Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1891)
- Date
- 1891-05-15
- Page
- Seite 232 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Besser stand es mit den biblischen Nachrichten über Arabien. Ganz besonders mußte der allerdings märchenhaft klingende, aber dennoch einen historischen Kern bergende Bericht über die Entrevue einer Königin von Saba und Salomos des Weisen die Vorstellung wachrufe», daß bereits damals, also im zehnten Jahrhundert vor Christi Geburt, ein arabisches Königreich (Saba) existirte. Aber gerade mit Rücksicht auf die klassischen Autoren, die von einem so alten Sabäerreich absolut nichts melden , und im Hinblick auf die Schilderung jenes Besuches hat man von der ganzen Erzählung für historische Zwecke keinen Gebrauch gemacht, und so konnte es kommen, daß man sich sklavisch an das hielt, was die Klassiker berichten, und die Sabäer und Miuäer auf wenige Jahrhunderte vor und nach Christus beschränkte, ohne sich übrigens auch nur für diesen Zeitraum um irgend ein Detail zu kümmern. So kam das ohnehin schwer zugängliche Arabien, das ja auch heute noch viel weniger bereist oder bekannt ist als Afrika, nach und nach in den Geruch, daß es eine vorislamische oder gar vorchristliche Geschichte überhaupt nicht habe und eine Art Barbarenland gewesen sein müffe, über das es genügt, dasjenige zu wisien, was uns die alten Autoren überliefert haben. Dieser beschaulichen Genügsamkeit haben die Jnschriftenfunde ein Ende mit Schrecken bereitet. Schlag auf Schlag wurde nachgewiesen, daß die Geschichte der Sabäer das ganze erste Jahrtausend vor Christi Geburt und noch einige Jahrhunderte nachher ausfüllt, des Weitern, daß den Sabäern die Minäer in der Herrschaft vorangingen und weit ins zweite vorschriftliche Jahrtausend zurück verfolgbar sind, daß das Volk der Himjare», das man für den eigentlichen und ältesten Kulturträger Arabiens hielt, in Wirklichkeit in der Reihe der arabischen Reichsvölker das letzte war und nichts zu schaffen hat mit Sabäern und Minäern, daß endlich in Arabien namentlich unter dein König Dhu-Nuwas um 525 ein mächtiges jüdisches Reich existirt hat, das erst von dem äthiopischen König Elesbaas zerstört wurde. Diese Nachweise, sämmtlich Ergebnisse meiner Reisen, habe ich in den letzten Jahren veröffentlicht, und gerade während ich diese Zeilen zu Papier bringe, erhalte ich von einem jüdischen Freunde aus Arabien die Nachricht, daß man dort, meinen Spuren folgend, neuerdings Inschriften entdeckt habe, welche bisher unbekannte Königsnamen enthalten. Man geräth förmlich in Verlegenheit, wenn man diese zahlreichen Könige zeitlich unterbringen soll. In meiner Steinkollektion der dritten Reihe beispielshalber befindet sich eine gar merkwürdige Inschrift, volle 23 Zeilen Text enthaltend, welche ein förmliches Schutz- und Trutzbündniß verschiedener Könige Arabiens wiedergeben: eines sabäischen Königs 'Alhün, eines Königs Ghailän von Hadhramät und andere; darunter sogar Gadarot, König von Habaschat, d. h. Abessiniens, aber nicht des afrikanischen Abessiniens, sondern des südarabischen Stammlandes der Abessinier! Das Alles zur Zeit der „Könige von Saba", also Jahrhunderte vor Christi Geburt! Und nun entdeckt man abermals einen Stein mit noch längerer Inschrift, in der einzelne der vorigen Könige, aber auch der Sohn 'Alhans von Saba und weitere Königsnamen eine Rolle spielen. Was enthält die neue Inschrift? Welche neuen Räthsel giebt sie uns auf, welche alten löst sie? Wird es uns gelingen, auch diese zweifellos historisch wichtige Inschrift im Originale nach Europa zu retten? Im Original, das muß betont werden; denn selbst die beste Kopie ist nur ein matter Schimmer im Vergleich zu einem Abdruck, und der Abdruck, besonders der auf Papier, welcher in Arabien allein in Betracht komint, ist im Verhältniß zum Original oft nicht mehr" werth als etwa ein Gipsabguß im Vergleich mit einer originalantiken