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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-05-15 · Heft 20 (15.5.1891) · p. Seite 230

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 20 (15.5.1891)
Date
1891-05-15
Page
Seite 230 (sequence 2)
Language
German
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Ferdinand Gregorovius. Von Dr. Adolf Jellinek. Der erste Mai d. I. brachte uns die Trauerkunde, daß der berühmte Geschichtsschreiber der Stadt Rom im Mittelalter und deren Ehrenbürger verschieden. Im vorigen Jahre war eine Preisfrage die Veranlassung, daß ich in nähere Beziehung zu dem großen Historiker trat. Die in Wien bestehende, auf meine Anregung ins Leben gerufene Dr. Moritz Rappaport'sche Stiftung für Preisausschreibungen genehmigte meinen Vorschlag, folgende Preisfrage zu stellen: „Geschichte der Juden in Rom seit ihrer ersten Niederlassung in der Hauptstadt des römischen Reiches bis zum Verschwinden des römischen Ghetto unter der Regierung des Königs Humbert I."; Die Lösung dieser Frage gehörte zu den Lieblingsthemen, die seit Jahren meinen Geist und meine Phantasie in Anspruch nahmen. Die Geschichte der Juden in Rom! Wie viel höchst interessante Seiten bietet sie dem Denker, Forscher und Bekenner des Judenthums. Sie übt einen mächtigen Reiz aus, mag man sie in politischer oder sozialer oder litterarischer Beziehung behandeln, und verschafft eine wunderbare Perspektive dem Auge des Juden. Wenn man sich vergegenwärtigt, wie der selbstbewußte Cicero, der so viel auf den volltönenden Numerus hielt, aus Furcht vor den einflußreich gewordenen Juden bei einer Stelle aus seiner Rede pro Flacco seine Stimme dämpfen mußte; wie die Juden in Rom tieftrauernd bei der Asche Julius Cäsars laut wehklagten; wie die römische zeunesse doree Freitag Abend in jüdischen Familien erscheint, um an der Sabbathfeier theilzunehmen, worüber der römische Antisemit Jouvenal sich ärgert; wie die römischen Juden nacheinander das Kaiserthum zusammenbrechen, die Barbaren die Herrschaft ausüben und die Päpste regieren sahen; wie in dem römischen Ghetto Poesie und Wissenschaft ruhmvolle Vertreter hatten, ein Kalonymos beißende Satyren und ein Immanuel köstliche Makamen dort dichtete. Wenn man sich dann das Rom unserer Tage vor Augen hält, wie die weltliche Herrschaft des Papstes geschwunden ist und mit ihr das kölnische Ghetto, wie Söhne israelitischen Volkes im römischen Municipium, ini italienischen Parlament, Senat und Ministerium Sitz und Stimme haben, so muß man, besonders wenn man dem jüdischen Bekenntnisse angehört, dieses große historische Drama, das in der Stadt der Cäsaren und der Päpste sich abspielt und dessen Held der Jude ist, voll Bewunderung betrachten, sowohl jeden einzelnen Akt wie jede einzelne Szenedesselben. Keine Partie der jüdischen Geschichte vermag die Phantasie, den Geist und das Herz so zu fesseln, wie die der römischen Juden. Infolge der Preisausschreibung wurden drei Arbeiten eingereicht, zwei von christlichen Verfassern und eine von einem jüdischen Gelehrten. Nun galt es, nach den Statuten der Stiftung drei Preisrichter zu nominiren und sich die Gewißheit zu verschaffen, daß sie das Ehrenamt eines Preisrichters annehmen würden. Das geschah auch, und einer der drei Preisrichter sollte kein Geringerer als Ferdinand Gregorovius sein. Der Vorstand der Wiener Kultusgemeinde trug dem großen Historiker die Bitte vor, daß er die Stelle eines Preisrichters übernehmen wolle, und adressirte den vom 10. März datirten Brief nach München. Ferdinand Gregorovius war damals in Rom, und kaum zurückgekehrt, antwortete er am 29. März, daß man ihm noch drei Tage Zeit lasse, um seine Antwort zu erwägen und zu motiviren. Am 2. April richtete er ein ausführliches Schreiben nach Wien, aus welchem ich hier das Wichtigste mittheile. Er schrieb: „Die von Ihnen gestellte Aufgabe über die Geschichte der Juden in Rom von der Zeit des Pompeius bis auf die Gegenwart ist der Art, daß sie die höchste Billigung nicht nur in den Kreisen der-bezüglichen Fachwissenschaft, sondern der gebildeten Wett verdient. Ich besonders beglückwünsche Sie, als Geschichtsschreiber Roms im Mittelalter, zu diesem Plane, dessen Ausführung einem von mir längst gehegten Wunsche entspricht. Denn ein solches Werk wird, fein