Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1891)
- Date
- 1891-05-15
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Studenten Bei der Aufnahme tu die Technische Hochschule dieselbe Vorbildung nachzuweisen hätten, welche von deutschen Studirenden gefordert, werde." Dieses Gesuch ist jetzt vom Kultusminister beantwortet worden, und die Antwort lautet ableh n end. Kr. Thorn, 3. Mai. Durch das Hinfcheiden unseres hochverehrten Rabbiners, des Herrn Dr. I. Oppenheim, hat unsere Gemeinde einen schweren, fast unersetzlichen Verlust erlitten. Die Todesnachricht hat uns in die tiefste Trauer versetzt. Gleich nach dem Bekanntwerden der traurigen Mittbeilung von dem Heimgang des Herrn Dr. Oppenheim versammelten sich Vorstand und Repräsentanten zu einer außerordentlichen Sitzung und beschlossen die Ueberführung der sterblichen Hüllt des Verewigten atts L' erlin hierher. Mit diesem Beschluß erfüllten die Vertreter der hiesigen Gemeinde den letzten Wunsch des Verblichenen. Am Freitag den 1. d. M. traf die Leiche hier ein und wurde unter Begleitung der Vorsteher, Repräsentanten und der thätigen Mitglieder der Chewrah kadischah nach dem Tempel geleitet, woselbst der Sarg unter Bäumen und Blumettschmuck aufgebahrt wurde, wie denn vorher schon das Gotteshaus für diese Trauerfeier würdig ausgeschmückt war. Nachnlittags 2 Uhr fand die Trauerandacht statt, zu der sich nicht nur sämmtliche Mitglieder der Gemeinde, sondern auch viele der anderen Konfessionen eingefunden, so daß das geräumige Gotteshaus vollständig gefüllt war. Wir bemerkten die Spitzen der hiesigen Behörden, die Direktoren der hiesigen Schtllen, die Geistlichkeit, die höheren Gerichtsbeamten, viele Mitglieder des Kopernikus-Vereins und viele andere angesehene Bürger der Stadt. Als die nächstewLeidtragenden eintraten, begann die Feier mst einem auf dem Harmonium gespielten Präludium und dem von dem Männerchor des Synagogen-Gesangvereins vor-- getragenen inlHDI Ü1& "!T worauf der Sohn des Verstorbenen, der Rabbinatskandidat Herr Dr. Berthold Oppenheim, die Kanzel bestieg und in schmerzbewegter Rede seinen kindlichen Gefühlen Ausdruck" gab. — Nach ihm sprach der vom Vorstand berufene Herr Dr. Klemperer aus Bromberg. Hierauf schloß die Feier in der Synagoge mit einem' Trauergesang. Der Sarg wttrde von Vorstehern imb Repräsentanten in den Leichenwagen gehoben, und der Zug setzte sich um Sl/2 Uhr in Bewegung. Ihm gingen unter Führung der Lehrer die Schüler und Schülerinnen der Elementar-und Neligionsschule voran. Ein fast unübersehbares Trauergefolge gab dem Verstorbenen das letzte Geleit itad): dem Friedhof. Dort angelangt, übernahmen die Vorsteher der hiesigen Vereine den Sarg und trugen ihn nach der Leichenhalle. Herr Doktor Werner aus Danzig, als Delegirter des Rabbinerverbandes, nahm nun das Wort zn einer tief ergreifenden Rede. Nun wurde der Sarg von. den thätigen Mitgliedern der Chewrah zur Gruft getragen, und nochmals nahm an dem offenen Grabe Herr Dr. Rosenstein aus Graudenz das Wort. Warm empfundene Worte wurden dem Verewigten noch zum Schluß von einem aus weiter Ferne herbeigeeilten Neffen, Herrn Dr. Oppenheim aus Brünn, nachgerufen. Hierauf wurden die sterb-; lichen Ueberreste der Erde übergeben, und unter beit rituellen Gebeten, schloß sich die Gruft. Schmerzerfüllt schieden die Gemeindemitglieder von der Stätte, wo ihr geliebter Lehrer, Führer, Freund und Seelsorger, zur ewigen Ruhe gebettet ist. * %'tanffuvt a. M., 11. Mai. Heute früh starb plötzlich Herr Emil Rosenthal, ein Mann, der sich durch seine gemeinnützige Wirksamkeit große Verdienste erworben hat. Er war aus Bruchsal gebürtig und kam schon als ganz junger Mann tiach Frankfurt. Als Mitglied der Handelskammer war er einer der Vertreter dieser Körperschaft auf dem im vorigen Jahre abgehaltenen Binnen-Schifffahrts- * Kongreß in Manchester. Der Stadtverordnetenversammlung gehörte er seit 1882 an. Im Verein für Handel und Verkehr, den er begründen half, war er erster Vorsitzender; ebenso hatte er den Vorsitz im Vorstande der Israelitischen Gemeinde. Seit 14 Tagen waren starke asthmatische Beschwerden bei ihm aufgetreten, doch fühlte er sich; gestern noch relativ so wohl, daß er der Vorstellung im Opernhatlse beiwohnte. Sein menschenfreundlicher Charakter und seine Wohlthätigkeit verschafften dem Hingeschiedenen allgemeine Liebe und Achtung. Die' Beerdigung fand Mittwoch statt. Oesterreich - Ungarn. tt Wien, 10. Mai. Infolge des Feuilletons des Herrn Doktor Ad. Jellinek in Nr. 18 d. Bl. richtete Herr Baron Hirsch folgende Zeilen an den Verfasser derselben : „Euer Ehrwürden danke ich verbindlichst für die Uebersendung des interessanten