Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1891)
- Date
- 1891-05-15
- Page
- Seite 236 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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23« Werbefreiheit, der Freizügigkeit, der staatlichen Rechte verfolgen, und Schritt für Schritt begegnen wir dem Druck der Trübsal, überall sehen wir Thränen und Trauer. Hilfe kann dem russischen Juden von innen heraus nicht werden. Nur eine Reform der russischen Gesetzgebung, der russischen Beamtenwirthschast, der freie Luftzug gesunden, rechtlichen, geraden Denkens, der sich mit Sturmesgewylt erheben und das heilige russische Reich durchziehen wird, er wird die Schranken wegfegen und die Fesseln zerbrechen. Jeder Civilisirte aber soll seine Augen und sein Herz öffnen und Mitwirken an der Befreiung der unglücklichen jüdischen Sklaven, indem er den Flüchtling-beschützt und ihm mit aller Kraft hilft. 9 Me Juden in Corfu. Von Dr. M. Kayserling. Durch die Verfolgungen, welchen die Juden in Corfu in diesen Tagen ausgesetzt waren und welche nach den neuesten Nachrichten ihr Ende noch nicht erreicht haben, sind unsere Blicke theilnahmsvoll auf unsere Glaubensgenossen in der Hauptstadt der gleichnamigen Jonischen Insel gerichtet. In Corfu sind die Juden unter der Herrschaft der Venetianer und Spanier aus Italien, besonders Sizilien, und der pyrenäischen Halbinsel eingewandert; die Consolo, Cantoni, Vivante, Romano, Mordo, die Penso, Aboab und andere jüdische Familien ließen sich im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert dort nieder. Don Isaak Abravanel fand, aller seiner Habe beraubt, in Corfu einen Zufluchtsort und zu seiner großen Freude auch einen Schatz: seinen in der Jugend begonnenen, lange Zeit für verloren gehaltenen Kommentqr zum fünften Buch Mosis. Don David ben Salomon Jbn Jachia, der vertriebene Prediger der Liffaboner Gemeinde, wurde in Corfu gastlich ausgenommen, und der Maranne Diogo Joseph, ein Arzt aus Porto, beschloß hier sein kummervolles Dasein. Hier lebte im 16. Jahrhundert der Machsor-Erklärer Joseph ben Abraham, und der gelehrte Rabbiner David Cohen, der Verfaffer von Rechisgutachten, erblickte in Corfu das Licht der Welt. Die Juden in Corftl theilten Jahrhunderte lang das Schicksal ihrer überall unterdrückten Glaubensgenossen, bis die Franzosen sich der Insel bemächtigten und die Grundsätze der Freiheit und Gleich? heit auch hier zur Geltung brachten. Die Rechte und Freiheiten, welche sie unter französischer Herrschaft genoffen, verloren sie jedoch, als die Republik der Sieben Jonischen Inseln im Jahre 1815 wieder hergestellt wurde. Sie hatten den Haß, ja die ärgsten Mißhandlungen des griechischen Pöbels zu erdulden; erst unter der englischen Herrschaft, besonders als der edle Mettlen Lord-Oberkommiffar der Insel wurde, verbefferte sich ihre traurige Lage. In Corfu herrschte die Sitte, in der Osternacht eine Prozession durch die Straßen vorzunehmen, welche von der Heiligen Geist-Kirche, der größten der Stadt, ihren Anfang nahm und mit einem Ausfall in die Judengasse schloß; dort angelangt, wurden Thüren und Fenster zertrümmert, und wehe dem armen Juden, der es gewagt hätte, sich in der Straße zu zeigen. Da kam Lord Mettlen. Vierzehn Tage vor Ostern schickte er dem Erzbischof den Befehl, ihm die Schlüssel der Kirche zum Heiligen Geiste auszuliefern. Der Erzbischof leistete Gehorsam und brachte sie ihm sofort. „Gut!" sagte Mettlen, „in vierzehn Tagen ungefähr können Sie Ihre Schlüssel wiederholen." — „Wie?" fragte verwundert der Erzbischof, „wiffen denn Ew. Lordschaft nicht, daß von dieser Kirche unsere Prozession ausgeht?" — „Gerade aus diesem Grunde wünsche ich diese Kirche geschloffen zu sehen," erwiederte Lord