Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1891)
- Date
- 1891-05-22
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
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US jüdische Großkapitalisten angeschlossen, um sich an dem gewaltigen Unternehmen zu betheiligen. Fast jede einzelne dieser Angaben ist falsch. Baron Hirsch hat niemals an „Kanada, Australien oder Afrika" gedacht, sondern von. vornherein ausschließlich Argentinien und dessen Nachbarländer, also Uruguay, Paraguay und die südlichsten, Provinzen von Brasilien, vielleicht allenfalls noch etwa Bolivien, ins Auge gefaßt. Ich bin nicht ermächtigt, den Betrag anzugeben, den Baron Hirsch für das Werk vorläufig ausgesetzt hat, doch darf ich sagen, daß er von 75 Millionen weit entfernt ist. Von einer „Betheiligung anderer jüdischer Großkapitalisten" ist keinen Augenblick lang die Rede gewesen, vielmehr geht die Sache ganz allein vom Baron Hirsch aus. Was bisher geschah und gegenwärtig im Werk ist, das ergiebt sich aus der folgenden Darstellung. Im Herbst 1889 ist Prof. Wilhelm Loewenthal, der Verfasser der „Hygiene des Unterrichts", auf Einladung der argentinischen Regierung nach Argentinien gereist und hat dort die klimatischen und hygienischen Verhältnisse der Republik studirt. Worauf es der Regierung damals ankam. das war, von einem deutschen Gelehrten ein Gutachten zu erhalten, welches zeigte, in welchem Maße Argentinien geeignet ist, Einwanderern aus mittel- und nordeuropäischen Ländern eine neue Heimath zu werden, wo sie allen landwirthschaftlichen Arbeiten obliegen können, ohne daß ihre Gesundheit und das Wohlbefinden ihrer Frauen und Kinder in dem Klima und unter den Lebensbedingungen des fremden Erdtheils eine Einbuße erleidet. Prof. Loewenthal folgte der Aufforderung der argentinischen Regierung, durchzog die La Plata-Staaten einige Monate lang nach allen Richtungen, stellte zahlreiche Beobachtungen an und arbeitete einen Bericht aus, den er der Regierung überreichte. Auf seiner Studienreise hatte Prof. Loewenthal auch Gelegenheit, Kolonien russischer Juden zu sehen, welche argentinische Grundbesitzer auf ihren Ländereien gegründet hatten. Er fand diese Siedelungen nicht eben in blühendem Zustande, aber er erkannte, daß sie blos in Folge der Nachlässigkeit und Ungeschicklichkeit der argentinischen Unternehmer nicht gediehen, lind empfing im Ganzen den Eindruck, daß die russischen Juden, im Gegensätze zu der allgemeinen Annahme, bei richtiger Behandlung ein geeignetes Menschenmaterial für Ackerbaukolonien abgeben würden. Er hatte, ehe er nach Argentinien ging, von den Judenverfolgungen in Rußland und auch davon gelesen, daß Baron Hirsch viele Millionen für die Besserung ihres Loses verwenden wolle. Die Wahrnehmungen, die er in den jüdischen Kolonien Argentiniens gemacht hatte, gaben ihm nun den Gedanken ein, daß Baron Hirsch seinen Zweck nicht besser erreichen könne, als indem er die russischen Juden in Argentinien ansiedle und zu Ackerbauern erziehe. Auf der Rückreise nach Europa arbeitete er einen ausführlichen Kolonisationsplan aus, und als er wieder in Paris eintraf, setzte er sich mit Baron Hirsch in Verbindung und legte, ihm seinen Plan vor. Baron Hirsch nahm von der Arbeit Kenntniß, war von der Großartigkeit des Gesammtplans und der gleichzeitigen sorgfältigen Durcharbeitung aller Einzelheiten gepackt und entschloß sich rasch, den Versuch zu wagLn und mit seiner Verwirklichung Professor Loewenthal zu betrauen, in welchem er einen Organisator ersten Ranges errieth. Nach einer Reihe von Berckthungen beauftragte Baron Hirsch Professor Loewenthal, nach Argentinien zurückzukehren und das Gebiet zu wählen, auf dem die Ansiedlungen gegründet werden sollten. Er hatte vorerst noch keine endgiltigen Landkäufe vorzunehmen, sondern blos Angebote zu prüfen und sich vorbehaltlich der Genehmigung des Barons Hirsch Kaufrechte zu sichern. Er stand als