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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-05-15 · Heft 20 (15.5.1891) · p. Seite 237

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 20 (15.5.1891)
Date
1891-05-15
Page
Seite 237 (sequence 9)
Language
German
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WWWMM 237 Verfolgungswahn und etwas Brodneid sind der einzige Grund zu den gegenwärtigen Ausschreitungen des Pöbels, gegen welche die Regierung umfassendere Schutzmaßnahmen trifft. Anläßlich des Osterfestes wurde der Kordon um das Judenviertel verstärkt. Den: Militär wird cs hoffentlich gelingen, die Ruhe in Corfu wieder herznstellen. U Der Jude als Uomanstgur. Von Dr. Carl Pinn. H. „Väter und Söhne" lautet bekanntlich der Titel des hervorragendsten Romans, welchen die moderne russische Literatur hervorgebrächt hat. Dieser Gegensatz zwischen den Alten und den Jungen, der hier mit solcher Meisterhaftigkeit von Turgenjew geschildert wird, das Aufeinanderplatzcn zweier Weltanschauungen ist cs auch, das sich wie ein rother Faden als leitender Gedanke durch fast alle Romane zieht, die das moderne Judenthum behandeln; nur wird hierbei nicht überall dieselbe vornehme Objektivität gewahrt wie in Franz Zieglers „Noudum“. In diesen Fehler tendenziöser Darstellung ist leider auch Gustav Freytag in seinem allbekannten Roman „Soll und Haben", der ja sonst als Mustcrroman gelten kann, verfallen. Gestalten, wie der alte Ehrenthal und Beitel Jtzig, Wucherer, denen nichts heilig ist außer ihrer Familie, die erbarmungslos ihren Opfern das Blut aussaugen, mag es wohl vereinzelt unter den Juden gegeben haben und noch geben; sie aber gewiffermaßen als typisch für das Judenthum hinzustellen, darin liegt eben das einseitig Verwerfliche einer solchen Eharakteristik. Was nützt dem gegenüber die wahrhaft ideale Charakterzeichnung des jungen nur seiner Wiffenschaft lebenden Bernhard Ehrenthal. Weit plumper und unverfälschter tritt uns diese Tendenz bei einem der Führer unserer jüngsten modernen realistischen Romanschriftsteller, bei Max Kretzer, entgegen. Letzterer zieht in seinem Roman „Die Betrogenen" auch die Judenfragc in den Bereich seiner Betrachtungen. Das wäre an und für sich nichts Schlimmes, wenn eine Judenfrage als solche überhaupt existirte. Aber was man gefliffentlich als Judenfrage bezeichnet, ist nur ein willkürlich herausgeriffener Bestandtheil der sozialen Frage überhaupt. Dies müßte ein Schriftsteller Don der Bedeutung eines Kretzer wissen, und deshalb ist es Unrecht, wenn er die Bedrückungen, die sich das Großkapital den Arbeitnehmern, speziell den Mäntelnäherinnen, gegenüber zu Schulden kommen läßt, gerade dem jüdischen Damenkonfektionär Mendel Baruch in der Rosenthalerstraße in Berlin zur Last legt- Freilich tritt uns in dem christlich - germanischen Verlagsbuchhändler Rente! ein nicht minder habgieriger Vertreter des Großkapitals entgegen, welcher die Arbeitskraft des begabten aber verkommenen Philologen Dr. Dagobert Fisch und des genialen jungen Dichters Oskar Schwarz für seine Kolportage-Romane auf das Schmählichste ausnutzt. Wenn jedoch der letztgenannte junge Mann elendiglich zu Grunde geht, so hat er dies in noch höherem Grade als Herrn Rente! und seiner unglückseligen Leidenschaft zu seiner Gespielin und Altersgcnoffin, der Proletarierstochter Magda Becker, die dem Fluche des Geldes und der Verführung unterliegt, hauptsächlich dem hinterlistigen Diebstahl der Gattin des jüdischen Journalisten, Agenten, Kommissionärs rc. Dr. phil. Joachimsthal, welche das Werk des jungen Autors für das Ihrige, ausgiebt und so auf leichte Weise die Früchte seiner Thätigkeit erntet, zu verdanken. Außer diesen Typen: Baruch/ Joachimsthal und Frau, die unter Vorwissen des Gatte» mit einem reichen, natürlich jüdischen, Bankier in einem intimen Verhältnisse steht, um so die Kosten des