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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-05-15 · Heft 20 (15.5.1891) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 20 (15.5.1891)
Date
1891-05-15
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Demetrius ist hauptsächlich von armen Leuten bewohnt. Eine Christin, die an ihrer Thür stand, rief dem vorübergehenden Isaak: „Wohin führst du das Kind; es ist ja ein Christ!" Auf diese Worte hin versammelten sich die Nachbarn und Vorübergehenden um den verblüfften Juden. Vergebens versicherte er, daß das Kind der Sohn seines eigenen jüdischen Herrn sei, die Leute entrissen ihm den kleinen Jungen. In großer Verzweiflung lief Isaak zur Polizei, der es auch gelang, das Kind in einem benachbarten griechischen Hause aufzusinden. Unterdessen war auch der Vater herbeigeeilt und wurde von dem Kinde mit dem Rufe: Vater, Vater begrüßt. Selbst dieses fast untrügliche Zeichen, daß Isaak die Wahrheit gesprochen, verhinderte nicht, daß die drei in das Gebäude des Generalgouverneurs geschleppt wurden, wo sie erst nach langen Erklärungen freigelassen wurden. Hier möchte man glauben, daß solche Auftritte von Griechenland her angeregt werden. Auf einem Scbiffe, welches vor einigen Wochen vom Piräus nach Smyrna kam, bot eine Griechen Exemplare einer Flugschrift feil, welche dasselbe alberne Märchen auftischte, als sei Christenblut zum hebräischen Passahfest nothwendig. Zwei Juden, die sie wohl nicht als solche erkannte, kauften ihr einige Exemplare ab. Als das Schiff unterwegs auf Chios hielt, stiegen die Beiden ans Land und überreichten ein solches Exemplar dem Gouverneur, der die Frau auch sofort verhaften ließ; es wurde noch ein Sack voll solcher Flugschriften bei ihr gefunden. In Smyrna angelangt, überreichten die beiden Juden ein zweites Exemplar dem hiesigen Generalgouverneur. Dieser ertheilte dann auch den Befehl, daß alle vom Piräus ankommenden Schiffe untersucht werden sollten. In der That wurden auf dem österreichischen Lloyddampfer, welcher vergangenen Donnerstag von Griechenland ankam, zwei Männer vorgefunden, die auch zwei Säcke voll derselben Flugschriften bei sich halten. Die Schriften wurden sortgenommen und die Männer verhaftet. Das Flugblatt ist in Athen in griechischer Sprache gedruckt und elf Jahre zurückdatirt. Es ist dem Sultan gewidmet und enthält Abbildungen des Haupt-Rabbiners vou Smyrna und anderer. Auf einem Bilde sieht man verschiedene langbärtige Rabbiner, die, mit Messern bewaffnet, ein Kind halten. Es wäre zu wünschen, daß die griechische Presse und Geistlichkeit solchen verderblichen Aberglauben bekämpften. Amerika. * New Aork, 1. Mai. Ein schönes Denkmal warmherziger Nächsteuliebe hat ein edler Wohlthäter zu errichten unternommen. Herr Jonas Weil hat die schwierige Ausgabe übernommen, einen Fonds zur Errichtung eines neuen Hospitals in der oberen Stadt zu sammeln, in welchem Patienten ohne Unterschied der Konfession Aufnahme finden werden. Es ist denn auch Herrn Weil gelungen, bis jetzt etwa 40,000 Dollar für diesen Zweck zusammenzubringen. Obschon die Gesammtkosten mit 125,000 Dollar in Aussicht genommen sind, ist man doch bereits frischen Muthes zu dem Ankaufeeines geeigneten Grundstückes geschritten, und zwar ist das Gebäude und der Grundbesitz desUrsu lineri nnen- Kl öfters an Westchester Ave. zum Preise von 85,000 Dollar angekauft worden, während Herr Jonas Weil noch zwölf allliegende Bauplätze gratis hergegeben hat. Das Gebäude hat 300 Fuß Front bei 250 Fuß Tiefe. Dasselbe enthält 80 Zimmer, in welchen 4—500 Betten plazirt werden können. U Von Nah und Fern. Ei,l Hamburger Blatt läßt sich aus Berlin schreiben, daß Herr Rabbiner Dr. Deutsch in Brüx zum Prediger der hiesigen Reformgemeinde gewählt sei. Da bisher lloch keine Wahl erfolgt ist, und Herr Dr. Deutsch sich überhaupt nicht um den Posten beworben hat, so ist es schwer erfindlich, zu welchem Zweck diese falsche Nachricht verbreitet worden ist. — In voriger Woche starb Herr N oa h Lew insohn, Repräsentant linb eifriges Mitglied der Reformgemeinde, im Alter von 91 Jahren. — In der Ruhmeshalle im Zeughause zu Berlin ist auf einem Bild, welches die Huldigung der schlesischen Stände an Friedrich den Großen im Jahre 1741 darstellt, neben zwei Jesuitenpaters auch derOberrabbiner von Breslau dargestellt. — Dr.Schliemanns Nachfolger, Dr. Waldstein, ist ein in New-Dork geborener Israelit. — Dr. Adolph Baginskh, der Direktor des Kaiser und Kaiserin Friedrich-Krankenhauses, einer der bekanntesten Berliner Kinderärzte, beging