Führer an der Spitze einer förmlichen Expedition, die außer dem uiltergeordneten Personal von Schreibern, Dienern u. s. w. einen belgischen Oberst und einen englischen Ingenieur zu Mitgliedern zählt, welch' Letzterer bereits in der Anlage von Massen- Kolonien in Kanada und Australien praktische Erfahrungen gesammelt hatte. Professor Loewenthal verließ Europa zum zweiten Mal im Oktober vorigen Jahres, begab sich ohne Zeitverlust ins Innere Argentiniens, bereiste die Gebiete, die er für das Unternehmen von vornherein in Aussicht genommen hatte, und traf am 27. März, mit allen erforderlichen Vor-Verträgen versehen, wieder in Paris ein. In neuen Berathungen mit Baron Hirsch wurde uun die letzte Hand an die Organisation des Werkes gelegt, und am 5. d. M. konnte Prof. Loewenthal sich in Bordeaux zum dritten Male nach Argentinien einschiffen, diesmal zu dauerndem Aufenthalt in der südamerikanischen Republik. Er ist alleiniger Leiter, mit ausgedehntesten Vollmachten und entsprechender Verantwortlichkeit an die Spitze des großen Werkes gestellt. Die finanzielle Seite des Unternehmens ist das Gebiet des Barons Hirsch, um das Prof. Loewenthal sich nicht zu kümmern bat. Dagegen ist es seine Sache, drüben das nöthige Land zu erwerben, es zur Aufnahme von Ansiedlern vorzubereiten und darauf die Kolonien russischer Juden einzurichten. Zunächst schreitet er zum Ankäufe von 2000 Geviert-Leguas Land (eine argentinische Geviert-Legua mißt 25 Geviert-Kilometer, also 2500 Geviert- Hektare oder etwa 10,000 Morgen; es handelt sich also um einen Landankanf von zwanzig Millionen Morgen.) Von dem gekauften Land wird zuerst ein kleiner Theil durch eine Anzahl ausgewühlter russisch-jüdischer Arbeiter in Gemeinschaft mit geübten Eingeborenen urbar gemacht und bestellt. Die Argentinier itttb einige europäische Landwirthe dienen dabei den Inden als Lehrmeister in der Errichtung der Wohnhäuser und Wirthschaftsgebäude und in allen Arbeiten des Ackerbaues lind der Viehzucht. Erst wenn diese erste Gruppe von Juden die erforderliche Geschicklichkeit erlangt hat und sich ihrerseits zu Lehrmeistern eignet, werben weitere Schaaren hinübergeholt, mit denen dasselbe Verfahren erneuert wird. Die Lehrgruppen, denen natürlich besondere Vortheile zugestanden werden, dringen als Pioniere immer weiter in die Wildniß vor und lassen urbar gemachtes Land hinter sich zurück, auf dem jüdische Einwanderer seßhaft gemacht werden. Wie man sieht, kann nach diesem Plane die Hinüberleitung der russischen Juden nur ganz allmählich vor sich gehen. Obschon Raum zur Unterbringung von anderthalb bis zwei Millionen Ansiedlern vorhanden ist, darf man nicht an einen malerischen Massenauszug denken, der etwa unserm Welttheil in der nächsten Zeit die Wiederholung des Schauspiels bieten würde, welches im Pentateuch geschildert ist. Es wird nach Professor Loewenthals Annahme vier bis fünf Jahre dauern, bis er Einwanderer in großen Mengen aufnehmen lind unterbringen kann. Auch ist das Werk nicht als ein riesiges Almosen gedacht, sondern hat eine gesunde Grundlage der Selbsterhaltung. Das Land wird den Juden nicht geschenkt. Sie müssen es bezahlen. Aber allerdings rechnet man ihnen blos die Selbstkosten und mäßige Verzinsung und stellt ihnen sehr lange Zahlungsfristen, so daß sie, wenn sie sich als geeignet erweisen und fleißig sind, mit einem kleinen Theil des Ertrages ihres Bodens die Schuld tilgen können und dann freie Eigenthümer ihres Landes werden. Der Versuch, den Prof. Loewenthal unternimmt und zu welchen: ihm Baron Hirsch die erforderlichen sehr bedeutenden Mittel zur Verfügung stellt, ist einer der großartigsten, die unsere Zeit gesehen hat. Sein Gelingen würde Hunderttausende, vielleicht Millionen Menschen aus tiefstem Elend erlösen und zu menschenwürdigem Dasein emporheben, Argentinien zu einem bevölkerten und in Folge dessen reichen und mächtigen Lande machen und dem Antisemitimus