luxuriösen Haushaltes bestreiten zu können, lernen wir ferner ein hartherziges jüdisches Pfandleiherpaar, sodann deren Neffen, den Börsenmakler Felix Rosenstiel, kennen. Dieser, ein grundhäßlicher, aber durchtriebener 'junger Mann, hat sich durch seine Frechheit in die Kreise junger Offiziere, die er seinem halsschneiderischen Onkel als Opfer zuführt, einzudrängen gewußt. Der Autor scheint selbst herausgefunden zu haben, daß so viele abstoßende jüdische Figuren peinlich berühren müssen. Deshalb rechtfertigt er sich in der Einleitung des Langen und Breiten gegen den etwaigen Vorwurf antisemitischer Gesinnung, was immerhin nach dem bekannten Sprüchwort: „Qui s’excuse, s’accuse“ nicht ganz unbedenklich ist. Außerdem sucht Kretzer diesem Vorwurf durch die Charakteristik der Familie Schirach vorzubeugen. Der. Vater wird uns als ein eingewanderter rumänischer Handelsmann mit den humansten Weltbeglückungstheorien, die Mutter als der Typus einer edlen Hökerin und der Sohn als ein dem Erhabensten zugewandter Geist mit hervorragender inusikalischer Begabung vorgeführt. Aber auch an diesem Lichtbilde stört wieder die leidige Thatsache, daß der junge Leonhard Schirach nicht durch sein eigenes Talent sich siegreich Bahn bricht, sondern nur durch die Protektion einer einflußreichen Clique von Glaubensgenossen zu Ansehen und Geltung gelangt. Mit weit größerer Berechtigung, als der von Freytag, Kretzer und unzähligen anderen Autoren - ich erinnere nur an die Figur des Reklamereporters Dr. Hirsch Meyer in Dingelstedts „Amazone" — den Juden mit Vorliebe gemachte Vorwurf des skrupellosen Jagens nach materiellem Gewinn und sinnlichen Genüssen, läßt sich ein anderer gegen unsere modernen Glaubensgenossen erheben, der des Judifferentismus gegen ihre eigene Religion, eine Gleichgiltigkeit, die sich bisweilen sogar bis zur Geringschätzung des Glaubens ihrer Väter steigert. Die Fälle sind leider nicht selten, wo heutzutage Juden sich ihres Ursprungs schämen. Diese eigenthümliche Strömung hat naturgemäß auch in der Romanlitteratur ihren Ausdruck gefunden. Namentlich der eigenthümliche Widerspruch in dem Wesen so mancher, zu bedeutendem Reichthum gelangter Juden, daß er selbst für seine Person noch getreu dem ererbten Glauben anhängt, jedoch für seine eigenen Töchter aristokratische Schwiegersöhne sucht und so gerade das kostbare Gut, was selbst unsere erbittertsten Gegner zu allen Zeiten haben anerkennen müffen, gefährdet, ist ein zu dankbares Sujet, als daß es den modernen Romanschriftstellern ganz hätte entgehen können. Mit feinem Spott wird das Bestreben mancher Juden gegeißelt, sich mit Elementen zu amalgamiren, die in ganz anderem Jdeenkreise ausgewachsen und auch erzogen worden sind, wodurch Jahr aus Jahr ein leider Hunderte das aus den Händen geben, was das Judenthum bis jetzt in erster Reihe widerstandsfähig erhalten hat. Was dies ist, lassen wir es uns von einem aufgeklärten evangelischen Geistlichen erklären. In Wilhelm Jordans herrlicher Schöpfung „Die Seebalds" frägt der junge Pastor Seebald den alten Mendez, einen reichen, aber unter fremdem Einflüsse zelotisch gewordenen Banquier, der seiner Tochter einen ungeliebten Gatten «ufzwingen will, so daß diese auf den verzweifelten Gedanken kommt, sich taufen zu lassen, und zwar von eben dem genannten Pastor, der viel zu human gesinnt ist, um diese Situation auszunützen: „Wissen Sie, wie es kommt, daß die meisten Juden, selbst in fernen Ländern, der Sprache nach Deutsche geworden sind?" „Sie sind es geworden, kraft derselben Eigenschaft, welche sie befähigte, weiland die erfolgreichste Weltreligion zu liefern. Aus derselben Eigenschaft erwllchs die Kraft der Römer. Das bisher höchste Maß eben dieser Eigenschaft hat dann den Germanen die Gewalt gegeben, das verrottete Römerreich zu besiegen und die neue

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