Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1891)
- Date
- 1891-05-15
- Page
- Seite 240 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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240 wie es ihnen von Eltern und Erziehern ÜberliLfert worden sei. Wegen des engen Zusammenhanges von Recht und Moral waren die Juristen zuerst aufgefordert worden, während die Einholung dH Unterschriften von Notabeln anderer Stände für später Vorbehalten bleibt. Die Aufforderung an die Juristen war außer von denjenigen Rechtsgelehrten, welche an der Abfassung der Sätze mitgearbeitet hatten (Justizrath Meyer, Jusiizrath Mako wer, Direktor Herrmann ist Berlin) und den juristischen Ausschußmitgliedern des Gemeindebundes (den Justizräthen Sutro-Bochum, Josephthal-Nürnberg, Rechtst anwälten Berlfey-Hannover, Stern I und Landau-Berlin, sowi^ dem Syndikus Dr. G. Minden) noch von den folgenden hervorragendest Juristen unterzeichnet: Geheimer Jnstizrath Dr. Gold schm idt-Berlin- Oberlandesgerichtsrath Dr. Heinsheimer - Karlsruhe, Justizrath Dr. Rau- München, Stadtrath Milch- Breslau, Regiernngsrath Dr. Schmal-Stuttgart und Regierungsrath Dr. Magnus-Berlin- Der Erfolg des Aufrufes entsprach den Erwartungen. Hunderte von deutschen Juristen jüdischen Glaubens beeilten sich, durch ihre Unterschrift zu bezeugen, daß die „Grundsätze" nicht nur ein theoretisches Programm seien, sondern daß sie in der Ueberzengung der heutigen jüdischen Generation fest wurzeln. — Nunmehr, nach diesem glänzenden Zeugniß, durfte an die umfassende Verbreitung der „Grundsätze" gedacht werden. Doch noch fehlte eins. Von Rabbinern und mehr noch von den Männern der Praxis wurde auf die Nothwendigkeit hingewiesen, den Sätzen die Belegstellen ans Bibel und Talmud beizugeben. Freilich erhoben sich hiergegen Stimmen. Es wurde bezweifelt, ob beim das alte jüdische Schriftthum überhaupt im Stande sein werde, Sätze zu liefern, welche als Belege für den fortgeschrittenen Standpunkt der heutigen Ethik genügend erscheinen dürften. Trotzdem ist der Versuch gemacht worden. Uns liegt das kleine Merkchen heute in einer handlichen; Ausgabe vor, und wir müssen gestehen, daß der Versuch vollständig ge-' glückt ist. Allerdings haben auch treffliche Männer ihre Kraft daran gesetzt, um jeder an seinem Theile zum Gelingen des Ganzen beizntragen-- Der Löwenantheil der Arbeit fällt dem Vorsitzenden des Gemeindebundes, dem Geheimrath Dr. Samuel Kristeller zu; ihm stehen als Helfer zur Seite: Professor Bloch in Budapest, Prediger Blumenäu in Kassel, Kaufmann Hausdorff in Leipzig, Rabbiner Dr. Horovitz in Frankfurt a. M.. Gymnasialoberlehrer Dr. Horovitz in Thorn, Prediger Dr. Adolf Jellinek in Wien, Kaufmann Kalischer in Thorn, Amtsrichter Ka lisch er in Schwiebns, Dr. G. Karpeles in Berlin. Rabbiner Dr. Kayserling in Budapest, Dozent Dr. I o el M ü l l er in Berlin, Rabbiner Dr/ Rosenzweig in Berlin, Rabbiner Dr. Rothschild in Alzey, Seminardirektor Dr. Stein in Kassel, Lehrer Straßburger in Buchau, Oberrath Willstätte r in Karlsruhe, Rabbiner Dr. Z n cke rmandel in Pleschen. Dieses erlesene Kollegium hat nicht nur das Bekenntniß, welches die Judenheit in den „Grundsätzen" erläßt, mit dem Panzer unumstößlicher Beweiskraft umgürtet, sondern auch ein Spruchbuch hergestellt, daß sich mit all dem auf diesem Gebiet Erschienenen wohl messen kann. Julius Koch, Past.: „Israel und wir". Eine Zeitpredigt. Berlin 1891. Vaterl. Verlags-Anstalt. Unter diesem Titel ist von dem. Pastor an der Elisabethkirche zu Berlin, eine „Zeitpredigt" erschienen, die er kürzlich in der Bethlehemskirche bei der Jahresfeier des Vereins „zur christlichen Fürsorge für jüdische Proselyten" gehalten hat. Der Name dieses Predigers dürfte unseren Lesern aus antisemitischen Versammlungen her nicht unbekannt fein. In der uns vorliegenden „Zeitpredigt" befaßt sich der Autor mit der Frage: „Was fangen wir mit den Juden an?" In der Phantasie des Verfassers ist zwischen Israel und den Christen „ein Kampf auf Tod und Leben entbrannt", und da wir einmal im Jahrhundert der „Missionen" leben, bürdet er den Christen eine Mission an Israel und den Juden eine Mission an die Christen auf. Israel, welches nach der Meinung des Verfassers, durch die „Nichtanerkennung Christi als Gottessohn" sich ins Unglück gestürzt, soll der gläubigen Christenheit als ein lebender Beweis dienen, wie tief der Mensch sinken kann, wenn er sich von diesem Glauben lossagt. Die Christen hingegen sollen schon aus Mitleid mit Israel Alles aufbieten,- um „diesem Volke Christum zu bringen". Da aber das moderne Judenthum gar darauf verfallen ist, das jüdische Volk in seiner Gesarnrntheit für den Messias auszugeben, so