Mettlen, „um die Beleidigungen zu verhindern, welche alljährlich gegen die Juden verübt werden." Erst nachdem der Erzbischof die ganze Verantwortung auf sich genommen hatte für den Fall, daß die Ordnung gestört würde, erhielt er die Schlüssel zurück. Von jener Zeit an wurden die Juden nicht mehr beschimpft. In ähnlicher Weise verfuhr er in Zante. Dort war es Sitte, am Charfreitag unter großem Jubel des zusammengelaufenen Volkes' einen Juden in effigie zu verbrennen. Lord Mettlen unternahm gerade einen Ritt durch die Stadt, als das Volk sich versammelte, um an dem entsetzlichen Schauspiel sich zil ergötzen. Eiligst begab er sich in das Gouvernementsgebäude und ertheilte einigen englischen Offizieren den Befehl, sofort einen Strohmann anzufertigen, der einen griechischen Priester darstelle. Er ließ sodann das Männchen ans den Marktplatz bringen und gab Ordre, es anzuzünden. Als die Menge dies sah, schickte sie schleunigst eine Deputation an den Lord-Oberkommiffar, um ihn von dem zu benachrichtigen, was seine Offiziere gethan. „Ich weiß es," sagte der Lord, „aber ich kann es nicht verhindern; bei uns ist es Sitte, jedes Jahr einen griechischen Priester in ei’figie zu verbrennen." Die Deputation bat ihn inständigst, es zu verhindern, was er endlich unter der Bedingung versprach, daß mich sie .in Zukunft das Verbrennen eines Juden in effigie unterlassen. Die abscheuliche Ceremonie des Judenverbrennens hörte auf; die Thore der unter venetianischer Herrschaft in Zante aufgerichteten Ghettos fielen. Als Lord Mettlen starb, hielten die Juden der Jonischen Inseln Trauerreden wie für einen Bruder; während seines Begräbnisses war die Thür der Synagoge in Corfu mit der Inschrift versehen: „Wir sind Waisen, die ihren Vater verloren haben." Zu Anfang der sechziger Jahre zeigte sich unter den Corfiten eine freundliche Gesinnung gegen die Juden. In die Kommission für den Anschluß der Jonischen Inseln an Griechenland wurde ein Jude gewählt, und das Komitee, das berufen worden, zehn der Annexion geneigte Deputirte für das Parlament zu wählen, erkor den Advokaten Abraham Leon de Semo zum Präsidenten. Verfaßte doch der Präsident dieses Parlaments, Dr. Nervo, eine vom Geist des Liberalismus getragene Schrift über „Ursprung und Gesetzgebung der Hebräer". Freudige Hoffnungen knüpften die Juden Corfus an die Thronbesteigung des Königs Georgios I., und in der That wurde im Juni 1864 ihre bürgerliche Gleichstellung ausgesprochen und zum Gesetz erhoben; sie fand auch schon nach wenigen Jahren ihre praktische Ausführung. Bei den Magistratswahlen am 3. April 1870 wurden Elia de Mordo, deffen Ahn im 16. Jahrhundert Rabbiner und Arzt in Corfu war, zum ersten Beisitzer, D. Gesua und Giuseppe Nacamulli, der vor vier Jahren verstorbene Redakteur der Zeitschrift „Famiglia israelitica“,,der das hebräische Gebetbuch zum ersten Mal ins Neugriechische übersetzte, zu Stadträthen ernannt. Vier Jahre später wurde der genannte Elia de Mordo zum Bürgermeister der Stadt erwählt. Die Juden in Corfu, welche ein Fünftel der ganzen Bevölkerung ausmachen, sind zum größten Theil arm und bestehen aus Lastträgern, Handwerkern und Krämern, doch finden sich unter ihnen auch einige Advokaten und Aerzte. Der praktische Arzt Samuel Romain gehört zu den hervorragendsten neugriechischen Dichtern und Sitteraten; Lazaro Belliui wird von den griechischen Gelehrten sehr geschätzt. Die Juden sind in Corfu eine Hauptstütze der griechischen Regierung, dadurch zogen sie sich den Haß der griechischen Bevöllerung zu. Unter dem gestürzten Ministerium Trikupis waren sie gegen Verfolgungen geschützt; der Regierungswechsel hat die aufgeregten Elemente ermuthigt. Nicht die Religion, sondern der blinde politische aäsääkääU