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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-05-15 · Heft 20 (15.5.1891) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 20 (15.5.1891)
Date
1891-05-15
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Weg gelegt werden. An den Warschauer General-Gouverneur ist ein Allerhöchster Befehlergangen, welcher alle ans den Weichsel-Gouvernements Auswandernden fernerhin von der bisher geforderten Emigrationssteuer von IM Rubel pro Kopf befreit und dem General-Gouverneur die Ermächtigung ertheilt, nach Belieben, ohne die bisher nothwendig gewesene Allerhöchste Erlaubnis einznholen, Emigrations-Pässe auszustellen. (Ob die Zurückhaltung der russischen .Anleihe diese Sinnesänderung hervorgerufen hat?) * Petersburg, 8. Mai. Die Ereignisse auf finanzpolitischem Gebiet sind naturgemäß der einzige Gegenstand, der jetzt in Petersburg das öffentliche Interesse beherrscht. Die Frage, in deren Beantwortung die Meinungen auseinandergehen, ist die, ob das Scheitern der jüngsten Anleihe eine Veränderung im Ministerium zur Folge haben wird und ob die Ungnade des Kaisers den Minister des Innern, Herrn Du rn owo, oder den bisher so reichlich vom Erfolg begünstigten Fin anzminister, Herrn Wyschnegradski, treffen wird. Wyschnegradski hat stets darauf gedrungen, die Gesetze gegen die Juden zu mildern. Er hat, da er ohne die großen Bankhäuser im Auslande seine Finanzpläne nicht durchzuführen vermochte, für einzelne große Firmen, deren Chefs Juden sind, Ausnahmebestimmungen erwirkt. Er weiß am besten die Bedeutung des herumziehenden, emsigen Juden für den Waarenaustausch und die Industrie und somit auch für die Steuerkraft zu beurtheilen. Er weiß, daß mit der Austreibung der Juden aus dem einen Gebiet und ihrer Zusammenpferchüng an einer anderen Stelle des Landes, die ihrer Betriebsamkeit nicht bedarf, dem Reiche ein unentbehrliches Element des Zwischenhandels verloren geht, das durch kein anderes ersetzt wird. Er mußte endlich auch befürchten, daß sich das Gefühl der Menschlichkeit regen würde, wenn die Maßregeln der russischen Behörden durch ihre Grausamkeit das Mitleid Europas herausfordern würde. Und so lief neben seiner positiven-Thätigkeit ununterbrochen eine negative einher, die darin bestand, den Anordnungen des Ministeriums des Innern insoweit entgegenzuarbeiten, als es die materiellen Interessen des Reiches gebieterisch forderten. Heute hatte Herr Wyschnegradzki Gelegenheit, dem Zaren seine Anschauungen auseinanderzusetzen und auf eine Thatsache hinzuweisen, deren Beweiskraft gegen Mißwollen und Starrsinn selbst wirksam sein muß, auf Rothschilds Rücktritt von der russischen Anleihe. Die Gegner Wyschnegradskis werden natürlich alle Kräfte aufbieten, um das Mißgeschick, das Rußland betroffen, aus den Operationen des Finanzministers selbst zu erklären oder den Zaren zu überreden suchen, daß ein leiser Druck auf die französische Regierung, die ein Interesse für das Zustandekommen der Anleihe habe, genügen würde, um beu Baron Rothschild umzustimmen. Wer wird in diesem Kampf der Sieger sein? Von allen Seiten mehren sich die Stimmen, welche gegen die barbarische Mißhandlung der Juden protestiren. Die einen erheben ihr warnendes Wort aus Menschlichkeit, die anderen aus Vaterlandsliebe, wieder andere aus Furcht vor den wirthschaftlichen Folgen, und es giebt auch solche, die, wie der Generalgouverneur von Polen, blos darum gegen die Vertreibung aus dem einen Orte protestiren, weil an dem andern kein Raum für die Flüchtlinge ist. Es ist schon ein Gewinn, daß das bedeutsame Ereigniß des Scheiterns einer wichtigen Finanzoperation der Regierung die Aufmerksamkeit des Zaren auf die Judeugefetzgebu ng lenkt. * Petersburg, 10. Mai. In Uebereinstimmung mit obigem Bericht wird der „Vossischen Zeitung" Folgendes berichtet: Die plötzliche Einstellung der Judenau sweisung in Moskau erfolgte, weil diese Maßregel die Russen, mit denen die Juden in geschäftlichen Beziehungen standen, ernstlich benachtheiligt haben würde. Die Osterfeiertage in Odessa verliefen in Folge der von den Behörden getroffenen Vorsichtsmaßregeln ohne jede gefürchtete Judenhetze. Die genannte Zeitung bemerkt hierzu mit Recht: An sich könnte die Meldung, daß die Austreibung der Juden aus Moskau und anderen russischen Städten unvermuthet eingestellt worden sei, und daß sich die Lage der Juden überhaupt gebessert habe, nicht überraschen. Denn es ist oft vorgekommen, daß Maßnahmen des einen Verwalturlgszweiges im Zarenreiche durch Anordnungen eines anderen Verwaltungszweiges vereitelt wurden. Allein in dem vorliegenden Falle merkt man zu leicht die Absicht, und es ist keinerlei Gewähr geboten, daß die augenblicklich vertagten Schritte nicht alsbald vorgenommen