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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-05-22 · Heft 21 (22.5.1891) · p. Seite 244

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 21 (22.5.1891)
Date
1891-05-22
Page
Seite 244 (sequence 4)
Language
German
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244 ein großes Argument entwinden. Prof. Loewenthal, der, wenn auch jüdischer Abstammung, doch selbst nicht Jude ist, unternahm das Riesenwerk aus menschlicher Theilnahme an dem entsetzlichen Lose der durch die russische Verfolgung zur Verthierung, zum lebenslangen Elend, zum geistigen, sittlichen und körperlichen Untergang verurtheilten Glaubensgenossen seiner Väter. Zwei Bemerkungen sind am Schluffe dieser Mittheilung nicht überflüssig. Erstens sei angesichts der Hunderte von Anstellungsgesuchen, die fortwährend für ihn eingehen, feslgestellt, daß Prof. Loewenthal alle Hilfskräfte und Mtarbeiter, deren er bedurfte, bereits gewählt hat und Anstellungen bei dem Werke zur Zeit überhaupt nicht mehr zu vergeben sind. Zweitens mögen die russischen Inden vor jeder Voreiligkeit dringendst gewarnt werden. Augenblicklich ist für sie noch kein Platz in Argentinien. Es ist verständlich, daß sie sich dem unmenschlichen Druck, unter dem sie in Rußland stehen, möglichst rasch entziehen möchten. Sie müffen aber vorerst ihre Ungeduld beherrschen. Wenn drüben Alles zu ihrer Aufnahme bereit sein wird, dann wird mit der Hinüberschaffung der jeweilig zulässigen Anzahl von Personen methodisch begonnen werden. Bis dahin aber haben sie ruhig auszuharren, wie schwer das auch sein mag, und wenn sie auf eigene Faust nach Argentinien reisen wollten, würde ihrer nur Enttäuschung, Elend, ja der Untergang harren. * Tainm-lernen — Talmudlrhren einst und jetzt.!) Von Rabbiner Dr. I. Z i e g l e r. i Wer freut sich nicht des blühenden Frühlings? Westen Herz bebt nicht vor Erwartung lachender Gärten, grünender Bäume, bunter Fluren? Wer sehnt sich nicht nach Blumenduft und Nachtigallgesang, nach einem erquickenden Ausblick in die neuerwachte Natur? — Und doch raubt uns auch der Frühling manch' süße Freude, sein lauer, linder Hauch knickt eine schöne Blume: die Poesie des trauten, engen Gemaches, der guten Winterstube. Ach! laßt es nur draußen wild toben, hier sind wir freudig versammelt, hier ist Frieden, hier Seligkeit. Das wohnliche Gelaß drängt das Herz zur Beschaulichkeit, den Geist zur Gedankenarbeit; schweigt die Natur draußen, lockt nicht ihre Sirenenstimme, dann klingt und singt es in der Brust, dann hebt sich die Seele des Menschen empor, weilt eher in göttlichen Regionen. Das Treiben und Weben der Natur zieht uns zur Erde herab, ihr Tod, ihr Erstarren eröffnet den Himmel. Wer freut sich nicht, daß für uns Juden endlich der Frühling anbrach? Nach langen Jahrhunderten weht ein neuer Geist uns an, wir fangen an zu fühlen, daß auch wir Erdensöhne sind, wollen athmen diese herrliche, frische Luft, wollen neue Kräfte sammeln, bisher ungekannte Freuden genießen. Doch geknickt hat der Freiheitshauch die Blume des Ghetto. In diesem düstern, der Sonne kaum zugänglichen Gäßchen, wo dumpfe, gesperrte Luft die Wangen fahl machte, den Gang beugte, den Laut zart und traurig stimmte, in diesen kleinen, von Sorgen umrahmten >) Schon lange ging ich mit der Absicht um, dieses Thema zu behandeln. Nicht als ob ich mich diesbezüglich für eine maßgebende Autorität hielte, nur um die Frage doch einmal zur Erörterung zu bringen, ergreife ich die günstige Gelegenheit. Mein Freund Ludwig Blau, Lehrer des Talmud amBudapesterRabbiner-Seminar, veröffentlichte jüngst einen ausgezeichneten Artikel über das Talmudlernen in der „Ung. Jüd. Revue". Auf der Basis seiner Auseinandersetzung möchte ich die Aufmerksamkeit auf diesen überaus wichtigen Gegenstand lenken. Wo ich die eigenen Worte Blan's zitire, geschieht es unter Anführungszeichen. Wohnräumen, da