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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-05-15 · Heft 20 (15.5.1891) · p. Seite 239

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 20 (15.5.1891)
Date
1891-05-15
Page
Seite 239 (sequence 11)
Language
German
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239 „Ohne Hingebung giebt es keine Liebe/' warf er zärtlich, glühend ein. „Kleine, holde Thörin, glaubst Du, daß wir Männer lieben, ohne besitzen zu wollen? Ich weiß, was ich Dir schuldig bin. Deine Ehre ist mir heilig," wie.die meine, fuhr er hastig fort, als er bemerkte, wie sehr Rosa ihre Schritte beschleunigte, um die Vorangehenden, welche sie bei der herrschenden Dunkelheit nicht-mehr genau zu erkennen vermochte, zu erreichen, „aber ich hoffe, Dich einst als mein Weib umarmen zu dürfen, habe das Recht, Dir den Verlobungsküß auf die Lippen zu drücken. Verzeihe mir, — aber sieh, als Jurist liebe ich ein rasches Verfahren," scherzte er, indem er sie trotz ihres sanften Sträubens, von Neuem an sich zog, um ihren Mund mit Küffen zu bedecken. „So, und jetzt höre mir zu, mein süßes Mädchen, und dann sage mir noch, es sei ein Unding, wenn ich an unsere Verbindung denke. Erst aber sage mir noch einmal, daß Du mich liebst." Rosa schmiegte sich einen Moment an den jungen Mann an, der sie um Kopfeslänge überragte. Sein edles, vornehm geschnittenes Gesicht mit der zierlichen Nase, den feingezeichneten dunkelbraunen Augenbrauen, unter welchen die schön bewimperten, von Geist und Leben sprühenden Augen hervorleuchteten, erschien wie von Glück verklärt. Ein zärtliches, etwas siegesgewisses Lächeln schwebte um den von einem zierlichen blonden Bärtchen beschatteten Mund, dessen rothe Lippen zwei Reihen prachtvoller Zähne durchschimmern ließen. Sie könnte weder dem Zauber seiner Persönlichkeit, noch seiner hinreißenden Beredtsamkeit widerstehen; sie mußte ihn lieben, und wenn dabei auch ihr Glück in Trümmer ging, und wenn auch die Vernunft ihr tausendmal wiederholte, es sei ein Verbrechen an sich und ihren Angehörigen, wenn sie den zauberischen Tönen lauschte, die ihr Ohr und ihr Herz gleich schmeichlerisch berührten. Sie horchte seiner sonoren, weich klingenden Stimme wie einer süßen Musik; jedes seiner Worte rief ein Echo in ihrem Herzen wach; sie hätte vor Wonne ausjauchzen mögen, als sie eine Minute in seliger Vergeffenheit an seiner Schulter lehnte, die Allgen in zärtlicher Gluth zu ihm erhoben, und dennoch war ihr so weh zu Muthe, als öffne sich vor ihr ein Abgrund, in den sie zerschmettert hinabsinken müsse, wenn sie nicht die moralische Kraft gewann, über ihr heißes Empfinden für den fremden Mann zu siegen. „Es kann ja nicht sein," klang es endlich leise, abgebrochen über ihre Lippen, welche noch unter den Küffen Conrads erbebten. „Ich „darf mir mein Glück nicht mit dem Frieden der Meinen erkaufen; ich kann, mit dem Fluche des Vaters beladen, nicht selig sein an Deiner Seite." „Ein Vater, der seinem Kinde flucht, liebt es nicht," entgegnete Conrad ernst, „Du verkennst Deinen Vater und überschätzest die Macht seines Willens. Warum hat Dein Bruder ihm Trotz geboten? Steht vielleicht die freie Wahl eines Lebensberufes höher als die Wahl eines Gatten? Sei muthig, Geliebte; kämpfe um Dein Glück, auch mir," setzte er leise hinzu, „wird der Kampf nicht erspart bleiben." „Du sollst um mich nicht kämpfen, und ich vermag es nicht," lispelte sie, „gieb' es auf, Conrad. Laß Dir genügen an meiner Liebe; eine Verbindung führte zuin Unglück. Ich fühle es, daß ich mit der Trennung von Dir mein Todesurtheil besiegele," fuhr sie leidenschaftlich fort, „allein die Pflicht fordert, daß ich Abschied nehme von dem Traum von Glück, den ich Dir verdanke. Das Bewußtsein, von Dir begehrt wordeil zu sein trotz der Schranken, welche uns trennen, wird mir meine Pflichterfüllung