werden, sobald die Anleihe zu Stande gekommen ist. Aus diesem Grunde wird man den russischen Meldungen über dieMilderungder Judenverfolgungenkaum ernste Bedeutung beilegen. * Petersburg, 8. Mai. Bis zum 12. Mai, dem Tage, an welchem dje Uebersiedlung des Großfürsten Sergei nach Moskau statlfindet, sollen 3 50M0Juden aus Moskau entfernt sein. Wyschnegradski versuchte, den Kaiser zu milderen Maßregeln umzuftimmen, jedoch vergebens. Die Petersburger Geschäftskreise sind sehr besorgt vor finanziellen Vergeltungs- Maßregeln der ausländischen Juden. — Die Ausweisung sämmtlicher jüdischen Handwerker aus Moskau ist nid)t ein vereinzelter Akt geblieben. In Kiew ,ift eine ähnliche Maßregel erlassen und in Petersburg soll sie unmittelbar - bevorstehen. Es sind diesmal die Aermsten der Aermsten, die getroffen werden, Leute, die von mühsamer Tagesarbeit, sozusagen von der Hand in den Mund lebten und welchen mit der gewohnten Heimstätte auch die Quellen des Erwerbs genommen werden. Die Polizei verfährt sehr streng in der Durchführung der angeordneten Maßregel und täglich müssen an hundert jüdische Familien Moskau verlassen. Aehnlich geht es in Kiew zu. An 15,000 Juden in der Stadt und im Gouvernement von Kiew werden durch die Maßregel betroffen. Die Auswanderer wenden sich zumeist nach Westen mtb Süden, insbesondere nach . Odessa. Da diese Gegend aber schon von früher her eine zahlreiche jüdische Bevölkerung hatte, so ist es nicht nur zu wahrscheinlich, daß die Unstäten von Neuem zur Auswanderung werden verhalten werden. Bemerkenswerth ist die Mittheilung des Petersburger „Standard" - Korrespondenten, daß der Ukas gegen die jüdischen Handwerker in Moskau auf eine Anordnung des Zars persönlich zurückznsühren ist. und dieser Ukas unter den Mitgliedern des Staatsrathes und bei allen hervorragenden Beamten außerhalb einer gewissen Partei die größte Irritation hervorgerufen habe. Die „Nowoje Wremja" und andere Journale, die den Inspirationen des Proknrators der Heiligen Synode Pobjedonoszeff folgen, welch Letzterer mit Feuereifer gegen Alles, was nicht zum orthodoxen Glauben schwört, also auch gegen Lutheraner und Katholiken eifert, finden, daß mit der Ausweisung der jüdischen Handwerker aus Moskau ein guter Anfang gemacht sei, um Moskall zu säubern. Der Petersburger Korrespondent der „Daily News" bemerkt hierzu, daß der Schaden, den Gewerbe und Handel in Moskau hierdurch erleiden, sich bald fühlbar machen werde. Griechenland. * Athen, 11. Mai Auf C orfu hat sich die Lage verschlimmert. Das jüdische Stadtviertel wird förmlich belagert, es droht daselbst eine Hungersnoth; seit drei Tagen können aus demselben keine Beerdigungen vorgenommen werden. — Die Judenverfolgungen haben zwei von den hier domizilirenden Vertretern der Großmächte, darunter der englische, veranlaßt, bei der Regierung freundschaftliche Vorstellungen zu erheben und um wirksame Maßregeln zum Schutze ihrer Staatsangehörigen zu Litten. Es sind auch bereits zwei griechische Panzersregatten nach Corfu abgegangen. Die italienische Regierung will zum Schutze der italienischen Unterthanen auf Corfu ebenfalls ein Kriegsschiff absenden. Der italienische Generalkonsul auf Corfu, Berio, der gegenwärtig in Rom weilt, ist angewiesen worden, sofort nach Corsu zurückzukehreu. Die neapolitanischen Blätter bezeichnen die Lage auf Korfu sehr kritisch. Wenn nicht ausgiebigste Militärhilfe eintrifft, ist ein Massacreunausbleiblich. Türkei. A Coustautiuopel, 3. Mai. In voriger Woche empfing der Sultan anläßlich der Wiederkehr seines Geburtstages den Oberrabbiner der Türkei, Herrn Moses Levy. In der mehrere Minuten währenden Unterhaltung sagte der Sultan unter Anderem: Ich bin außerordentlich gerührt von den Beweisen der Anhänglichkeit Ihrer Glaubensgenossen. Dieselben zählen zu meinen treuesten Unterthanen." * Smyrna. Man erinnert sich noch des Aufsehens, welches vor 12—15 Jahren durch das vorübergehende Verschwinden eines griechischen Kindes grade vor den jüdischen Oster-Feiertagen hier erregt wurde. Die große Menge glaubt hier fest daran, daß die Juden zur Zubereitung ihres Osterbrodes das Blut eines Christenkindes verwenden, und daß zu diesem Zweck gelost werde, um zu entscheiden, in welcher Stadt und durch wen der Raub geschehen soll. Kürzlich nahm nun ein gewisser Isaak, ein Diener.eines jüdischen Kaufmanns, bei einem Gang, in das griechische Viertel von St. Demetrius den dreijährigen Sohn seines Herrn mit. Der Kleine war nicht nach jüdischer, sondern nach fränkischer Art gekleidet und sprach ausgezeichnet griechisch, da seine Mutier eine Jüdin aus Kreta ist, wo die ganze. Bevölkerung die griechische Sprache besser versteht als jede andere. Das Viertel St.

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