Venus. In Arabien aber handelt es sich gegenwärtig vor Allem um inschriftliche Monumente, und erst, wenn wir ein vollständiges Bild der Geschichte des Landes haben werden, wird auch dem Auffinden von Gegenständen der Künsteeine gewiffe Aufmerksamkeit zu schenken sein. Ob man solche außer Altären, Todtengesichtsmasken, Urnen und Siegeln, von denen ich im Laufe der Jahre einige wenige sammeln konnte, in größerer Anzahl finden wird, ist derzeit nicht auszumachen. Vor Allem aber ist die historische Entwickelung dieses Landes für uns »vichtig, und diese lernen wir aus den Inschriften kennen, nicht aus Kunstgegcnständeu, Ueberdies bietet jede-Inschrift auch noch ein sprachliches Interesse, das besonders in unserer Zeit der Blüthe der vergleichenden Sprachforschung, der Linguistik überhaup mit ihren herrlichen Erfolgen nicht unbeachtet bleiben darf. Wir leiden noch viel zu sehr unter dem Einfluß der antiken griechischen Kunst. Das wird man vielleicht sonderbar finden; aber es ist so. Weil die griechischen Antiken viele Jahrhunderte hindurch für unsere Kunst mit Recht maßgebend und vorbildlich waren und noch sind, hat sich nach und nach bei uns für Kunstgegenstände überhaupt ein Vorurtheil festgesetzt, selbst solchen Völkern gegenüber, wie Aegyptern, Babyloniern, Assyriern rc., bei denen doch im Vergleich mit den Leistungen der Griechen von Kunst kaum die Rede, sein kann. Ueber dieser Vorliebe für Kunstgegenstände vergißt man ganz, daß wir im alten Orient vor Allem historische Zeugnisse brauchen. Ein bischen Schuld an diesem Stande der Dinge trifft wohl die Gelehrten selbst, da es viele derselben bequemer finden, über ein Formgebilde ein Buch zu schreiben, als schwer zu bewältigende Inschriften zu entziffern und nach ihrer historischen, geographischen und sprachlichen Bedeutung zu prüfen. Aber auch das Publikum ist nicht ganz freizusprechen; denn seinem Geschmacke zu Liebe erwerben die Museen mit Vorliebe oft die nichtssagendsten Reliefdarstellungen rc., alles nur fiir das Auge. Die Herstellung eines gewissen Gleichgewichtes in diesen Dingen scheint mir dringend geboten, besonders im Interesse der Wiffenschaft. Im Allgemeinen gilt wohl der Satz: Der Wissenschaft die orientalischen Funde, der Kunst die griechischen Antiken! Orientalische, speziell altarabische Jnschriftenfunde sind jetzt vorhanden. Damit ist der Stein ins Rollen gerathen und unserer Orientalistenwelt fällt die schwierige aber lohnende Aufgabe zudas neue Material entschloffen aufzugreifen und daraus den stattlichen Bau für die Geschichte Altarabiens, der bereits begonnen ist, zu vollenden. An tüchtigen Baumeistern und Werkleuten fehlt es in der deutschen Wissenschaft glücklichertveise nicht. Rüdiger, Osiander, Blau, die sich alle mit Altarabien beschäftigten, waren Deutsche, Professor Franz Prätorius in Breslau, der Münchener Semitist Professor Fritz Hommel und der gelehrte Konsul Dr. I. H. Mordtmann in Salonik wirken noch jetzt als die hervorragendsten Forscher auf unserem Gebiete, das auch in Oesterreich (durch Professor D. H. Müller), Frankreich (durch die Professoren Derenbourg und Halövy) und in England gepflegt wird. Eine Reihe jüngerer Gelehrten, die auf verwandtem Gebiete schon längst Hervorragendes geleistet haben, wie beispielshalber der hiesige Privatdozent Dr. Hugo Winckler, beginnen ihrerseits auch bereits, die Axt anzulegen, und so kann es denn nicht fehlen, daß Altarabien gar bald keine terra ineoKinta mehr sein wird. Ach, befände sich doch in meiner Kollektion der Stein, der.die ganze Orientalistenwelt in Bewegung setzen und auch die eigentlichen Arabisten und Vertreter verwandter Disziplinen bestimmen würde, nicht so vornehm wie bisher auf Altarabien herabzublicken! Dann würde man sich an der Thatsache erfreuen und erheben können, daß die Erforschung des alten Orients, auch die Arabiens, immer mehr und mehr eine Domäne deutscher Wissenschaft wird. U