Feuilletons, mit dem Ihre so gewandte Feder eine glückliche Mischung von Judaismus, Traum- ' deuterei und Philanthropie hervorgebracht hat. . . . Wenn mir nur Ihr Artikel nicht ungezählte Anträge auf Gevatterschaften einbÄngen wird! — Wie immer, in Hochschätzung Ihr ergebener M. v. Hirsch." * Triest, 10. Mai. Wie aus Corfu gemeldet wird, sind seit dem. 14. April die Juden in ihren Häusern förmlich wie G efangene Die Fenster der Judenhäuser sind geschlossen. Um sich Lebensmittel zu verschaffen, müssen die Juden heimlich in aller Frühe ausgehen und den Kaufleuten, die sich den Belagerungszustand zu Nutze machen, Alles dreifach bezahlen. Die Noth ist außerordentlich. Seit dem 23. April sind alle Synagogen geschlossen. Die Leiche eines Juden konnte erst 60 Stunden nach seinem Tode, von 20 Soldaten eskortirt, beerdigt werden. Der Handel liegt darnieder. Die Bevölkerung bewahrt ihre feindliche Haltung gegenüber den Juden. Die in Korfu gebürtigen Soldaten unterstützen den Pöbel in seinen Ausschreitungen. Wiederholt wurde versucht, die Häuser dadurch in Brand zu setzen, daß man die Thüren mit Petroleum begoß und mit getränkten Lappen umwickelte. Frankreich. * Paris, 4. Mai. Um über die Baron Hirsch'schen Kolonisationsprojekte Näheres zu erfahren, hat sich ein Berichterstatter des „New-Aork Herald" in das Palais des Barons in der Rue d'Elysse begeben. „Baron Hirsch," so schreibt der Interviewer seinem Blatte, „ist ein sehr thätiger Mann. Schon um 8 Uhr morgens beginnt er Leute zu empfangen und dies dauert gewöhnlich zwei volle Stunden." In Beantwortutlg meiner Frage, betreffend die pennsylvänische Kolonie, sagte er: „Nein, es ist nicht Pennsylvanien, das ist ein Jrrthum, ich habe soeben eine Kommission nach Argentinien geschickt und habe mich entschieden, die erste Kolonie dort zu etabliren. Später, wenn sich diese Ansiedlung bewährt, werden wir Kolonisten auch nach Brasilien, nach La Plata und anderen südamerikanischen Staaten schicken." — „Warum haben Sie gerade Argentinien gewählt?" — „Weil die Kommission berichtet hat, daß sich dort ein ausgezeichnetes Land für Ackerbau befinde. Wir haben dort schon 400 Familien angesiedelt und sie fühlen sich daselbst ganz wohl. Wir werden jetzt 1000, im nächsten Jahre 2000, im dritten Jahre 3000 bis zu 10,000 Juden nach Argentinien schicken, um sie dort anzusiedeln. Wir werden sie anfangs unterstützen, aber man wird auch alle Anstrengungett machen, damit die Kolonien sobald als möglich im Stande sein werden, auf eigenen Füßen zu stehen." — „Sie haben wohl einige Artikel des Petersburger „Herald"-Korrespondenten gelesen, in welchen derselbe ausführt, daß die Juden in Rußland die Slaven bedrücken?" — „Das ist nicht wahr; das ist reiner Fanatismus, es ist ein Werk der Synode. Sie würde in derselben Weise gegen die Protestanten Vorgehen, wenn sie dürfte. Das Oberhaupt der Synode wendete sich an den Zaren und sagte: Sie haben 5 Millionen Juden und 85 Millionen orthodoxe Unterthanen. Die Einen oder die Anderen müssen weichen. . . . Und solcher Art wurden die Juden von allen Beschäftigungen des Handels ausgeschlossen und in Distrikten isolirt, wo sie nicht leben konnten. Tausende und Tausende von ihnen gehen einfach an Entkräftung zu Grunde. Solche Verhältnisse könnten in einem anderen Staate als Rußland nicht Vorkommen." — „Wird die russische Regierung bei der Emigration der Juden unterstützend eingreifend — „Sie wünscht nur, die Juden über die Grenze zu bekommen, das ist Alles. Aber man wird nicht daran denken, ihnen das Reisegeld mit auf den Weg ztl geben. . . . Ich glaube, ich werde mein ganzes Vermögen in dieser Sache verwenden. . . . Was wäre denn eigentlich der Nutzen des Geldes, wentt man mit demselben nicht Gutes thäte?" * Paris, 9. Mai. Es bestätigt sich, daß Baron Hirsch in der That eine Mission nach Argentinien mit dem Aufträge gesandt hat, daselbst Landstriche für eine Ansiedelung der aus Rußland verwiesenen oder atrsgewanderten Juden zu erwerben. Bis jetzt ist der Erwerb der Ländereien noch nicht vollzogen; auch werden die zu einer Niederlassung der Kolonisten erforderlichen Einrichtungen eine' geraume Zeit beanspruchen. Es dürste daher den Juden in Rußland dringend anzurathell fein, nicht nach Argentinien auszuwandern, bevor sie nicht von antorisirter Stelle direkt benachrichtigt worden sind, daß die neuen Kolonie- Ländereien zu ihrer Aufnahme bereit sind. - Rußland. Petersburg, 9. Mai. Es verlautet, daß die Ausw ei sungen der Juden aus Moskau von den Behörden suspöndirt worden seien, tlnd daß überhaupt eine mildere Praxis Platz greifen solle. Insbesondere soll den auswanderungslttstigen Juden kein Hinderniß mehr in den