Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1891)
- Date
- 1891-05-22
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227899--47953-3270446- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
245 wo er Monate hindurch nicht als Gast, sondern als Herr geachtet und gepflegt wurde. — Und heute, o Himmel! Am Hungertuche kannst du mit deinem Talmud nagen! Kaum schasst es dir das kümmerliche Brod, von Achtung, Ansehen keine Spur; selbst Rabbiner, ein guter Rabbiner kannst du sein, ohne Talmud, ohne Dezisoren. Jüngst war ein armer Russe bei mir. Aus der Heimath verwiesen, mußte er den Wanderstab ergreifen. Weinend sagte er mir: Was nützt mir meine Thora, hätte mich mein Vater Schuster werden laffen, könnte ich mich jetzt erhalten! — Wären solche Worte vor hundert Jahren über seine Lippen gekommen? Er hätte es auch nicht nöthig gehabt, denn seine Kenntnisse hätten ihm den schönsten Erwerb gegeben. Da soll nun der Vater sein Kind Talmud studiren laffen? Diese hier gezeichneten drei Gesichtspunkte erklären den Verfall des Talmudstudiums. Ja! wir können getrost weiter gehen und offen aussprechen: der moderne Jude kann nicht Talmud lernen. Soll denn etwa der Jude seine Kinder nicht den modernen Anforderungen entsprechend erziehen? Die Geisteserziehung, der Jdeengang, Disziplin und Methode der Volksschule, des Gymnasiums, der Universität sind so grundverschieden von der Art und Weise des Talmuds, daß ein noch so tüchtiger Gymnasiast in diesem „Meere" unrettbar verloren geht. Ich spreche aus eigener Anschauung. Ich kenne hochbegabte Talmudisten, denen ein „Pschettchen" Kinderspiel war, die jedoch die allereinfachsten grammatikalischen Regeln gar nicht faffen konnten, und wieder die besten Universitätshörer, die wie blödsinnig vor einem „eisernen Maharscho" standen. Das Ergebniß der bisherigen Auseinandersetzung ist der-Bruch mit dem Talmudstudium. Die Zeit, wo Jeder in Israel Talmudgelehrter oder zum Mindesten Talmudbefliffener war, ist um. Es ist eine nothgedrungene Konsequenz der Freiheit und Gleichheit, daß mit dem Fortschritten derselben die Juden auch in religiöser Beziehung die gleiche Stufe einnehmen werden, wie die Christen. Es wird eine Zeit kommen, und sie rückt immer näher, wo auch wir nur Gläubige, nicht aber Wissende haben werden, wir kehren zu den Zuständen Alt-Israels wieder zurück, da nur Priester Gottesgelehrte waren, das Volk aber unwiffend blieb. Gewiß! eine traurige Voraussetzung, aber unabänderlich! Wollen wir vollständig gleich sein, müffen wir es nicht allein im Erwerb, im Leben, sondern auch in Bildung und Gedanken werden. Wollen wir eins mit dem Volk sein, in dessen Mitte wir wohnen, dann müffen Herz und Geist gleich empfinden, gleich fühlen und auch gleich denken. Es gehört die höchste Kulturstufe zur Befreundung zweier, in allen Beziehungen verschieden erzogener, verschieden denkender Menschen, und solche Befreundung sehnen wir doch herbei, denn was wir heute haben, ist Duldung, und Duldung ist nur Waffenstillstand, der selten mit dauerndem Frieden abschließt. Dieser Prozeß vollzieht sich augenscheinlich, langsam, gehemmt durch die vielen Hindernisse, aber sicher. Die erste Etappe auf diesem Wege ist leider der Verlust des Talmudstudiums, indem wir Verzicht leisten auf die abgesonderte Stellung im religiösen Denken. Doch das Herz zieht sich uns krampfhaft zusammen , so wir diesen Gedanken weiter spinnen. Denn was wir da gesprochen, ist kein Erheben, sondern ein tiefes Sinken. Wir sollen also aufhören, ein Gottesvolk, ein heiliges, nur für ein Ideal lebendes Volk zu sein? Sollen preisgeben all' das, was uns bis heute unter allen Bedrängniffen aufrecht erhalten hat? Täuschen wir uns nicht! Diese Umwälzung, diese vollständige Amalgamirung droht