Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1891)
- Date
- 1891-05-15
- Page
- Seite 233 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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233 Die Konzentration im biblischen Geschichtsunterrichte. Von Gustav Eichengrü», Realschullehrer. Die Methodik soll die biblischen Erzählungen als Geschichte und Religion betrachten. Zur Religion werden sie dem Kinde erst, wenn sie ihm vorher Geschichte waren. Der historische Stoff der heiligen Schrift soll deshalb in erster Linie von dem Lehrer als solche behandelt werden. Noch ein zweites, nicht minder wichtiges Motiv bekräftigt unsere Forderung. Diesterweg spricht es — allerdings nur ganz nebenbei — mit folgenden Worten aus: „Nur darauf will ich noch aufnierksam machen, welch' ein Gewinn dem Kinde für die Auffassung der Geschichte überhaupt, für das eigentliche Verstehen derselben dadurch zukommt, daß es zuerst mit der Geschichte des jüdischen Volkes bekannt wird." Den Altmeister zu erläutern, sei Oscar Jäger ziiirt: „Es sind die cilifachsten Volks- und Staatsznstände, Zusammenhänge, Uebergänge, Steuern sind „Geschenke, mit denen man. die Hand des Königs füllt"; Anarchie: „um diese Zeit Ivar kein Richter in Israel"; das Ganze getragen von einer Auffassung, die tief ist, ohne dunkel zu sein, vorgetragen in einer Sprache, deren Congenialitüt mit dem kindlichen Alter schon der stehende Gebrauch der direkten Rede charakterisirte; eine Welt, die für die Kindheit zugleich den vollen Reiz des Fremden lind Entlegenen und die gauze Deutlichkeit des unmittelbar Gegenwärtigen und Gewissen hat." Hiermit wollen die beiden Autoritäten aber keineswegs gesagt haben, daß die biblischen Erzählungen nur für die Darbietungsstufe werth sind, als Geschichte methodisch behandelt zu werden. Viele bereiten für die allgemeine Geschichte vor, aber das ist doch nicht von Allen zu behaupten. Gewisse Perioden aus dem Leben des Volkes Israel kann nur der reifere Verstand erfaßen. Vor Allem aber ist es ein erhabener Gedanke, der die Bibel zur Geschichte macht: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht!" Hierdurch werden die Geschicke Israels ein Charakteristikum für das Entstehen und Vergehen aller Völker. Aus dem Gesagten geht hervor, daß der Methodiker den historischen Theil der Schrift auf allen Unterrichtsstufen zunächst als Geschichte behandeln muß. Somit findet fast Alles, was je Methodisches über die profane Geschichte gesagt und geschrieben worden ist, auch auf die biblische Geschichte Anwendung. —Zwei Punkte sollen im Folgenden namentlich berücksichtigt werden: 1. die Bibel als Vorbereitung für die Geschichte, 2. die biblischen Erzählungen im Vergleich mit der profanen Geschichte. I. Das Kind iveiß vom Elternhause her, daß der Vater als der Herr des Hauses anerkannt wird. Diese Anschauung findet es in der Patriarchengeschichte wieder. Dem Bekannten schließen sich tut Laufe der Erzählung neue Begriffe an. Der Patriarch wird der Stammvatereines großen Volkes; dieses soll sich deshalb als etwas Zusammengehöriges betrachten. — Der Stammvater Jakob hinterläßt zwölf Söhnx. Ihre Nachkommen betrachten sich als Rechtsgleiche, weil sie sich als Kinder eines Vaters fühlen. Der gemeinsame Vater Jakob — Israel — vererbt dem Volke seinen Namen, sie sind Israeliten. Diese wißen auch ihren Stammbaum auf einen der Söhne des Erzvaters zurückzuführen; Israel wird darum in zwölf Stämme eingetheilt. Die Erstgeborenen der Stammesväter nehmen das vererbte Recht des Vaters den Brüdern gegenüber in Anspruch. Jene heißen darum Aelteste