in voriger Woche sein 25jähriges Doktor-Jubiläum. — Eine „natio- . nale" Bismarck-Feier wurde - von den Antisemiten m Feenpalast veranstaltet. Die Herren wollten den Wahlsieg des „Heros des Jahrhunderts" feiern. Den Reden der Böckel und Konsorten folgte eine Kneiperei. — Zur Rabbinerwahl in Breslau wird uns gemeldet, daß in erster Reihe Herr Professor Dr. David Kaufmann in Budapest in Aussicht genommen ist. Die Unterhandlungen schweben noch. Außerdem sollen fünf Kandidaten zu Probevorträgen geladen werden. Es sind dies die Herren Dr. G u t t m a n n-Hildesheim, Dr. Löw-Szegedin, Dr. Rippner-Glogau, Dr. Schwarz-Karlsruhe und Dr. Ziemlich-Nürnberg. — Der Herzogliche Geheime Kabinets- Rath Schmidt auf Schloß Räuden, der vieljährige Vertrauensmann des Herzogs von Ratibor, ist dem „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" beigetreten. — Am 10. d. M. fand eine Versammlung des oberschlesischen Gemeindeverbandes statt. Auf der Tagesordnung standen u. A. der Bericht über den Stand der Gründung eines Waisenhauses für den Regierungsbezirk Oppeln und die Beschlußfassung über den Entwurf eines einheitlichen Gemeindestatuts für sämmtliche Synagogengemeinden Oberschlesiens. — Die „Kölnische Zt.g." bezeichnet neuerdings die russischen Emigranten als „nutzloseMitesser", die „Europa wie Heuschrecken überfallen". Edel sei der Mensch, hilfreich imt> gut. — In der Versammlung des „Volksvereins für das katholische Deutschland", die jüngst in Paderborn stattfand, sprach der Generalvikar und Domdechant Herr Dr. Schulte jüngst die Worte: „Den Konfessionen gegenüber muß der Grundsatz für. uns maßgebend sein, daß wir uns mit einander vertragen; jede religiöse ssetze, gleichviel ob sie gegen uns Katholiken oder gegen evangelische Christen oder auch gegen die Juden gerichtet ist, müssen wir als einen Frevel bezeichnen, welcher die Lehre des Christenthums schwer verletzt". Wir wollen wünschen, daß dies nicht blos „Worte" bleiben. — Herr Generalkonsul Josef Bondi in Dresden wurde anläßlich des Geburtsfestes des Königs Albert zum Kommerzienrath in Titel und Rang ernannt.— Zur Ausbildung jüdischer Krankenpflegerinnen hat sich in Prag ein Damenkomiten konstituirt. Die Ausbildung wird im Spital der israelitischen Gemeinde durch den Primararzt Herrn Dr. Saar erfolgen. — FranzösischeBlätter sind entrüstet, weil einem Israeliten, der die Ausstellung , in Moskau beschicken wollte, von dem russischen Konsul in Paris der Paß verweigert wurde, mit dem Hinweise, es müsse seitens der Bittsteller ein Taufschein vorgelegt werden. Trotz der Intervention der französischen Regierung erfolgte nach dem „Memorial diplomat." gleichfalls Ablehnung seitens des nordischen Reiches. — Bei dem Lever, welches der Prinz von Wales Montag in London abhielt, wären unter Anderen auch Lord Rothschild, Baron Ferdinand de Rothschild M. P., Hon Walter Rothschild, Lieut. Kolonel Goldsmid, Lieut. Jessel, Mr. W. Aronsberg und Mr. H. L. Bischoffsheim anwesend und wurden von Sr. königl. Hoheit mit Ansprachen beehrt. — Herr David Montezinos in Amsterdam vermachte dem Ez-Chaim- Vereine der Sephardim-Gemeinde eine Bibliothek. — Das russische Publikum scheint gelehrig zu sein. Es heißt, daß mehrere Petersburger Typographen beabsichtigen, gehörigen Ortes zu petitioniren, daß jüdischen Typographie-Besitzern verboten werde, andere Bücher zu drucken, als in jüdischer Sprache. Als Grundlage für diese Petition gedenken die Bittsteller ein in Vergessenheit gerathenes Gesetz heranzuziehen, nach welchem Juden nur Typographieu für den Druck jüdischer Bücher eröffnen dürfen.— Der Vorstand der jüdischen Gemeinde in Rom hat es für nothwendig befunden, drei von den fünf daselbst vorhandenen Synagogen zu schließen. Der Grund dieser Maßnahme ist, daß der Kommunalfonds sich als unzureichend erweist, um die Kosten für das geistliche und weltliche Personal an diesen Synagogen zu bestreiten. — Die Israeliten in Jaffa, welche bisher, wie alle Gemeinden Palästinas, in Sephardim und Aschkenafim und letztere wieder in Peruschim, Chafsidim u. s. w. gespalten waren, haben sich zu einer Gefammtgemeinde vereinigt. — Im Monat Februar starb zu Philadelphia Ellen Philips, eine Dame, welche ihr Leben der Förderung von Wohlthätigkeitswerken widmete. Dieselbe hinterließ der Alliance die Summe von 25,000 Frcs. — Herr Albert Mosse in Tunis ist zum Hilssfriedensrichter ernannt worden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für du Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.'

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