leichter machen. Leb' wohl, Conrad!" Sie wollte sich aus seinem, sie sanft umschlingenden Arm befreien, er aber preßte sie fester an sich; ihr tief in das schöne, vom Mondlicht übergossene, jetzt todtenbleich erscheinende Antlitz blickend, bat er zärtlich: „Bleib bei mir, Rosa, der Augenblick, wo ich Dir sagen kann, was ich Dir sagen muß, kehrt so bald nicht wieder. Ich begreife Dein Empfinden, aber Du darfst Dich von den Dich beengenden Verhältniffen nicht beeinfluffen lassen, sobald es sich um Deine und meine Zukunft handelt. Dein Vater wird zürnen, toben, fluchen, wenn er erfährt, das; Du mir, dem verhaßten Manne, in welchem er den Fremden sieht, obwohl ein Boden uns erzeugt und dieselbe Sprache uns verbindet, angehören willst; auch meine Eltern werden sich gegen unsere Verbindung mit aller Kraft sträuben, denn auch sie stehen noch nicht auf der geistigen ^nd sittlichen Höhe, um in dem Menschen eben nur den Menschen zu sehen; um kosmopolitisch zu denken. Ich aber sehe in Dir nur das Weib meines Herzens, — liebe mich, Rosa, — liebe mich mit der ganzen reinen Gluth Deiner keuschen Mädchenseele und Du wirst nichts, nichts fürchten, als eine Trennung von mir." Er drückte noch einen hastigen Kuß ans ihre Stirn, dann ließ er ihren Arm frei. Sie hatten die Landstraße erreicht, welche sie noch von den ersten Häusern der Stadt trennte. Der alte Hochbaum und Else warteten hier ihrer, und jetzt gruppirten sie sich wieder, wie es auf dein Hinwege geschehen. Rosa vermochte nur mit Anstrengung dem Geplauder der Freundin Aufmerksamkeit zu schenken; ihre ganze Seele war in Aufruhr; wie eine Erlösung' kam es ihr vor, als sie das elterliche Haus erreicht hatte. Doris erwartete sie vor der Hausthür; in ihren Zügen konnte man eine leichte Verstimmung lesen, als sie, nachdem sich Hochbaums von Rosa verabschiedet hatten, meinte: „Lasse Dich doch nicht so viel mit den Leuten sehen; sie meinen es doch nie ehrlich mit den Juden und Du bringst Dich, Gott behüte, noch ins Gerede. Der Vater, weißt Du, sieht es nicht gern, aber," fuhr sie liebevoller fort, indem sie einen besorgten Blick in das schmerzlich verzogene blasse Gesichtchen warf, „Du scheinst unwohl zu sein, Du bist blaß — komm Rosel, Gott erbarme sich, jetzt weint sie gar," rief sie erregt, „hat man Dir etwas gethan, Dich beleidigt? Sprich doch, Rosel; Du weißt, ich kann Dich nicht traurig sehen, mein Goldchen, mein Leben." Ihren Arm uni die schlanke Gestalt legend, zog sie Rosa in die Hausthüre; weinend lehnte sich das junge Mädchen an die Schulter der älteren Schwester. „Doris, ich möchte sterben," schluchzte es auf. (Fortsetzung folgt.) U Fitterarische Mittheilungen. * lieber die Arbeiten des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes in Sachen der von ihm herausgegebenen „Grundsätze der jüdischen Sittenlehre" ist schon seit längerer Zeit nichts in die Oeffentlichkeit gedrungen. Trotzdem ist gerade nach dieser Richtung hin seitens des Bundes eine sehr eifrige unb — wie wir heute zu berichten in der Lage sind — recht erfolgreiche Thätigkeit entwickelt worden. Wir rechnen hierzu kaum die immerhin beachtenswerthe Thatsache, daß bereits über 20,000 Einzelexemplare der „Grundsätze" ihren Weg in das jüdische Publikum Deutschlands gefunden haben, nnd daß ihre Aufnahme in mehrere Neligionslehrbücher bereits erfolgt ist. Wichtiger ist, daß die Sätze mit der Unterschrift voll über 200 deutschen Rabbinern nnd sonstigen Kennern des jüdischen Schriftthums versehen im Mai vorigen Jahres an die jüdischen Juristen in Deutschland versandt wurden. Hatte die Unterschrift der Rabbinen den Beweis erbringen sollen, daß die Sätze im jüdischen Schristthum ihre Wurzel hatten, so sollten die modernen Rechtsgelehrten ihr Glltachten abgeben, ob dieselben i hrer Ansicht vom Judenthum entsprächen,

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