oder Fürsten der Gemeinde. Wie der Vater Herr und Richter seiner Angehörigen zur Patriarchenzeit war, so ist die Gemeinde dem Stammcsfürsten, dem Acltesten unterworfen. Er schlichtet Streitigkeiten, erklärt. und' verbreitet Gesetze und ist nach Kräften Berather und Versorger seiner Brüder. Der Aelteste erkennt zunächst den Führer und Richter des Volkes als Herrn über sich an. Dieser erhält, wie einst der Patriarch, Satzungen und Befehle von Gott, in dessen Namen er das Volk regiert. — Die Befugnisse und Pflichten der Staiumcsvätcr wachsen, als Israel das Land Palästina — das Land des Ur-Urvntcrs — in Besitz nimmt. Kanaan ist in Wahrheit das Vaterland des Volkes. Das Land wird in zwölf Stämme oder Provinzen eingetheilt. Der Führer des Volkes heißt Richter; Israel ist eine Republik. Der Richter ist Präsident; ihm stehen bei der Regierung die Aeltesten als Vertreter der Gemeinden zur Seite. — Der Führer ist ein König; Israel ist ein Königreich. II. Geist und Leben wird den Helden in der biblischen Erzählung und den aus ihr entwickelten Begriffen durch die Konzentration eingehaucht. Indem das Kind Vergleiche aus der Geschichte und dem Staatsleben der anderen Völker suchen muß, wird das Denkvermögen angeregt und gestärkt und der Anschauungskreis erweitert. Da muß sich der Lernende sagen: Es war doch Alles, Alles schon einmal da, „geschieht und führt fort zu geschehen". So lernt der Schüler aus der Vergangenheit die Gegenwart verstehen. Die Geschlechter der Vorzeit haben nicht umsonst gelebt: ihr Wollen und Vollbringen sind ein Ansporn für die Nachwelt geworden. Ihr Geist hat für die Jetztzeit gedacht, ist in den Jetztlebendcn. In harmonischer Verbindung stehen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Unsterblichkeit. Einige Vergleiche seien im Folgenden angeführt: Die Stammeseintheilung bei den Israeliten entspricht den 12 Provinzen Preußens. Auch in der Geschichte Deutschlands wird uns von Stämmen erzählt. Aus dem Stamme der Ost- und Westfalen ist eine Provinz geworden, weil sie als Abgestammte eines gemeinsamen Stammvaters zusammengehören. So bei den Sachsen, Hessen re. — Die Aeltesten der Israeliten haben die gleichen Rechte wie die Grafen und Herzöge des Mittelalters. — Der Gideon der Israeliten ist der Cherusker Hermann, Abimelech, der seine Brüder tödtet, weil er fürchtet, sie könnten ihm die Herrschaft streitig machen, ist Chlodwig der Franken. Das Schiboleth der Ephraimiten ist das Ciceri der Italiener. Saul geht aus, um die Eselinnen seines Vaters zu suchen und findet eine Königskrone, dem Sachsenherzog Heinrich wird beim Finkenfangc die Kaiserwürde übertragen. Der Streit zwischen Saul und Samuel ist der mittelalterliche Kampf zwischen Papst und Kaiser. Der König David lebt im segensreichen Andenken seines Volkes fort. An seinen Namen' und seine Nachkommenschaft knüpft Israel die beglückendsten Hoffnungen: Wer sieht darin nicht den Barbarossa der Deutsche», der im Kyffhäuser ruht und auf Deutschlands Einigkeit wartet? Lothar und Pipin empören sich gegen ihren Vater Ludwig, wie es vordem Absalon und Adoniah gegen David gethan haben. Der Kampf der Jünglinge auf dem „Felde der scharfen Schwerter" gleicht dem der Horatier und Curiatier. Abner warnt den Knaben Asahcl vor einem Kampfe mit ihm: Wittich gegen Orth, Scharf und Diethcr. Solche Vergleiche lassen sich bei fast jeder biblischen Geschichte finden. So wird es auch in dieser Disziplin ermöglicht, „daß", wie Lessing sagt, „eine Scienz in die andere übergeht". Dann erst wird der wahre Geist den Schülern aus der Bibel entgegenleuchten. U