sei es des Christen Pflicht, dem irrenden Volke seinen Jrrthum klar zu machen und ihm Frieden und Erlösung durch die Bekehrung zu verkünden. Das ungefähr ist in Kürze der Inhalt dieser „Zeitpredigt". Wir sind weit davon entfernt, uns mit dem Pastor an der Elisabethkirche in eine religiöse Diskussion einzulassen. Aber wir möchten ihn nur auf das auch ihm heilige Gebot Hinweisen: „Du sollst den Namen des Ewigen deines Gottes nicht mißbrauchen", was in dieser „Zeitpredigt" in salbungsvoller Weife oft geschieht. Gleichzeitig ertheilen wir ihm den wohlgemeinten Rath, anstatt über Sitten und Lehren des Jndenthums zu urtheilen und die Juden als ein „mit seinen noch vorhandenen Spuren von Witz und Geist" ätzend und zersetzend wirkendes Volk im Leben der Völker zu bezeichnen, sich lieber mehr in die Sitten und Lehren des wahren Christenthums zu vertiefen, welches gleich der Mutterreligion den Spruch des Propheten hoch in Ehren hält: „Der Fromme lebt in seinem Glauben glücklich." Albert Katz. --- Der jüdische Kultusbeamte. Ei n Stiefkind der jüdischen Gemeinden. Von Lion Wolfs. Berlin 1891. Verlag des Bibliographischen Bureaus. Diese Broschüre enthält viel Wahres und Beherzigenswerthes und kann daher Jedem, der Sinn und Interesse für die Erhaltung und Förderung des jüdischen Gemeindelebens, ganz besonders aber den Gemeindevorstehern en'.pfohlen werden. Durch seine langjährige Wirksamkeit als Prediger, Kantor und Religionslehrer in verschiedenen größeren und kleineren Ortschaften unseres deutschen Vaterlandes, sowie als „Vorsitzender der Hilfskasse für israelitische Kantoreil" hat der Verfasser vollauf Gelegenheit gehabt, die prekäre Lage, in welcher sich die meisten jüdischen Kultnsbeamten oft Zeit ihres Lebens befinden, zur Genüge kennen zu lernen. Hier mld da erscheinen die Farben allerdings etwas grall aufgetragen zu sein. Gemeindevorsteher, wie Wolff sie schildert, mag es ja wohl geben, im Allgemeinen aber sind es doch meist Männer, die weniger aus Ehrgeiz und Herrschsucht, als aus Liebe zu ihrer angestammten Religion und im Interesse der Gemeinde, der sie angehören, sich der Mühewaltung und den Unannehmlichkeiten dieses Ehrenamtes unterziehen. Nicht minder scharf ist des Verfassers Urtheil über die polnisch-russischen Kantoren und Schächter.-die, ans ihrem Heimathslande vertrieben, oder weil sie dort keine Existenz finden können, zu uns herttberkommen, um hier ihre Kenntnisse und Fähigkeiten in angestrengter, redlicher, vielfach herzlich schlecht bezahlter Arbeit zu verwerthen. Und die Gemeinden können sie unmöglich entbehreil, da es eben viel zu wellig deutsche Kantoren itnb Schächter giebt, als gebraucht werden. Daß manche Charaktereigenschafteil uns im Allgemeinen nicht sympathisch finb, wollen wir zugeben. Wir sind auch überzeugt, daß jede Gemeinde einem Deutschen den Vorzug vor einem Ausländer, namentlich vor einenl Russen, geben würde; aber der junge Mann, der sich dem Lehrerfache widmet, hält es gewöhnlich unter feiner Würde, sich auch noch zum Schächter anszubildeu, imb besitzt häufig nickt die Fähigkeit, als Kantor zu fungiren. Deshalb erscheint uns der Vorschlag, Seminarien zur Ausbildung jüdischer Kultnsbeamten, die alle Funktionen in einer Person vereinigen, zu errichten, kaum ausführbar. Immerhin verdient aber das mannhafte Eilltreten des Verfassers für eine bessere soziale Stellung seiner Amtsgenossen Anerkennung und Beachtung; wir wünschen und hoffen, daß feine Bestrebungen auf diesem Gebiete voll Erfolg gekrönt sein mögen, auch ohne daß er sich veranlaßt sehen sollte, „die Negierung von ben unwürdigen Zuständen der jüdischen Selbstverwaltungen in Kenntniß zu seheil". A. P. V ----- Das Maiheft der von Paul Lindau herausgegebenen, in der Schlesischen Verlags-Anstalt vormals S. Schottlaender in Breslau erscheinenden Monatsschrift „Nord und Süd" ist geschmückt durch das Portrait des jüngsten berühmten deutschen Dramatikers Hermann Sudermann, den wir hier auch als Dichter in gebundener Form kennen Lernen. — An novellistischen Beiträgen enthält das Heft eine feine Erzählung des Dünen Johll Paulsen: „Frau Larsens Sohn", sowie eine kleine, aber sehr hübsch geschriebene Novelette von Julius Petri. — Das hochinteressante Tagebuch Ferdilland Lassalles, mit Eiilleitung von Paul Lindau, wird fortgesetzt. Es enthält den ersten Theil seiner Leipziger Zeit. Wir kommen auf dasselbe liad) Abschluß des Ganzen noch einmal zurück. — Clemens Sokal in Wien kritisirt eingehend ben neuesten Roman von Zola „L’Argent“. — Von ganz besonderer Reichhaltigkeit ist diesmal die Bibliographie. Druck und Verlag dort Rudolf Mosse in Berlin. . Verantwortllch für die Redaktion: Max. Bauchwitz in Berlin.