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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-05-15 · Heft 20 (15.5.1891) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 20 (15.5.1891)
Date
1891-05-15
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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55. Jahrgang. Nr. 20. fr ^jfr frfr'f'-^» (Berlin, 15. Mai 1891. Weitctge zur „Allgemeinen DeiLung des IuöenLHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. * Berlin, 11. Mai. Mit antisemitischer Dreistigkeit hat der bekannte Exhofprediger vor wenigen Tagen sich erlaubt, den Namen Moltke's zn verunglimpfen, indem er den Heimgegangenen Helden vor seinen Christlich-Sozialen als „Vorbild für unseren Geisteskampf" proktamirte. Wie Moltke über die Beziehung der Konfessionell zu einander dachte, davon mögendie nachfolgenden Briefe, dieuns im Original vorliegen, Zeugniß geben. Der erste ist vorn 6. Februar 1867 datirt lind an den (zur Zeit hier lebenden) Rabbiner Dr. Aron Ca ssel, ehemals in Schrimm a. d. W., gerichtet. Herr Dr. Cassel hatte die Predigt, welche er zur Feier des Friedensfestes in der Synagoge zu Schrimm gehalten hatte, zum Besten des „Nationaldanks für Invaliden" herausgegeben und einzelne Exemplare an die Heerführer der preußischen Armee geschickt. Die Antwort Moltke's lautete: „Geehrter Herr Doktor! Die Zusendung Ihrer am 11. November 1866 gehaltenen Rede hat mich sehr erfreut, indem ich darin ein Zeichen erblicke des einträchtigen Zusammenwirkens aller St ände und Konfes si onen zum Wöhle und zur Größe des Vaterlandes. Mit verbindlichstem Danke verbleibe ich 'Ihr ergebenster (gez.) w Moltke, General der Infanterie".— Nicht minder interessant und bezeichnend für die edle Denkweise des Grafen Moltke ist ein anders Schreiben, welches derselbe im Oktober v. I. an einen deutschen Rabbiner gerichtet hat. Letzterer theilt hierüber — mitdem Ersucheil;- seinen Namen und Wohnort bei eineretwaigen Veröffentlichung zu verschweigen — Folgendes mit: Zum 90. Geburtstage übermittelte ich dem General-Felomarschall Moltke die Gratulation meiner Gemeinde nebst Bericht über unfern Festgottesdiest und erhielt folgende Antwort mit eigenhändiger Unterschrift: „Sehr geehrter Herr Rabbiner! Nehmen Sie meinen verbindlichsten Dank für die freundlichen Worte, mit denen Sie mir die Glückwünsche der **’* Gemeinde zu meinem Geburtstage ausgesprochen haben. Es freut mich aufrichtig, aus Ihren! Schreiben zn ersehen, daß auch unter den Mitgliedern Ihrer Gemeinde die Erinnerung an jene große Zeit lebendig geblieben ist, in der alle Unterschiede der Konfession und der Landesangehörigkeit zurücktraten vor dem Bewußtsein der Zugehörigkeit zum großen deutschen Vaterlande, das mit Einsetzung seines Lebens zu vertheidigen jedes Staatsbürgers schönste Ehrenpflicht ist. Berlin, den 30. Oktober 1890. Hochachtungsvoll ergebenst Gr. Moltke, Feldmarschall." * Berlin, 5. Mai. In der gestrigen Sitzung des Abgeordnetenhauses erklärte der Kultusminister Herr v. Zedlitz-Trütschler Namens der Regierung, daß derselbe auf die Weiterberathnng des Schulgesetzentwurfs in diesem Jahre kein entscheidendes Gewicht lege. Aber ebenso betonte er, daß damit die gesetzliche Regelung der Sache nicht in eine unbestimmte Ferne hinausgerückt sein solle, und daß Alles geschehen werde, was an ihm liege, um den Landtag von Neuem vor diese wichtige Frage zu stellen. W. Berlin, 10. Mai. Im Gotteshause der jüdischen Reform- Gemeinde veranstaltete am letzten Sonntag Herr Professor Breslaur eine Wohlthätigkeits-Mätinee, in welcher er mit religiösen Gesäugen des von ihm dirigirtett Synagogen-Chores einen großen künstlerischen Erfolg davontrug. Der Chor überwand nicht nur das Aeußere seiner Aufgaben in bester Weise, sondern brachte auch ihren innern Gehalt durch edle Stimmgebung und weihevollen Vortrag zu schönster Geltung. Dasselbe ist den Solistinnen des Chores nachzurühmen, welche das Engelterzett aus dem Elias vortrugen. Von den aufgeführten Chorwerken heben wir einen a eapella-Psalrn des Dirigenten „An Babels Flüssen", welcher melodiös und ausdrucksvoll ist, und das von Lewandowsky mit feiner harmonischer Kunst für Chor gesetzte „Colnidre" hervor. Das Konzert wurde von vorzüglichen Kräften unterstützt. Herr Hofopernsänger Ko ihm ühl sang mit der an seinen Vorträgen bekannten Schönheit des Klanges und der Nnanzirung zwei Arien, nicht