uns von dem unerreichten moralischen Piedestal jählings herabzustürzen. Denn wahrlich! es giebt heute auch eine jüdische Moral, die mit der praktisch-christlichen — denn die. theoretisch-christliche ist eine jüdische, zumeist von Juden geübte — sich messen kann! Unsere Sittlichkeit, Wohlthätigkeit, unsere Achtung vor Menschenleben, unsere Scheu vor Verbrechen, unsere Mäßigkeit, unsere Ergebung in alle Schicksalsfälle stehen auch heute noch mindestens eben so hoch als die unserer christlichen Nebenmenschen, und das haben wir der religiösen Erziehung zu verdanken. Tief leben ihre Spuren in uns, selbst die Enkelkinder werden noch daran zu zehren haben; was aber dann? Vielleicht „Ueberfließung in die christliche Religion?" Es ist daher unsere Aufgabe, zu retten, zu erhalten, die Tugenden, die unsere Väter uns gelehrt, dürfen nicht geopfert werden! Doch wir gerathen in Zwiespalt. Die sittliche Kraft, die in uns lebt und noch lange Zeit in uns leben wird, gab uns nicht allein die heilige Schrift, sondern in weit größerem Maße den Talmud. Leset doch nur den Brief eines alten, im Talmud bewanderten Juden an seinen Sohn, der vielleicht von der alten Lehre abgewichen, und ihr werdet staunen! Er zitirt die herrlichsten Rathschläge, die edelsten Belehrungen aus dem Talmud, nicht aus der Bibel. Der Talmud ist der unerschöpfliche Quell, aus dem unsere Väter schöpften. Wie könnten wir aber diese Grundlagen erden, wenn wir den Talmud vergessen? wenn Talmud nicht mehr gelernt, nicht mehr gelehrt werden soll? „Thatsache ist es, daß das Weichen des Talmudstudiums in Anbetracht unseres religiösen Lebens beängstigend ist, denn wenn wir weiter mit solch' Riesenschritten vorwärts stürmen, darin kennt ein drittes Geschlecht den Talmud nur dein Namen nach, der 1'/- Jahrtausende hindurch unser religiöser Führer war. und das wäre eine religiöse Krisis, die den Faden unserer Geschichte entzweischneiden würde ... Es giebt demnach keine größere religiöse Aufgabe, als die Rettung dieser ewigen Quelle." * * * Es muß also der Talmud gelehrt werden. Doch wie soll der Unterricht ertheilt werden? „Mit dieser Frage gelangen wir zum punctum saliens. Bezüglich des Talmuds besitzen wir weder Lehrziel, noch Lehrmaterial, noch Lehrmethode." Die verschiedenen Talmudthoraschulen haben die Ordnung und Lehrmethode des Cheders und der Jeschiba übernommen, und das mit Haut und Haaren, ohne zu bedenken, daß inzwischen eine neue Welt erstanden ist. Einst war das Ziel des Talmudlehrens, Talmudgelehrte zu bilden. Da nun ein solcher den ganzen Talmud innehaben sollte, blieb es im Grunde genommen belanglos, mit welchem der 36 Traktate man beginnen sollte. Der Hauptzweck war Kenntnis; der talmudischen Gesetze, man befaßte sich daher in erster Reihe mit den diesbezüglich wichtigsten Abschnitten. Heute aber soll ja das Talmdstudium nicht allein Rabbiner und Kenner bilden, sondern der Jugend eine sittlich religiöse Erziehung bieten, mit der man doch nicht das ganze Meer durchsegeln kann, und da ist es wichtig, mit welchem Traktate begonnen wird. Jenes unumgängliche Prinzip, daß der Talmud der Erweckung religiösen Denkens und Fühlens diene, muß heute das Lehrmaterial bestimmen. Dieses Material bietet dem Schüler weder sachliche, noch sprachliche Schwierigkeiten und befähigt ihn, in kurzer Zeit möglichst viel zu sammeln, und dies Gesammelte prägt sich tief ein, er vergeudet nicht seine Zeit an Dinge, die er bald vergißt. Die Talmud-Thor aschulen hätten also die Pflicht, den agadischen Theil des Talmuds zu lehren. Derselbe müßte auch ein Bestandtheil des Religionsunterrichtes an den höheren Schulen werden. Denn während für die Volks- und Bürgerschule mit der biblischen Geschichte zur Genüge gesorgt wird, geht die Heranwachsende Jugend