Gelingen vorausgesetzt, nicht nur eine Lücke in der Geschichte des Volkes: Israel ansfüllen, sondern auch die Geschichte Roms unter den Kaisern und Päpsten spezifisch ergänze». In meiner Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter konnte ich das Fortleben und die Schicksale der jüdischen Gemeinde dort nicht übersehen, aber doch nur mit wenige» Zügen bezeichnen.. Ich bin über ganze Partien des Lebens und der Fortgestaltung der römischen Synagoge nicht aufgeklärt, allein ich bin wohl im Stande, zu urtheilen, daß sich periodenweise ein reichliches Material für eine Geschichte derselben zusammenbringen läßt. Es liegt zerstreut in vielerlei Schriften und Monumenten und setzt lange Mühen des Sammlers voraus. Deshalb will ich es offen bekennen, daß mir der Zweifel aufgestiegen ist, ob die Zeit von kaum zwei Jahren, welche seit der Aufstellung Ihrer Preisaufgabe verflossen ist, als zur Herstellung einer gediegenen Arbeit über einen so schwierigen Gegenstand ausreichend betrachtet werden kann. Sie haben die Güte gehabt, mir mitzutheilen, daß drei Arbeiten eingelaufen sind, welche nach den Statuten der Stiftung drei Preisrichtern vorzulegen sind, und Sie haben mich aufgefordert, einer dieser drei Preisrichter zu sein. Ich erkenne in dieser Aufforderung ein mich ehrendes Vertrauen, dem ich gern entsprechen möchte. Ich verhehle Ihnen aber zunächst nicht meine Bedenken, welche kurz gefaßt diese sind. Ich bin durch Arbeit ermüdet und ein in ihr alt gewordener Veteran. Meine Augen find leidend und einer Kur bedürftig. Zu gleicher Zeit beschäftigt mich jetzt der Neudruck meiner Geschichte der Stadt Rom. Es ist daher keine geringe Aufgabe für mich, drei Werke sdreier Autoren im Manuskript zu lesen. Ehe ich mich nun endgiltig entschließe, zu meinem Theile das Preisrichteramt zu übernehmen oder dasselbe abzulchne», wünsche ich zu erfahren: wie stark das Manuskript einer jeden der drei Arbeiten ist, ob jede derselben auf einen oder auf niehr Bände berechnet ist, endlich welche Männer sonst das Preisrichteramt übernommen haben, und bis zu welchem Termin das Gutachten abzugeben sei." Die drei Arbeiten wurden, dem Wunsche Ferdinand Gregorovius' entsprechend, demselben zugeschickt, und er äußerte sich in seiner ersten Antwort vom 17. April folgendermaßen: „Die Materialien auch nur für eine Geschichte der Juden in Rom während der Kaiserzeit sind so reichhaltig, die Epochen des Pompeius, Titus, Hadrian, des Philo und Josephus find so bedeutungsvoll, daß sie allein den Autor jahrelang beschäftigen müssen. Nun kommt dann noch dar Mittelalter bis auf unsere Zeit: wer kann glauben, daß alle diese Verhältnisse geschichtlicher, archäologischer, dogmatischer, kirchlicher, literarischer und topographischer Natnr in einem Bande von 290 geschriebenen Seiten genügend erforscht und dargestellt und in den Wettbezug gebracht werden können? Die Geschichte der Juden in Rom, eine große Aufgabe, deren Lösung so schwer wie ruhmvoll sein muß, wird völlig werthlos sein, wenn sie uicht wissenschaftlich behandelt ist. Nur durch die Erhebung zum höchsten Range der Wissenschaft kann diese Aufgabe überhaupt gelöst werden, nur" so kann sie den Verfasser, wenn er selber Hebräer ist, von niederdrückenden Empfindungen in die Region der Wahrheit und Notwendigkeit erheben und ihn davor bewahren, statt der Geschichte ein Pamphlet zu schreiben. Wollen Sie meine Bedeuken einsichtigen Gelehrten Ihrer Verbindung mittheilen und vielleicht in Erwägung ziehen, ob es nicht gerathen fei, den betreffenden Autoren die Manuskripte zurückzustellcn mit Verlängerung der Zeit, um sich dann ihrer erst als einer grundlegenden Skizze für eine wahrhaft wifleüschaftliche Arbeit zu bedienen. Es wäre schade, wenn eine so glücklich gewählte Aufgabe ein Resultat ohne bleibenden Werth fände." Am 31. Mai schrieb Gregorovius fein Gutachten über die ihm überschickten drei Arbeiten, das ausführlich gearbeitet war, und das natürlich im Moment nicht veröffentlicht werden kann; er schloß dasselbe mit folgenden Worten : „Als Geschichtsschreiber der Stadt Rom im Mittelaller habe ich die Aussicht, daß endlich die Geschichte der Juden in Rom geschrieben werde, mit lebhafter Freude begrüßt. Sie werden mir deshalb die Bitte ge-

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