Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-05-15 · Heft 20 (15.5.1891) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 20 (15.5.1891)
Date
1891-05-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227898--47932-3270424
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

55, Jahrgang. Ar. 20 Berlin, 15. Mai 1891. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von derExpedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nabtrtner D*- Ludwig Philipp son - Sonn Verlags-VrpMtion: Gerlm, Lerusalemerftr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SWM Jerusalemer Straße 48/49 zu richten.! Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Eine Erinnerung. — Ferdinand Gregorovius. Von Dr. Adolf Jellinek. — Wissenschaft und Litteratur: Ans dem Lande des Propheten. Von Dr. Eduard Glaser. — Die Konzentration im biblischen Geschichtsunterricht. Von Gustav Eichen grün. — Das russische Gesetz und die Juden. Von I. Elk. (Schluß.) — Die Juden iu Corsu. Von Dr. M. Katzserling. — Der Jude als Romanfigur. II. Von Dr. Carl Pinn. — Feuilleton: Gott ist die Liebe. Von O. Bach. (Fortsetzung.) — Liltcrartsche Mittheiluugen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Thorn. Frankfurt a. M.. Wien, Triest. Paris, Petersburg. Athen, Constantinopel, Smyrna, New-Dork. — Bon Ratz und Fern. — Sprechsaal. — Miscellen. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. — Briefkasten. Eine Erinnerung. Berlin, 12. Mai. Das entschliche Schicksal der Juden in Rußland drängt in diesem Augenblicke alle anderen Fragen und Interessen in den Hintergrund. So verlockend es auch heute wäre, eine Parallele zwischen den Oberlandesgerichts-Präsidenten von Breslau lind Celle mit Bezug auf ihre Ansichten über den Antisemitismus zu ziehen, oder die Wucherfrage im Lichte der jüngsten Reichstagsverhandlungen noch einmal zu erörtern, das, was augenblicklich im heiligen Rußland vor sich geht, ist so unerhört, so furchtbar, daß alle anderen Fragen und Sorgen hinter diesem Ereigniß zurückstehen müssen. Man kann wohl sagen, daß eine Judenverfolgung in dieser Art und Ausführung bisher in der Geschichte nicht zu verzeichnen ist. Die Erregung über diese Thaten hallt durch die ganze europäische Presse wieder. Aber eine Intervention der europäischem Mächte ist nach Lage der augenblicklichen politischen Verhältnisie wohl ausgeschlossen; sie wäre wahrscheinlich auch erfolglos. Auch die Maßregeln, welche versucht werden, um Rußlands Finanzen zu schwächen, dürften die Wuth gegen die ohnmächtigen Opfer des Fanatismus nur noch steigern. Zwar die Thatsache, daß die neue russische Anleihe gescheitert ist, bleibt ein Ereigniß von großer Tragweite für die alte Welt. Die Austreibung von zehntausenden Familien muß Rußland wirthschaftlich schwer schädigen, ein Gesichtspunkt, der vielleicht auf das Schicksal der Anleihe von nicht geringerem Einfluß gewesen ist als das Mitgefühl mit dem Unglück der betroffenen Juden. So bleibt nichts übrig, als den Plan der Auswanderung mit aller Kraft und Cnergie zu betreiben! Mögen die Großen und Einflußreichen in Israel so rasch wie möglich ans Werk gehen! Möge die Einigkeit über Plan und Ziel der Auswanderung so bald wie möglich erzielt werden! Möge der vielgerühmte Wohlthätigkeitssinn der Juden sich bei diesem Anlaß so glänzend wie möglich bewähren! Es handelt sich um einige Millionen Menschen, die wegen ihres Glaubens bedrückt und verfolgt werden, das ist Alles, und mehr braucht nicht hinzugefügt zu werden. Gerade zu rechter Zeit kommt uns ein vergilbtes Zeitungsblatt in die Hand, das die russische Judenfrage grell illustrirt. An Ukasen gegen die Juden hat es ja in Rußland nie gefehlt — aber ihre Ausführung war niemals eine so grausanie, wie heute. Auch vor 47 Jahren handelte es sich um einen solchen Fall. Damals schrieb Zacharias Frankel — gesegneten Angedenkens! — in seiner „Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums" (April 1844) Folgendes: „Mit Trauer umhüllt sich allgemein der Blick bei dem Schicksal der in Rußland an der Grenze wohnenden Juden. Der Utas, der sie von ihren bisherigen Wohnorten in die inneren Gouvernements verweist, das grenzenlose Elend, das sie betrifft, die jeder Religion entehrende proselitische Tendenz, die jenem Utas zu Grunde liegt, dessen Entstehung von dem svgenannten Hebräerkomitce in Petersburg, zusammengesetzt aus abgefallenen und ihren früheren Glaubensbrüdern uni so feindlichcrn Juden, veranlaßt sein soll, ist reichlich in diesen Blättern besprochen worden. Es seufzt die Menschheit, es seufzt Glaube und Glaubensduldung bei diesen in unseren Tagen auftauchenden Schreckgestalten. Darum kann nur Achtung dem wackeren Oberrabbiner zu Posen, Herrn SalomonEiger, gezollt werden, der, für die leidenden Brüder in die Schranken tretend, nach Berlin ging, um die Vermittelung des Königs von Preußen anzuflehen, und daß der Monarch sich für die Unglücklichen verwende. Herrn Eiger wurde oft zum Vorwurf gemacht, daß ihm die moderne Bildung abgehe, aber er ist ein Rabbiner der antiken Thatkraft; er hat sich seinen Kreis im Leiden mit seinen Brüdern und regsamen Streben nach Abhilfe vorgezeichnet. Auch der Königsberger wie der Berliner Gemeindevorstand haben gerechten Anspruch auf achtungsvolle Anerkennung. Ersterer durch seine lebhafte, wenn auch erfolglose Verwendung in Petersburg selbst, letzterer durch eine, wie die „Deutsche allgemeine Zeitung" meldet, in gleicher Absicht wie Herr Eiger dem König überreichte Bittschrift. Das Resultat ist noch nicht bekannt, doch wie es auch immer sich gestalten mag, es ist eine Manifestation von Seiten einer der gebildetsten und zahlreichsten Gemeinden dargelegt worden, wie das Schicksal ihrer Gaubensgenossen ihr nickt gleichgiltig und das Gefühl für den Glauben nicht ini engherzigen Emanzipationsegoismus untergegangen sei." Wir wiffen nicht, ob die Intervention des Rabbiners und der Gemeindevorstände damals von Erfolg gewesen ist. Das aber wiffen wir, daß die Erinnerung an jene Vorgänge die wehmüthigen Gedanken, die das harte Schicksal der russischen Juden in allen fühlenden Menschenherzen wachrufen muß, durch die Erwägung dessen, was damals möglich und vielleicht erfolgreich war, heute aber in jedem europäischen Staate zum Mindesten inopportun sein würde, nur zu verstärken geignet sein möchte. 9

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.