen es gar nicht begreifen, daß ein Kandidat, der zugleich Universitätslehrer ist, unmöglich diesem Unterrichte folgen kann, daß ihn die vergeudete Zeit reut und sich in ihm eine gewiffe Abneigung gegen den Talmud festsetzt, die später in der vollständigen Nichtbeachtung deffelben seinen Ausdruck findet. — Als junger Seminarist wurde ich von meinem alten Talmudlehrer beftagt, was ich doch eigentlich in diesem Seminar treibe? Ich antwortete ihm mit einer gewiffen Ruhmredigkeit: Latein, Griechisch, Geschichte, Arabisch, Bibel, Talmud. Der schlichte Mann schlug seine Hände über dem Kopf zusammen. „Me ist das möglich?! Zu einem Blatt Gemara brauche ich einen ganzen Tag, wie kannst du so viel bemeistern?" Er hatte Recht, der gute Alte. Erbegriffes, daß sein Talmudlernen bei so viel Gegenständen unmöglich werde, doch unsere Lehrer — alle Werthschätzung ihrem immensen Wisien, ihrem Scharfsinne — wollen es nicht verstehen! Der Hörer hat weder zum Vorbereiten, noch zum Nachlernen Zeit genug, und so wird ihm der Talmudunterricht oft zur Qual, die er sein Leben hindurch mit sich trägt. — Ja noch weiter! Durch die noch heute bestehende alte Lehrmethode wird ihm der Talmud nicht allein langweilig, sondern lächerlich. Wenn der Lehrer auch heute noch zu einer Zeile Talmud alle Rischonim und Acharonim herbeizerrt, um dann schließlich seinen eigenen Geist in der Lösung eines „harben Rambam's" flunkern zu lassen, ist das Talmud-Unterricht? Nein! „Es ist nur Unterricht in der Talmud-Exegese!" — Stellt doch der Hörer Vergleiche an. Wie anziehend, anregend wird an der Universität gelehrt, das schwierigste Fach macht ihm Freude, der Talmud-Unterricht aber, er tödtet seinen Geist! Doch nicht nur Methode, sondern auch Material ist dasselbe geblieben. Da wird z. B. mit Cholin angefangen und drei Jahre hindurch wird an demselben Traktate weiter gearbeitet, nur um den Schach und Ture Sahab besser verstehen zu können. Ist das Material für Universitäts-Hörer? — Mit einem Worte: eine neue Lehrmethode muß auch in die Seminarien einziehen! Die Talmudwiffenschaft muß allen anderen Wissenschaften gleichgestellt werden, der Talmud muß modern-wissenschaftlich behandelt werden. Was bietet nicht alles dieser Talmud mit seiner 500 jährigen Tradition und ebenso alten Geschichte! Kein Fach geht in diesem größten aller Kompendien leer aus! So unterrichtet, wird ihn der Moderne mit Freude entgegennehmen, wird ihn auch dann freudig selbst lehren können und wollen. Dann wird der Talmud sein doppeltes Ziel erreichen. Der Jugend wird er ein treuer Begleiter, Rathgeber, religiöser Erzieher, dem zukünftigen Rabbiner eine geliebte Wissenschaft, der er gern Zeit und Mühe opfert. Um die Gesetze braucht man sich keiner Besorgniß hinzugeben, dafür haben ja Josef Karo und seine geistigen Nachfolger mit ihren ausgiebigen Kompendien gesorgt. Es muß demnach das allernächste Ziel sein, eine Auswahl agadischer Erzählungen des Talmuds zu veranstalten, die zur religiös-sittlichen Erziehung der reiferen Jugend beitragen sollen. Es ist dies eine äußerst schwierige Aufgabe, die kaum ein Einzelner, sondern nur eine Versammlung von Autoritäten lösen kann. Es ist nicht angezeigt, im Rahmen eines kleinen Artikels über die Art und Weise der Sichtung zu sprechen, auch fühle ich mich wenig berufen dazu. Es wäre ein unsterbliches Verdienst des Rabbinerverb and es in Deutschland, wenn er in Verbindung mit österreichischen und ungarischen Rabbinern die Herausgabe dieses allernothwendigsten Schulbuches in die Hand nehmen wollte. U Alexander von Humboldt und Gotthold Eisenstein. Von I. Loewenberg. Vor wenigen Tagen wiesen hiesige Blätter darauf, hin, daß das Grab des großen Mathematikers Dr. Eisenstein auf dem Jerusalemer Kirchhof verfallen sei, und daß es der Akademie wohl geziemen würde, dasselbe in würdiger Weite wieder in Stand zu setzen. Diese Aufforderung fiel fast zusammen mit dem Todestage Alexander v. Humboldts, dem 6. Mai. Bei der selten schönen Theilnahme, die Humboldt für den armen jüdischen Gelehrten gezeigt hat, erscheint es gerade in unfern Tagen wohl angemessen, beider Männer im Verein zu gedenken. Gotthold Eisenstein, geboren 1823, Sohn eines unbemittelten jüdischen Kaufmanns in Berlin, zog schon als zwanzigjähriger Jüngling 1843 durch einen Artikel in Crelle's Journal die Aufmerksamkeit Humboldts auf sich, der in ihm ein hochbedeutendes mathematisches Talent erkannte. Humboldt öffnete ihm sein Haus und suchte ihn auf jede Weise durch Geld und Empfehlungen an die großen mathematischen Zeitgenossen und durch eigene Aufmunterung zu fördern. Schon im Mai 1844 erwirkte er t|)tn beim König ein jährliches Gnadengehalt von 250 Thalern, und im Juni gab er ihm auf seine aus Bewunderung für Gauß unternommene „Pilgerfahrt" nach Göttingen die wärmste Empfehlung mit. Gauß sprach sich in rühmlichster Weise über die Begabung des ihm Empfohlenen aus. „Es giebt mehrere Arbeiten des jungen Menschen," schrieb er an Humboldt, „unter die ich mit Freuden meinen Namen setzte; sagen Sie Ihrem König, er gehöre zu jenen Talenten, deren in jedem Jahrhundert nur einige geboren werden." Humboldt gerieth darüber in den höchsten Enthusiasmus. Wiederholt lud er Eisenstein zu sich und wußte, wenn die kärgliche Pension einmal ausgegangen war, den König zu bestimmen, aus seiner Privatschatulle Vorschuß zu leisten. Eisensteins Gesundheit war nicht die festeste, und um so mehr war Humboldt für ihn in Sorgen. Er bat 1846 Gauß um briefliche Unterstützung seines Gesuchs beim Kultusminister Eichhorn um eine Besoldung Eisensteins als Privatdozenten mit 600 Thalern. Hocherfreut erfuhr er im Juli aus des Königs Munde, daß wenigstens für den Moment 500 Thaler bewilligt seien, und ermahnte den jungen Freund, nicht bange zu sein wegen der Fortdauer, auch wenn die Ausfertigung nur auf bestimmte Jahre laute. „Möge diese Nachricht Sie aufheitern," setzte er hinzu, „Ihre fortgesetzte geistige