mindertrefflich trug Frank. Luise R ei mann zwei Lieder vor, Herr Professor de Ahna erfreute durch Beethoven'sche und Schumann'sche Violinstücke. Herr Organist Grün icke leitete das Konzert durch eine virtuos gespielte Bach'sche Fuge ein; außerdem betheiligte sich noch, mit prächtiger Wirkung, ein Blechbläser-Chor unter Leitung des Kammervirtuosen Herrn Kosteck, welcher durch eine interessante Fantasie (mit Orgel) von Ed. Rohde und eine Gluck'sche Hymne dem weicheren Toninhalt des Programms einen kräftigen Gegensatz hinzufügte. J25 Berlin, 10. Ma'. Dem soeben ausgegebenen neunten Jahresbericht der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthnms in Berlin geht eine Abhandlung Professor Steinthals: „Zur Geschichte Sauls und Davids" voraus. Dem Bericht selbst entnehmen wir nachstehende Daten: Die ordentliche General-Versammlung des Jahres 1890 hat am 26. April 1890 stattgefunden. Nach Erstattung des Jahresberichtes und Ertheilung der Decharge sind in statutenmäßiger Wahl für das Kuratorium die nach dem Turnus ausscheidenden Mitglieder, Dr. S. Neumann, Georg Meyer uud Dr. Heinrich Meyer Coh n wiedergewählt worden. An Stelle des verstorbenen Herrn Dr. Ludwig Philippsvn ist Herr Kommerzienrath Ludwig Max Goldberger in das Kuratorium eingetreten. Im Laufe des Berichtsjahres hat die Lehranstalt und das Kuratoriunr einen schweren Verlust durch den Tvo seines Mitgliedes, des Herrn Kommerzieuraths Jsaac Simon erlitten; während sieben Jahre hat derselbe von ganzem Herzen seine treue und eifrige Arbeit unserer Anstalt gewidmet. — Am 14. März d. I. ist Herr Geh. Kommerzienrath Meyer Cohn aus dem Leben geschieden. Derselbe hat von 1883 bis 1888 dem Kuratorium angehört. Auch nachdem er gelegentlich seines 70jährigen Geburtstages aus dem Kuratorium ausgetreten war, hat er nicht aufgehört, der Anstalt sein Interesse zu widmen. — Die Zahl der Hörer hat betragen: im Sommersemester 1890 38, und zwar 21 Deutsche und 17 Reichsausländer (12 aus Oesterreich-Ungarn, 5 aus dem russischen Reich). Sämmtliche Hörer (Inwie Ausländer) waren Maturi; im Wintersemester 1890/91 35, und zwar 21 Deutsche und 14 Reichsausländer (9 aus Oesterreich-Ungarn, 5 aus dem russischen Reich). Sämmtliche Hörer (Inwie Ausländer) waren Maturi. Die Prüfung hat im Laufe des Berichtsjahres bestanden Herr Dr. Klotz; derselbe ist zum Rabbiner nach Raudnitz in Böhmen berufen worden. — Die Erben und Testamentsvollstrecker des sel. Herrn RentiersDavid Herzog, der Herr Geh.Komm.-Rath Wilhelm Herz und der inzwischen verstorbene Herr Julius Jacob Meyer, haben eine David Herzog'fche Freitisch-Stiftung errichtet. Aus der Stiftungsurkunde sei hier angeführt, „daß der Zweck der Stiftung die Begründung und Erhaltung von Freitischen für die Studirenden der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums zu Berlin ist", und „daß zu den fünf Mitgliedern des Kuratoriums der Stiftung je ein Mittglied des Kuratoriums und des Lehrer-Kollegiums der Lehranstalt gehören". Als solche fungiren jetzt Herr Rechtsanwalt Dr. Landau und Herr Rabbiner Dr. Maybaum. * Berlin, 10, Mai. Mehrfach war schon die Diebe von einer Bewegung, welche unter den Studirenden der Technischen Hochschule Platz gegriffen hatte. Diese Bewegung richtete sich gegen die zahlreich vorhandenen jüdischen Studenten aus Rußland, von denen in einer allgemeinen Studenteuversammlung gesagt wurde, daß „ihre Sitten und ihr Aeußeres bei den übrigen Studenten einen unliebsamen Eindruck hervorbrächten". Im vorigen Jahre wandte sich der Ausschuß der Studirenden an den Rektor der Hochschule mit dem Gesuche, auf die Ausschließung dieser Studirenden hinzuwirken; aber der Rektor, Prof. Reuleaux, wies die Gesuchsteller kurzer Hand ab, und er gab ihnen deutlich seine Anschauung über diesen Punkt dahin zu verstehen, daß die Studirenden sich nicht um Dinge künnuern sollten, die sie nichts angingen. Die Angelegenheit rnhte hierauf eine Weile, wurde aber im neuen Studienjahre von Frischem ausgenommen. Es fand eine allgemeine Studentenversammlung statt^ über deren Verlauf alle Theilnehmer derselben zu strengem Stillschweigen sich verpflichten mußten. Man erfuhr also darüber keine Einzelheiten; nur das Eine wurde bekannt, daß die Studentenversammlung den Ausschuß der Studirenden beauftragte, an den Kultusminister ein Gesuch zu richten, welches verlangte, daß „ausländische

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