blühte und prangte in einziger Schöne eine überirdische Blume: die Religion! Auch die Juden des Ghetto lustwandelten in den Gefilden — der Thora, auch unsere Väter erfreuten sich an den Pflanzungen — der Misch na, auch ihre Herzen pochten fteudig beim Rhythmus — der Talmudjünger, auch ihnen waren erquickender Anblick die Jrrgänge der Dezisoren, auch sie labten sich an einem Stückchen — Charifus! Wenn ihre Feinde vermeinten, sie gedrückt zu haben, so waren sie in Jrrthum befangen, denn unsere Väter waren glücklich, wenn man ihnen nur ihr Gut und Leben, ihre Kinder, ihre Bücher ließ. Giebt es denn ein höheres Glück, als sich auf Erden weder um Staat und Land, noch um Gesellschaft, nur um Gott allein kümmern zu müffen? Das Traurige des Ghettolebens, wenn nicht Verfolgung, Vertreibung es dazu gestaltete, ist zum großen Theil eine Entdeckung unserer Civilisation! Was versteht der Blinde von Farben, der als Sklave Geborene von Freiheit? Wie anders ist es heute geworden? Zwei neue Gefühle sind nüt der Freiheit siegreich in die jüdischen Herzen eingezogen: S ch ö n h e i t, Aesthetik. Verschönerung des irdischen Lebens war und ist das oberste gesellschaftliche Prinzip, dem nun auch wir in vollstem Maße huldigen. Kunst, Gesang, Schauspiel, Gemälde, Rennplätze, Ballsäle, all das ist schön und mit lechzender Gier greifen wir danach. Verdient der Jude darob eine Rüge? Nein! Er wäre kein Mensch, wollte er sich dem verschließen! Die Unmäßigkeit wird mit der Gewohnheit schwinden. Doch Mischna, Talmud sind nicht schön, die Dezisoren nicht allzusehr ästhetisch! Talmud naschen heißt ja nichts! Stunden hindurch mußt du dich mit ihm beschäftigen — wie reizlos! Wie häßlich, oft wie lächerlich sind seine Silbenstechereien! ''Unser Geist kann den alten Talmud nicht mehr fassen, die Freiheit hat uns das Gefühl für ihn geraubt. Nach Auszeichnung, nach Anerkennung hascht der Mensch. Meint ihr, es war im Ghetto nicht vorhanden? Meint ihr, wir hatten keine Helden, keine Gelehrte, Dichter, Sänger? Es hatte der Pi lpul seine Helden, die dankbarer gefeiert wurden, als so mancher siegreiche Schlachtenlenker unserer Tage; auch Gelehrte hatten wir und die nur in einem Fache, im Talmud, und der Preis, als solcher zu gelte», war weder Geld, > noch Nepotismus, sondern gründliches Wiffen allein. Auch begeisterte, glühende Dichter und Sänger besaßen wir — für Gott, und ihr Ruhm war unvergänglich, ihre Beliebtheit allgemein. Im Ghetto gab es nur eine Auszeichnung, eine Anerkennung, nur einen Rang: Talmudkenner zu sein. — Dagegen heute. Welches weite Feld hat sich vor uns aufgethan. Selbst beschränkt und fest umzäunt, wie es. wird, erscheint es uns doch unabsehbar! Die Kraft, die wir einst an einen kleinen Kreis vergeudeten, weihen wir heute vieleil Millionen. Richter, Professor, Beamte, Abgeordneter kann der Jude heute werden, Ziele, die nicht allein ihrer Neuheit zu Liebe uns würdiger erscheinen. Mit welcher Genugthuung verkünden die jüdischen Zeitungen, N. N. sei zum Richter, zum Regierungs-, Sanitäts-, Justiz-, Kommerzienrath ernannt worden, und wenn ihm erst ein Orden zu Theil wurde! Wann hätten wir es schon gelesen: ein neues Lumen sei im Talmudgebiet uns erstanden? Und da sollen die Väter ihre Kinder heute Talmud studiren-lassen? Ins Mannesalter tritt der Jüngling, sobald er an die Schaffung einer sicheren Zukunft herantritt, die Brodfrage führt ihn ins Leben ein. Im Ghetto war-der Talmudgelchrte niemals verloren. Die reichsten Männer waren stolz^ darauf, ihre Töchter an Talmudkenner verheirathen zu können, der edelste Jichus war die Thora. Mochtest du noch so arm, noch so verlassen sein, Wiffen — und da gab's nur eines — verschaffte dir reichliches Brot. Kam der Bettler in ein Dorf zum jüdischen Wirthe und entpuppte sich als Gelehrter, da ward ihm das Haus des Wirthes zu liebevollem Heim,

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